001 DIS für Einsteiger

Herzlich willkommen nach dem Diagnose-Upgrade zu DIS! Upgrade deswegen, weil kaum jemals ein DIS-Patient auf den ersten Versuch „richtig“ diagnostiziert wird. Üblicherweise kommt man aus einer der Diagnoseschubladen „(komplexe) posttraumatische Belastungsstörung“, „DDNOS“ oder aus der Ecke diverser Komorbiditäten wie Essstörungen oder Selbstverletzung in die DIS.

Kostenlose Upgrades sind cool bei einem Langstreckenflug – dann darf man Business fliegen, obwohl man nur Economy bezahlt hat. Über Upgrades bei F-Diagnosen freut sich kein Mensch. Oder zumindest ich hab mich nicht gefreut. Ich hab mich erschreckt. Du hast Dich auch erschreckt? – Hier ist die Erstversorgung (die ich mir für mich gewünscht hätte…) 🙂


Hilfe, multiple Persönlichkeitsstörung! Bin ich Dr. Jekyll & Mr. Hyde?! Keine Panik – Die Mediendarstellung von DIS oder früher MPS (multiple Persönlichkeitsstörung) ist nicht besonders akkurat. Sie bemüht sich nicht um Realitätsnähe, sondern macht Einschaltquoten oder Verkaufszahlen mit effektheischerischen Darstellungen und wird von Fachleuten immer wieder als gefährdend eingestuft (Statement der ISSTD zu einem Film). Menschen mit DIS-Diagnose (sagen wir lieber weniger pathologisierend „Vielemenschen“ 😉 ) sind nur sehr selten gefährlich für ihre Mitmenschen. Wenn Du es bisher nicht warst – und genau wie ich noch nie in Deinem Leben ein Verbrechen begangen hast, das über Strafzettel kassieren hinaus geht – gibt es keinen Grund, dass Du jetzt damit anfangen wirst, nur weil jemand Dir eine neue F-Diagnose verpasst hat.

Du bist nicht allein… Die Prävalenz von DIS in der Bevölkerung wird auf 1% geschätzt. DIS ist also nicht so „selten“, wie oft behauptet wird. 1% – damit ist eine dissoziative Identitätsstruktur vergleichbar häufig wie Borderline oder 10x so häufig wie der plötzliche Kindstod. Nur etwa ein Drittel der „Betroffenen“ (was für ein Unwort) wissen über ihre Diagnose bescheid. Du hast bestimmt schon mehr als 1000 Menschen in Deinem Leben die Hand geschüttelt – rein statistisch müssen da einige dabei gewesen sein, die (diagnostizierte oder nicht bekannte) DIS haben. 🙂


Hilfe, schlimmer geht’s jetzt nimmer, oder?! Hm, naja. Es stimmt, Du hast hiermit die oberste Sprosse der Traumafolgestörungen erklommen – upgraden kann man Dich jetzt nicht mehr. DIS ist kein Weltuntergang, es ist ganz sicher nicht das Aus auf ewig. Ich hatte befürchtet, dass man mir mit der neuen Diagnose mitteilt: ab jetzt für immer nicht geschäftsfähig, nicht beziehungsfähig, nicht erziehungsberechtigt. Das war keine besonders logische Schlussfolgerung, denn ich bin ja bisher auch erfolgreich im Beruf, lebe in einer knapp 20jährigen glücklichen Beziehung und bin Mutter eines quiekfidelen Kindes. Ich habe ja bereits bewiesen, dass ich geschäftsfähig, beziehungsfähig und erziehungsberechtigt bin – warum sollte die Diagnose nun bescheinigen, dass ich das alles nicht kann? Selbstverständlich gibt es Vielemenschen, bei denen das Leben so durcheinander geht, dass die Ausübung eines Berufs (noch) nicht möglich ist; oder dass Beziehungen, besonders Partnerschaften, eine äußerst schwierige Angelegenheit sind. Aber entweder berufsunfähig, beziehungsunfähig oder nicht geschäftsfähig sind auch viele Einsmenschen ganz ohne F-Diagnose – zumindest für einen Zeitabschnitt ihres Lebens. Es gibt viele Beispiele, dass man „damit“ ein gutes Leben führen kann mit Beruf und Familie. Drei von vielen Beispielen sind

  • Elisabeth Corey, MSW (Mutter von Zwillingen, alleinerziehend, DIS-Diagnose Interview z.B. auf Podcast Surviving my Past, Folge 38) oder
  • Michelle Stevens, PhD (beste PhD-Thesis 2012 in Psychologie, seit der Bucherscheinung im März 2017 zahlreiche Interviews und Portraits in allen Medien, DIS-Diagnose, scaredselfless.com).
  • Patricia Sherman, PhD (promovierte in Sozialarbeit, Autorin und weltweit gefragte Vortragende zum Thema Trauma, zweifache Mutter, mehrfache Großmutter, DDNOS-Diagnose)

Hä?! Kann die Diagnose stimmen? War eine der ersten Fragen, die bei mir aufgepoppt ist. Mir kam das komisch vor, dass mir das von außen jemand sagen musste, dass angeblich in meinem Körper „mehrere Persönlichkeiten leben“. Wieso weiß ich das nicht schon immer? Mir kam das noch viel komischer vor, dass ich es über 10 Jahre durchs Psy-Wesen – sowohl bei Trauma-spezialisierten Therapeutinnen, als auch in einer Klinik – „geschafft“ habe, ohne dass das jemand bemerkt hätte. Oder sich nur nicht getraut hätte, mir das zu sagen? Und meine Familie – die hat auch nichts bemerkt? Fight Club, Shutter Island oder United States of Tara in meinem Kopf? Seit 30 Jahren und keiner merkt was? Echt jetzt?

Der anerkannteste Test für DIS ist das Multidimensional Inventory for Dissociation (MID) von P.F. Dell (2006) – das war jener Test, den ich gemacht habe, und das Ergebnis kann man leider nicht gerade als Grenzfall bezeichnen. Es ist eindeutig. Meine Fachärztin, die mich seit Jahren kennt, hält das Ergebnis für valide. Fakt. Bäh. Echt jetzt.

Später habe ich festgestellt: Das ist eher die Regel als die Ausnahme, dass man das „von außen“ gesagt bekommen muss.


on-off-Suizidalität – Gehirntumor? – Streit im Kopf. Auch sonst sind meine Probleme recht lehrbuchhaft, wenn man nicht gerade die Huber-Bücher mit ihren extremen (überzogenen?) Fallbeispielen liest: bisher noch nie im Leben eine Freundin gehabt, die Therapeutin ist die erste stabile Beziehung ever, arbeitsunfähig, wenn man mal von Prostitution absieht. Nichts von diesen tristen Fallbeschreibungen trifft auf mich zu, daher wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, dass DIS mich betreffen könnte. Gibt es sicher auch – aber in den Huber-Büchern wirkt es so, als wäre die arbeitsunfähig-beziehungsunfähig-nicht-geschäftsfähig-Trilogie die einzige Option eines Lebensentwurfs mit DIS. Das ist wohl eher die (bewusst gewählte?) Darstellung einer Fachkraft – für mehr Ansehen in der Traumafachwelt durch den Sieg bei den spektakulärsten Fällen? Oder die Darstellung einer überforderten Einzelperson? Ich weiß es nicht. Ich würde Frau Huber aber wirklich, wirklich gern fragen, warum sie ein so einseitiges Bild gezeichnet hat, während international renomierte Fachleute wie Dr. Kathy Steele, MN, CS, oder Ellert Nijenhuis, PhD das nicht tun.

Bei anderen Autoren habe ich viele Zitate von Vielemenschen entdeckt, die von mir sein könnten.

Der Wunsch, mein Leben zu beenden, wird ohne Bruch abgelöst vom Gedanken an die Einkaufsliste für den Supermarkt.
aus einem online-Dokument von M. von Lüttichau 2016

Die Geschichte meiner Blackouts ist über zehn Jahre alt – da aber nur in Hochstress-Situationen. Man konnte sie also auch anders erklären als durch eine DIS. Schon vor sechs Jahren waren meine Alltagsblackouts wöchentlich vorhanden – das wusste auch meine damalige Therapeutin. Dann wurde es besser.

Erst als vor einigen Monaten die „Blackouts von den Blackouts“ (das Realisieren eines Blackouts war so stressig, dass genau das das nächste Blackout verursacht hat – das kann mein Gehirn besonders gut) nachgelassen haben, wurde mir plötzlich bewusst, dass mir sehr oft „Zeit fehlt“, ohne ersichtlichen Grund. Ich war so besorgt, dass ich ganz aufgelöst meine Therapeutin gefragt habe, ob es sein kann, dass ich einen Gehirntumor habe. Diese Frage ist bei DIS wenig originell, wie ich später gelesen habe.

Die bahnbrechende neue Info für mich, die mit der Diagnose kam, war: Diese ständigen Diskussionen in meinem Kopf über alles und jedes – die haben andere Menschen nicht. Und diese Diskussionen habe ich immer schon, daher dachte ich, alle Menschen denken so. Wie oft wurde ich routinemäßig gefragt: „Hören Sie Stimmen?“ Und immer war meine Antwort wahrheitsgemäß nein. Ich höre keine Stimmen. Wenn man mich gefragt hätte: „Diskutieren Sie in Ihrem Kopf öfter mal mit sich selbst?“ wäre meine Antwort gewesen: „Ja, ständig. Ist das nicht normal?“ Und genau diese Kontroversen über Entscheidungen, über Menschen in meinem Leben, über Alltagskleinigkeiten halten mich vom Schlafen ab. Und Schlafen ist mein großes Problem. Heureka.


Die schlechte Nachricht: Allein geht es nicht – für längere Zeit nicht, jedenfalls nicht mit meinen Symptomen. Es hilft, sich Ziele zu stecken: Was soll sich ändern? Hilfe suchen sollte der erste Schritt sein. Fachleute finden ist schwer. Für Borderline gibt’s scheinbar Helfer wie Sand am Meer, für DIS eine offensichtliche Unterversorgung im deutschen Raum: Ich habe bei meiner Therapeutensuche das Diagnosekürzel F44.81 gleich bei der Kontaktaufnahme genannt und nur an traumaspezialisierte Therapeuten geschrieben – man bekommt in fast allen Fällen eine Absage retour, selbst wenn man schreibt, man würde monatelange Wartezeiten inkauf nehmen und die Therapie privat bezahlen.  Man findet kaum Fachpersonal mit DIS-Erfahrung. Ich wohne in einer Millionenmetropole mit ausgeprägter Psy-Kultur und habe unter den Therapeuten, die sich selbst als Trauma-spezialisiert mit starkem Fokus auf komplexer PTSD bezeichnen, kaum jemanden aufgetrieben, der mehr als drei DIS-Patienten in seinem Leben betreut hat in über 20 Praxisjahren. Wenn man jemanden gefunden hat,

  • der fachlich qualifiziert ist,
  • sich zum Thema Trauma weiterbildet,
  • Supervisionsmöglichkeiten hat UND
  • DIS-Erfahrung mit Stichprobe n>2 hat,
  • nicht in den nächsten drei Jahren eine Pensionierung, Schwangerschaft oder andere Auszeit plant (denn: jeder Therapeutenwechsel ist anstrengend und hat hohe Opportunitätskosten) und
  • es auch noch auf der persönlichen Ebene passt

– Hauptgewinn! Zum Thema Hilfe suchen gibt es eine Artikelserie (Teil 1), eine gute Orientierungshilfe von Chu et al.  und eine gute Podcast-Folge von „Viele Sein“ (vielesein.wordpress.com, Episode 16).

Die DIS-Diagnose ist wie vieles im Leben eine Frage des Betrachtungswinkels. Für mich ist sie nicht „das Ende“, die völlige Eskalation der Traumadiagnosen, sondern eher der Anfang, endlich verstanden zu werden und nach über zehn Jahren im Psy-Wesen endlich Ideen zu finden, die helfen! Juchu! Es ist nicht, wie plötzlich auf hoher See allein zu sein, sondern wie an einen Strand zu kommen. Es ist ein neuer Strand, daher setz Dich erstmal in einen der Strandkörbe, erhol Dich vom Schreck und orientiere Dich. Lauf bitte nicht gleich ins Dickicht – heute muss überhaupt nicht entschieden werden, ob Du in irgendeine Richtung rennen sollst. Vorher solltest Du Vorräte anlegen, über Gefahren bescheid wissen, kämpfen lernen und regenerieren lernen – also jederzeit wieder zum Strandkorb zurückfinden – und ein Expeditionsteam finden, denn Therapeuten udn Fachärzte wissen übers Dickicht besser bescheid als unsereins.

Hilfreiche Ideen können aus Therapiestunden, den richtigen Büchern und online-Ressourcen kommen. Ich finde meine Therapeutinnen enorm bereichernd, aber sie sind alle „Einsmenschen“ – und so sehr sie sich Mühe geben, sie haben selbst ein Einsmensch-Gehirn; ich habe aber ein Vielemensch-Gehirn. Deswegen habe ich dieses Blog angefangen: Für Tipps von Vielemenschen-Gehirn für Vielemenschen-Gehirne. Klar ersetzt das keine Therapie, aber wenn Du Dir aus Deiner Therapie und aus Ressourcen von anderen Vielemenschen die Rosinen herauspicken kannst, dann wird das Leben leichter.

Die Suche nach einer passenden Therapeutin kann dauern, es gibt Wartelisten, und bis dahin gibt es einige Dinge, die man tun kann, die keinen Schaden machen und nicht mal (viel) Geld kosten. Um die vier ersten Schritte nach der Diagnose geht’s in den nächsten beiden Beiträgen.


Du hast bis hierher gelesen? Ich freu mich, wenn Du mir einen Kommentar da lässt.

Wie bist Du zu Deiner Diagnose gekommen? Und wie hast Du sie aufgenommen? / Du hast eine Frage zu DIS? Stell sie unten in den Kommentaren.


Du hast mit Trauma gar nix am Hut, aber jemanden mit Traumafolgestörung in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis? Du verstehst nicht, warum man den Altkram „nicht einfach hinter sich lässt“? Hier findest Du Infos, warum das leider nicht so einfach geht: 097 Dreikampf mit Trauma

Medienempfehlung DIS für Einsteiger: Radiobeitrag hören; einfühlen in einen Alltag mit DIS für Einsmenschen? Buchempfehlung

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28 Kommentare Gib deinen ab

  1. sternenstaub sagt:

    Hallo,

    wissen es garnicht wie es mit den Diagnosen ging. Messen dem auch wenig Wert bei, es leitet sich ja fast nichts draus ab, selbst Hilfe ist damit nicht besser erreichbar. Etwas erschüttert hat uns höchstens mal die Diagnose Prozesspsychose, dass war kurz nach dem Suizid von unserem Geschwister. Ist schon lange her, wird doch noch öfters siedend heiß dabei.

    l.g.

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    1. Hallo Sternenstaub,
      es stimmt, egal wie die Diagnose ist, hier bei uns bekommt man trotzdem keine Therapie bezahlt. War für Dich die Diagnose nicht zumindest insofern wichtig, als dass jemand das Problem benannt hat und versteht und daher helfen kann? LG s.

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      1. sternenstaub sagt:

        Hallo,

        nein, es gab und gibt hier mehrere Diagnosen. Denken das man seine Probleme eher selbst benennen sollte. Wenn die Probleme (was ja bei Diagnosen passiert) von jemand anders benannt werden wurde es hier bei uns eher selten als passend empfunden.

        Eine ganz andere Hausnummer sind Klinikberichte, darin finden wir fast nichts von uns wieder. Und gezieltere Therapie war dadurch auch nicht möglich. Es gibt Wartelisten wo wir draufstehen, da ist noch zwei Jahre Zeit bis wir vielleicht dran sind. Und ob es dann für uns passt ist nicht klar. Versuchen wenigstens Vorgespräche zu bekommen, damit wir einschätzen können ob es überhaupt Sinn hat dort auf der Liste zu bleiben.

        l.g.

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  2. MrsTingley sagt:

    Was für ein toller Blog! Ich werde mich die nächsten Tage genauer umsehen 🙂
    Alles Liebe, MrsTingley

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    1. Oh. Das hat noch nie jemand gesagt. Ich freue mich riesig! 🙂

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  3. Ich habe meine Diagnose vor 10 Jahren bekommen und „vergessen“. Erst vor paar Monaten hab ich die Bücher von Michaela Huber gelesen, die mich praktisch beschrieben haben. Ich fand es alles unglaublich und entdecke ständig neu Dinge aus meinem Leben…
    Die Diskussionen im Kopf: das ist echt nicht bei Jedem Menschen so? Das wußte ich nicht. Für mich sind die gefühlt schon immer mein Begleiter.
    Mit den Therapeuten und Kliniken gebe ich dir völlig Recht, ich verstehe nicht, wieso die sich nicht mit DIS auskennen, diese sogar verleugnen. Gerade Trauma-Spezialisten müssten das kennen und anerkennen, aber Pusstekuchen! Man kann sich düsselig suchen, um Jemand zu finden, der bereit ist mit Innis zu arbeiten. Aber es ist sehr wichtig, die Erfahrung hab ich gerade mit meiner neuen Thera (die ich auch privat zahle, weil ich keine Kassen-Therapeutin finde) gemacht. Als ein Inni selbst erzählte, änderte sich was in meinem Leben zum positiven. Als ich erzählte, was das Inni und ich erinnere, löste sich gar nichts auf, es ist quasi unbearbeitet geblieben. Es lohnt sich sehr den Hauptgewinn zu suchen und die Innis selbst sprechen zu lassen!
    Danke für dein Blog.

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    1. Hallo Vergissmeinnicht, danke für Deinen Kommentar! 🙂 Das war die wichtigste Info für mich: dass die Kopfdiskussionen andere Mencshen nciht haben – das ist der einzige Teil der DIS-Diagnose, den ich gern schon vor 20 Jahre gehabt hätte!
      Was Du beschreibst (auf Deiner Seite) kenne ich leider sehr gut: Meine eigenen Symtome zu verDISen habe ich fast täglich notwendig. Alles Liebe s.

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  4. Mi sagt:

    Hey (:

    Ich finde das gerade so toll, dass ich diesen Blog hier empfohlen bekommen habe…

    Ich führe meinen ja auch schon ca. ein Jahr… seit dem 15. Dez. 17 bin ich in einer Psychiatrie. Geschlossen untergebracht vom Amtsgericht. Wie es zu all dem kam, kann ich gerade spontan gar nicht sagen…. ich müsste extrem nachdenken und vieles schwebt in meinem Kopf nur wie so Spinnenweben, nach denen ich zwar greifen will, die mir aber durch meine Finger gleiten. Außerdem wüsste ich nicht einmal ob das alles so stimmt, was ich schreiben würde.

    Ich bin in der Klinik mit einer Borderline PS angekommen, habe aber erst vor ca. 4 Wochen festgestellt, dass mir dkese Diagnose mit 14 Jahren gestellt wurde. Ich war erschrocken und verwirrt. Ich konnte mich nicht im Geringsten damit identifizieren.

    Habe ich angesprochen hier. Ich wurde auch nie ernstgenommen. Alles wurde als Aufmerksamkeitsstörung abgestempelt, egal was ich tat. Ich konnte es nicht verstehen. Bis ich eben gehört habe, welche Diagnose ich angeblich haben soll.

    Mittlerweile weiß ich, dass ich Recht hatte: ich habe keine Borderline PS .

    Es fing bei mir während dem Aufenthalt hier an. Mein behandelnder Arzt sieht exakt so aus wie der Typ aus meiner Kellergeschichte. Trigger pur, darauf folgende, extreme Erinnerungslücken, in denen ich angeblich dies und jenes getan hätte, von denen ich selbst vor Gericht schwören würde – NIEmals! Das ist NICHT meine Art!

    Wurde nur belächelt.

    Okay.

    Irgendwann fand ich ein Tagebuch. Bzw habe ich dieses Tagebuch vor ca einem halben Jahr gekauft und hierher mitgenommen, um es anzufangen, wenn mein Altes voll wird.

    Vor drei oder vier Wochen war es so weit (mit der Zeit habe ich es nicht so)… ich wollte das TB anfangen… öffne die erste Seite und kriege einen halben Schock weil schon Einträge drinnen stehen. Ich saß fassungslos davor, dachte mir im ersten Moment, irgendein Patient hier will sich einen verdammt schlechten Spaß mit mir erlauben. Ca. vier verschiedene Handschriften – eine konnte ich kaum lesen, eine heftige Schönschrift! Eine Kinderschrift.. Druckschrift… ich schätze mal 1. oder 2. Klasse, und eine total hässliche Tussi-Schrift mit Kreisen als i-Punkt usw. Ganz furchtbar.

    Erst als ich einige Einträge gelesen habe, wurde mir so schlecht, dass ich nicht wusste, ob ich kotzen, heulen oder schreien soll.

    Meine komplette Erinnerung an die Kindheit fehlt mir. Da ist n i c h t s. Mein Leben fängt quasi erst ab dem 10. Lebensjahr an. Und irgendwo zwischen dem 10. und 12. Lebenjahr war meine Kellergeschichte.

    Der Großteil meiner letzten sieben Jahre besteht aus Erinnerungsfetzen (ich bin jetzt 20). Von der Kellergeschichte habe ich nur Standbilder ohne Bezug. Ca. sagen wir mal vier bis fünf Puzzlebilder.

    Aus meiner Kindheit nur eine Einzige – nämlich, wie ich mich immer irgendwo versteckte. Kein Plan wieso, kein Plan ob ich mir das bloß einbilde. Kein Plan von nichts.

    In einem dieser Einträge stand aber in dieser Kinderschrift („schreiben ist so blöd das ist so anstrengend, ich würde lieber reden, aber das geht nicht und das erlaubt SIE mir auch nicht“) … wie es zu dem einen Standbild eines meiner Verstecke kam. Eine grausame Geschichte. Eine, weswegen mir die Kinderhandschrift leidtat, die mich wütend machte, weil keiner sie „gerettet“ oder zumindest in dem Arm genommen hat. Aber auch eine, zu der ich null Bezug habe. Wie eine Geschichte aus einem Buch. Ich könnte sie selbst jetzt nicht wiedergeben. Wie gesagt, es ist, wie ein Buch lesen. Ich weiß, ich habe es gelesen und weiß nun auch so ungefähr, was passiert ist, aber ich müsste nochmal lesen, um es erzählen zu können.

    Und trotz allem weiß ich nun, dass ICH das alles geschrieben haben muss.

    Denn (eine krasse kurze Erklärung): Vor ca. einem Monat passierte etwas Abgefahrenes. Ich erinnere mich wieder bloß an Stanbilder und an Spinnenweben. Sehe alles, wie durch andere Augen: Da ist mein Arm, über und über mit Blut besudelt, der behandelnde Arzt in der Tür (Schnitt), nächstes Bild/ bzw jetzt bewusste Erinnerung!: Der Arzt liegt auf mir drauf, drückt mich ans Bett, ich wehre mich nicht, bin wie gelähmt, weiß nicht was passiert, wimmere. Eine Pflegerin reißt an meinem Kopf herum, ich schmecke Blut und Metall und spucke, während sie mir den Mund aufreißt und schüttelt und mir eine Klinge aus dem Mund fällt.

    Wie sie da rein kam? Weiß ich nicht. Warum sie da rein kam? Weiß ich auch nicht.

    Ich war taub, wie gelähmt, unter Schock.. es standen über ein Dutzend Pfleger in meinem Zimmer. Ich habe aber nur zwei gesehen. Ich war völlig neben mir. Sie begleiteten mich vor. Ich wusste, sie werden mich fixieren. Ich verstand die Welt nicht mehr, wehrte mich nicht.

    In einem der Einträge stand die GANZE Geschichte von diesem Fixierungstag. Also: WAS passiert ist, WIESO es passiert ist.

    Das ist nur ein Beispiel von vielen Krassen aus diesem Aufenthalt hier.

    Erst vor einer Woche war eine Gutachterin da. Eine sehr Gute. Sie nahm sich 1,5 Stunden für mich Zeit, hörte mir vorurteilsfrei zu, nahm mich ernst. Hinterfragte alles sehr genau. Sie fragte auch, wieso ich Medikamente verweigere. Ich hätte Antidepressiva nehmen sollen. Fluoxetin. Ich erklärte ihr, dass ich sie verweigerte, weil ich weiß, dass ich definitiv NICHT schwerdepressiv bin (wie es in meinen Beschlüssen von diesem (Anm. abwertendes Attriubut entfernt) Arzt bisher stand). Und dass ich keine Medis nehme, wenn ich mir sicher bin, dass ich eine Fehldiagnose bekommen habe.
    Ich liebe mein Leben. Mein Umfeld, meine Freunde, meine Arbeit.

    Mittlerweile weiß ich, dass es einen Teil in mir gibt, die all das nicht mag, die es sogar hasst – die mich sogar umbringen wollte UND die mich jetzt (nachdem ich wieder bereit bin zu kämpfen), abgrundtief hasst (lese ich aus den neuesten Einträgen in dem GTB – ich nenne es ganz liebevoll „GruselTageBuch“, deshalb GTB) und mich sogar dazu überreden will, wieder sterben zu wollen.

    Das war ja am 15. Dez der Grund für meine Einlieferung. Ich hatte ein Jahr lang um Hilfe gekämpft, gemerkt, die gibts nicht, habe auch gesagt, okay, keine Kraft mehr… während ich nur mit dem Gedanken SPIELTE, war ich in mir drinnen furchtbar zerrissen, mir ging es elend! Als ich mich dann Anfang Dezember ganz sicher für den „letzten Ausweg“ entschied – und zwar extrem penibel nach Plan – kehrte eine eigenartige Ruhe in mir ein. Als würde dieses rebellische Biest (von dem ich jetzt im Nachhinein betrachtet endlich weiß, dass SIE es war), aufatmen und erleichtert darüber sein, dass wir endlich einer Meinung sind: das Leben ist scheiße, verpissen wir uns!

    Die Gutachterin stellte zum Ende hin noch viele merkwürdige Fragen und sagte schließlich, sie sei fast ein wenig stolz, dass ich so ein gutes Bauchgefühl habe, weil sie a) ziemlich davon überzeugt ist, dass ich k e i n e Borderline-Persönlichkeit bin (1. Weil man mit 14 diese Diagnose gar nicht gestellt kriegen kann, 2. Weil sie nach allem kaum Merkmale findet, die darauf zutreffen) und b) mir erklärte, dass ich sehr viele Symptome eines dissoziativen Störungsbildes aufzeige.

    Sie nannte mir Viele: Dissoziative Amnesie, dissoziative Bewegungsstörung, etc. pp.

    Sie sagte, sie vermute, es bewege sich bei mir eher durch eine PTBS in diese Richtung und dass diese Medikamente nicht großartig etwas bewirkt hätten, hätte ich sie auf Dauer genommen – weil ich eben auch null depressiv wirke. Wie gesagt, ich liebe das Leben und mir ist sogar bewusst, dass ich das auch ausstrahle. Denn es ist e c h t – ich tue nicht bloß so!

    Deshalb fordert sie nun per Beschluss eine neue Diagnosestellung hier in der Psychiatrie.

    Ist noch nichts gekommen.

    Aber ich habe mich jetzt mehr im Blick. Außerdem habe ich hier eine Mitpatientin die seit Wochen alles miterlebt. Wir haben heute ewig darüber gesprochen. Sie erzählte mir so viel über diesen Aufenthalt hier, woran ich mich null erinnern kann. Ich hätte zum Beispiel mit meiner Bezugspflegerin SO gestritten/diskustiert, dass man hätte denken können, wir schreien uns an. Haben wir vermutlich auch.

    Das Ding ist nur: mir fehlt die geringste Erinnerung dazu. Nicht einmal Standbilder oder… Spinnenweben sind da. Ich kann es mir nicht mal vorstellen, denn ich würde miich im Leben nicht trauen Frau *Beier so anzuschreien. Ich mag sie verdammt gerne, außerdem habe ich zu großen Respekt vor ihr und allgemein bin ich niemand, der schreit.

    Seit ich all das weiß, halte ich nun aktuell alles in meinem Blog fest.

    Und weil mich da jemand schon ziemlich lange verfolgt (Kamikazeente – nochsoeineblog.wordpress.com), gab sie mir den Link zu Deinem Blog und ich bin soooo dankbar dafür.

    Tut mir leid für den langen Text… aber irgendwie habe ich das Gefühl, endlich einen Ort gefunden zu haben (leider.mal wieder nur im.Internet – aber immerhin), an dem man mich verstehen und ernstnehmen könnte.

    Liebe Grüße
    Mi

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    1. Liebe Mi, mein Herz raste nur noch als ich dich las. Es tut mir so leid. Mir fehlen echt Worte, aber ich möchte dir sagen, du hast mein volles Mitgefühl!
      Ich begreife es nicht, wieso es immer wieder diese Fehldiagnosen geben muss, wieso das keiner erkennt, was doch so eindeutig klar ist.
      Vielleicht liegt es daran, dass wirklich viele nicht glauben dass es DIS gibt, oder wird das nicht im Studium gelehrt? Oder überhören und übersehen die so viel? …
      Ich finde es mutig, dass du hier schreibst und wünsche dir viel Kraft und Liebe auf deinem Weg, der jetzt hoffentlich hilfreicher verläuft.

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    2. Hallo Mi, entschuldige bitte meine späte Antwort. Danke fürs Erzählen Deiner Geschichte – das ist ein sehr, sehr harter Weg zu einer (korrekten) Diagnose zu kommen, den Du da beschreibst – und nichts, für das ich „gefällt mir“ drücken könnte oder wollte. Es tut mir sehr leid, dass Du das erleben musstest… Nun hast Du die Diagnose erst seit sehr kurzter Zeit – haben sich da Veränderungen für Dich ergeben? Mehr verstehen? Mehr innere Kommunikation? Ich finde es toll, dass das GTB für Dich auf Anhieb so gut klappt. Ich habe vor kurzem auch 3 Artikel geschrieben über mein Bullet Journal – das allerdings weniger gruselig sein soll, sondern eher ein gegenseitiges Mutmachen. Aber alles im Leben hat seine Zeit! Ich wünsch Dir alles Liebe und hoffe, wir sehen uns demnächst mal wieder hier in den Kommentaren, s.

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  5. Hummelinchen sagt:

    Ich bzw. wir sind auch durch mehrere Schubladen gerutscht. Angefangen mit Depression über Essstörung (Anorexie/Bulimie), Borderline PS, Psychose, PTBS, Egostate Disorder bis hin zur DIS. Ein Teil von mir war froh, endlich so gesehen zu werden, weil es sich richtig anfühlt – also Richtung DIS. Ein anderer Teil zweifelt aber ständig daran. „Kann ja alles nicht sein. Das bildest du dir nur ein.“ usw…. Es liegen viele Klinikaufenthalte hinter uns, die bis auf einen überhaupt nichts in Richtung Stabilität gebracht hatten. Das ist eigentlich nicht verwunderlich – denn es ging ja immer irgendwie an der Sache vorbei. Erst als alle in mir in ihrer Funktion ernstgenommen wurden, ging es etwas besser. Leider hatte ich aber nach dem hilfreichen Klinikaufenthalt nicht die nötige therapeutische Unterstützung und bin wieder jahrelang im Nebel umhergeirrt. Ich hoffe, dass ich nun wieder einen Weg finde, um meinen Alltag gemeinsam mit denen, die da noch so in mir sind, gestalten zu können. Aktuell ist es eher ein trotziges Gegeneinander und Boykottieren. Was wohl daran liegt, dass es immer noch Zweifler und eine ablehnende Haltung gegenüber der DIS und ihren Ursachen in der Vergangenheit gibt.
    Vielleicht lesen die Zweifler hier mit und erkennen, dass wir gar nicht so anders sind.
    Vielen Dank für dieses wunderbare Blog. Es tut gut zu lesen, dass es nicht nur mir allein so geht.
    LG Hummelinchen

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  6. echtjetzt? sagt:

    @ Hummelinchen:Darf ich fragen, in welcher Klinik der hilfreiche Klinikaufenthalt war? Ich überlege derzeit, ob ein Klinikaufenthalt nicht doch notwendig für mich ist und habe bisher überwiegend gruseliges gehört. Ich habe (bisheriger Stand) eine Ego-State Disorder und auch dafür scheint es ja schon schwierig zu sein eine passende Klinik zu finden.

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    1. Hummelinchen sagt:

      Hallo echtjetzt?,

      ich war 2009 im Rahmen eines Reha-Aufenthaltes in der Klinik Ortenau in Zell am Harmersbach (Schwarzwald). Die Ärztin (und gleichzeitig auch Therapeutin), bei der ich dort war, ist inzwischen nicht mehr dort. Es gab dort eine reine Frauengruppe mit Schwerpunkt Traumatherapie. Keine Ahnung, ob es dieses Angebot dort noch gibt.
      Für mich war dort wichtig und hilfreich, dass die Ärztin mich mit den verschiedenen Anteilen und auch mit den dissoziativen Zuständen ernstgenommen hat. Dort wurde auch die Diagnose DIS festgestellt. Vorher war es nur ein Verdacht.
      Meine postiven Erfahrungen dort müssen aber nicht auch die anderer Patienten sein. Irgendwie hat ja jeder unterschiedliche Erfahrungen, Vorstellungen und Wünsche an einen stationären Aufenthalt. Vieles steht und fällt sowieso mit dem/der Therapeuten/in, der/die einen während des Aufenthaltes begleitet. Das kann sehr unterschiedlich sein.
      Es kann hilfreich sein oder – wie du schon schreibst – gruselig. Für mich persönlich ist das Thema Klinik vom Tisch, weil es eben oft nur nach Schema F geht und auf den einzelnen Patienten zu wenig eingegangen werden kann.
      Bist du denn ambulant in Therapie? Dann ist es vielleicht hilfreich, gemeinsam zu überlegen, ob ein stationärer Aufenthalt sinnvoll sein kann, was dir dabei wichtig ist und ob es für deine Situation passende Kliniken gibt. Die Entscheidung liegt letztendlich bei dir und die Erfahrungen, die du machst, sind auch deine.

      Liebe Grüße!
      C.

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  7. echtjetzt? sagt:

    @Hummelinchen: ja, ich bin in ambulanter Therapie. Und dort kam es zu dem Thema, dass es gut für mich sein könnte, manche Themen im geschützten Rahmen einer Klinik mit Schwerpunkt für Trauma und Dissoziativen Störungen zu bearbeiten. Meine Therapeutin hat auch schon welche vorgeschlagen, u.a. Klinik am Waldschlösschen. Aber es ist ja immer schön, wenn Patienten einen Tipp geben können, da die Therapeuten ja selber eher selten dort sein werden 😉
    Danke für Deine Antwort!

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    1. Was genau erwartest Du vom „geschützten Rahmen“? Ich muss gerade wirklich den Kopf schütteln über dieser Erwartung – nach meiner Klinikerfahrung.

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      1. echtjetzt? sagt:

        Ich meine wahrscheinlich etwas anderes als Du mit „geschütztem Rahmen“. Mir gibt es Sicherheit in einer gewissen Anonymität mich verhalten zu können, wie mir dann gerade ist. Hier zu Hause mit Job und Familie kann ich das nicht, da immer der funktionale Anteil übernehmen muss. Ich brauche Platz für die Entwicklung/Kennenlernen der anderen Teile von mir und einen ruhigen und geschützten Ort, wo diese Zeit und Platz haben hervor zukommen und keiner allzu erschreckt ist, wenn ich suizidale Gedanken habe (die ich eh nicht umsetzen würde, aber mich eben doch stark beunruhigen und beeinträchtigen). Hier vor Ort im Alltag mit erhöhten Therapiestunden unter der Woche würde ich das kräftemäßig nicht schaffen.

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        1. Welche Anonymität? Alle anderen Patienten auf der Station kennen die Vor- und Nachnamen von jedem, jeder kann jeden googeln.
          Eine Psychiatrie ist der schlechteste Ort der Welt, um „die Sau raus zu lassen“.
          In der Klinik, wo ich war, war man übermäßig erschreckt, wenn man nur sagt: „Ich kann nicht mehr.“ … so ein SAtz kam schon in den Selbstmord-Count.
          Ich finde nicht viel von Deinen Wünschen in der Realität wieder, in der ich drei Monate verbracht habe – aber ich wünsche Dir von Herzen alles Glück der Welt! ❤

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  8. Lauras&Wg sagt:

    Hallo,
    DIS Diagnose seit 2013 in psychosomatischer Klinik. Switches waren dort offensichtlich. Müssten viele Tests machen. Seit 33 Jahren verschiedene Therapien. Nur in Traumaklinik DIS Therapie. Ambulante Therapie bei netten Analytiker ohne DIS Erfahrung. Hat dieser Blog mit der ehemaligen Selbsthilfezeitung DIS Tanz zu tun? Schrieben da regelmäßig.
    Laura&Wg

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    1. Hallo Laura&Wg, hui, da bist Du ja echt erfahren. Nein, ich wusste gar nciht, dass es eine Zeitung mit demselben Namen gab, als ich das Blog angefangen hatte. Schön, dass Du (mit so viel Erfahrung) bei mir (mit vergleichswiese wenig Erfahrung) liest… Alles Liebe s.

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  9. Oh, oh, oh…
    Diese von dir angesprochene Diskussion zur Diskussion im Kopf -„Das machen doch alle?!“- führe ich seit Ende 2011, Beginn meiner Analyse und Diagnosestellung mit meinem Therapeuten jede zweite Sitzung. Mindestens!!! Denn ich will nicht so tun, etwas zu sein, was ich nicht bin, sonst könne „mann“ mir, sonst wird mir wieder in mir der lautstarke Vorwurf gemacht, ich wolle Mitleid evozieren und sei wie meine Mutter, über die ich aber selbst nichts sagen darf, sonst will „mann“, dass ich mich bestrafe… Blablabla.. [Kraftausdruck entfernt, Anm. SM] und völlig unlogisch!
    Insofern bin ich dankbar, an deiner Erfahrung teilhaben zu dürfen („Also spinnt der wiener Analytiker sich doch nicht alles zusammen?…“).
    Und nur am Rande, und da musste ich schmunzeln: Thema Michaela Huber. Erst ging man konform, war in einer Mailingliste, und nun wird geschimpft was das Zeug hält – also auch mein Therapeut ist vom Glauben abgefallen ;o)

    Liebe Grüße

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  10. Ich „freue“ mich schon, MEHR lesen zu dürfen!
    Zumal es hier um die „brandneuen“ Kriterien geht, und ich mich (im Ansatz) ein „bisschen mehr“ erkennen kann… DARF…
    LG

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  11. WegSuchende sagt:

    Wenn man mich gefragt hätte: „Diskutieren Sie in Ihrem Kopf öfter mal mit sich selbst?“ wäre meine Antwort gewesen: „Ja, ständig. Ist das nicht normal?“

    Ist das nicht normal? (Ich diskutiere gerade mit mir, ob es Sinn ergibt, in einem DIS-Blog zu kommentieren, mit dem Inhalt, dass ich mich wiedererkenne, wenn eigentlich weder ich noch irgendwer von den verwirrten Diagnosemenschen jemals auf diese Idee gekommen ist, dass das etwas mit mir zu tun haben könnte.) Hm, ich finde es eigentlich auch normal bei mir. Wird nur dann problematisch, wenn ich meine Diskussionen gerne laut führen würde in der Hoffnung, dass jemand das ein bisschen moderiert, damit ich endlich mal zum Ende komme. Oder wenn ich plötzlich laut sage, „hmm, wir haben unsere Mütze vergessen“. Ja, wir. Oder wenn ich im Alltag mit jemandem eine Diskussion führe über irgendetwas Schlimmes, das andere erlebt haben, aber ja nicht wir, und es deshalb gut haben, und ich da auch vollständig hinterstehe, und das dazwischenplaudernde Gefühl in meinem Kopf, das der Meinung ist, dass es aber so etwas schon erlebt hat, nur zum Anlass nehme, freundlich mitfühlend und verständnisvoll zu sein, aus der Außenperspektive. („Das ist Einbildung, du liest zu viele Blogs zu dem Thema, weil du dich langweilst, nichts davon ist dein Problem. Es diskutiert überhaupt niemand mit dir. Es hat auch niemand etwas Schlimmes erlebt.“)

    Naja, kurz zusammengefasst, ich mag dein Blog, in einigen Dingen entdecke ich mich auch etwas wieder. Dreikampf, Kompensationsmechanismen, die Kraft kosten, und somit die Alltagssumme etwas anstrengender machen, selbst wenn Dinge für sich kein Problem sind. Manchmal sehr viel schneller und effizienter als andere Menschen, in Summe aber eben Durchschnitt, weil dazwischen sich Totalausfälle tummeln.
    Du schreibst gut und spannend, und ich werde weiter folgen und mich auch noch ein bisschen durch alte Beiträge wühlen.

    Ob ich nun als von außen Interessierte, nicht Betroffene mitlese, oder als vielleicht teilweise selbst Betroffene, kann ich nicht wirklich kategorisieren. Muss vielleicht auch nicht. 🙂
    Ich lese einfach.

    Liebe Grüße

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    1. Willkommen! Verwirrung… ist erlaubt. Lg

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  12. Fabienne sagt:

    Hallo,

    ich finde deinen Blog sehr ermutigend. Gerade, dass du geschrieben hast, dass du dich auch nicht in den – garantiert berechtigten – Horrorvergangenheiten wie bei Fr. Huber und anderen traumaerfahrenen Therapeuten wiederfindest, aber dennoch die Symptome hast, hilft mir sehr, das auch für mich anzunehmen. Da ich mich als gut funktionierend empfinde und noch dazu keine massivsten Traumata erleben musste, kann ich die Diagnose DSNNB mit Verdacht auf DIS nicht annehmen und diskutiere immer wieder darüber. Da half mir dein mit Selbstironie gespickter Beitrag schon sehr, vielen Dank dafür!
    Ich hoffe du kommst weiter voran, ganz so, wie du es dir wünschst!

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    1. Danke und willkommen hier. 🙂

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    2. Hallo Fabienne, ich möchte nun doch nochmal bezug nehmen auf „Horrorvergangenheiten“ und „traumaerfahrene Therapeuten“. Ich denke schon, dass hinter jeder DIS eine Horrorvergangenheit steht, aber ich weiß inzwischen (eher aus der amerikanischen Literatur und auch aus so manchen Blogs), dass nicht jede_r DIS-Patient_in arbeitsunfähig und beziehungsunfähig ist; es KANN einen so schlimm erwischen, es kann aber auch anders sein und die Gegenwart klappt trotz der Horrorvergangenheit trotzdem irgendwie ganz okay. Der Begriff „traumaerfahrene Therapeutin“ stößt mir ziemlich auf, denn Menschen mit diagnostizierten psychischen Problemen dürfen irrerweise hierzulande nicht Therapeut werden / bleiben: Demnach ist (zumindest offiziell) keine praktizierende Therapeutin traumaerfahren – was ICH drunter verstehe. Es gibt Menschen, die mit Trauma nix zu tun haben, dann gibt es solche, die mit Trauma leben und welche, die vom Trauma leben, aber es gibt keine Schnittmengen leider. Du meinst damit vermutlich, dass eine Therapeutin (Sekundär-)erfahrung mit Trauma(patienten) hat; genauso wie ein katholischer Priester nicht eheerfahren ist, auch wenn er schon seit 20 Jahren in der Eheberatung arbeitet.
      Als ich mein Blog begonnen habe, hätte ich auch geschworen, dass ich keine massiven Traumata erleben musste. Inzwischen weiß ich es besser und es ist zumindest stückchenweise mehr Bewusstsein dafür da.
      Wenn Du Dich als gut funktionierend erlebst: Was ist Deine Motivation für Therapie oder Blog-Lesen?
      Ich wünsche Dir alles Gute für die Zukunft! Mit extralieben Grußen,
      s.

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  13. Also ich dachte, ich hätte hier schon mal zu Deinen Fragen kommentiert – aber scheinbar nicht ;). Aber ich lese schon ziemlich lange jetzt bei Dir mit und folge Dir ‚Wort für Wort“ und kann viel für mich finden – Ähnlichkeiten, Bestätigungen, Neues, Interessantes…..
    Zu Deiner Frage: Also bei mir war das so, dass ich früher in meiner Jugend- und jungen ErwachsenenZeit ständig nach Suizidalen Krisen in der Psychiatrie aufgeschlagen bin und alle möglichen Diagnosen hatte – kann sie gar nicht mehr aufzählen. Jede war falsch! Aber auch nicht verwunderlich denn ich bin noch 67 und damals gab es halt sowas wie DIS, Borderline …. und das Thema Missbrauch noch gar nicht. Dann hatte ich es echt satt mit den Therapien und Psychiatrien und Kliniken und ich beschloß keine Therapie mehr zu machen, denn jede Therapie machte alles schlimmer und jede wurde nach kurzer Zeit beendet, weil ich wieder einen Selbstmordversuch machte und der Drehtüreffekt wieder begann. Als ich meine Tochter bekam musste ich funktionieren – ich fühlte mich sehr verantwortlich und baute die nächsten Jahrzehnte sehr funktional aus – natürlich unterbrochen von vielen Krisen – immer nah am Abgrund. (Alleinerziehend, Brötchenverdienend), ein paarmal wegen burnout mehrere Wochen ausgefallen, dazwischen. Dann der Unfall 2013 – schwer – und 2 Jahre gebraucht um mich davon zu erholen – körperlich und seelisch. Da überfiel mich meine ganze Kindheit und Vergangenheit mit einem Schlag, ich war so verrrückt und nicht mehr in der Realität, dass sie mich im Krankenhaus eigentlich in die Psychiatrie abschieben wollten – ging aber nicht weil ich mit gebrochenen Rückenwirbeln in der Orthopädie lag. So haben sie mir eine Konsiljar-Ärztin aus der Psychiatrie geschickt, da stand in dem Bericht an den Hausarzt schon was von dissoziativer Störung und dass ich unbedingt in Therapie gehen sollte. Und da ich auch das unstillbare Weinen hatte (wo ich sonst nie heule) ging ich schließlich hin. Nach 8 Stunden war die beendet, weil sie mit meinen Verteidigern nicht zurecht kam (damals wußte ich noch noch nicht, dass ich unabhängige Beschützer in mir habe, die sehr wehrhaft sind) die schrieb noch einen Bericht, wo sie mir die Diagnose 44.8 gab und noch so schöne Begriffe, und auch dass ich schuld wäre an dem Abbruch, weil ich nicht vertrauen konnte. (Allerdings war mir noch gar nicht klar was das eigentlich hieß, diese 44.8 . Dann ein paar Monate später kam ich noch zu einer neuen Thera, die sagte mir dann nach einigen Stunden, dass ich eine DIS hätte. Das war für mich nicht schlimm, denn endlich hatte ich eine Erklärung für all meine komischen Zustände. Ich lebte bis dahin ja immer in etwa so: Irgendwas Komisches passierte, (als Alien fühlte ich mich ja schon immer) das ich einfach nicht mehr verstand, mich so nicht kannte, oder halt Ausbrüche oder seltsame Realitätsverschiebungen bei Stress….und da dachte ich dann immer, dass ich halt verrückt sei und versuchte es zu verbergen. Mit der DIS war das echt erleichternd, denn nun fühlten wir uns nicht mehr als Ganzes verrückt sondern nur jemand aus uns war es.
    Ja, so war es bei uns.
    Schön, dass man hier so viel schreiben kann…. Schreiben beruhigt mich….;) Und wie gesagt hier lese ich sehr gern und ich bin noch lange nicht durch. Du hast ja unglaublich viele Beiträge – na ja – ich ja auch. Ich verarbeite viel durch Schreiben.
    Nun wünsche Ich Dir von Herzen eine gute Nacht und danke Dir
    Melinas

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    1. Hallo ihr, vielen Dank für’s Erzählen Deiner Geschichte. Wie geht es Deinem Kind heute? Alles Liebe, s.

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