002 Die ersten Schritte gleich nach der Diagnose: Schritt 1 & 2

Entweder hat Deine Fachärztin oder Deine Therapeutin die Diagnose gestellt: DIS, DDNOS, strukturelle dissoziative Störung oder ähnliches (hier geht’s zur Erstversorgung 😉 nach der Diagnose). Oder sie war das Ergebnis eines Klinikaufenthalts. Oft bedeutet die neue Diagnose – wenn man aus der Klinik kommt – Therapeutensuche. Oder einen Therapeutinnenwechsel, weil sich die bisherige mit DIS überfordert fühlt. Die Suche nach einer passenden Therapeutin kann dauern, es gibt Wartelisten, und bis dahin gibt es einige Dinge, die man tun kann, die keinen Schaden machen und nicht mal (viel) Geld kosten. Hier sind jene ersten vier Schritte, die für mich am sinnvollsten waren. Bitte wäge für Dich ab, was passt – was nicht passt, bitte einfach in die gedankliche Tonne kicken. 🙂

  1. Psychoedukation
  2. Chaos ordnen: innere Landkarte
  3. mehr Achtsamkeit – Depersonalisation für eine Sekunde aufgeben
  4. mehr Kommunikation – Einkauf mit mehreren Anteilen

Schritt 1: Psychoedukation, wie die Fachleute das nennen. Ich mag das Wort ganz und gar nicht. Hört sich an, als hätte meine Psyche mangelnde Erziehung genossen. Als würde sie derzeit wild wachsen und müsste wie ein Buchsbaum zusammengestutz werden. Heißen soll Psychoedukation: lernen, was „das“ jetzt bedeutet; „das“ die Diagnose, „das“ der Knopf im Kopf, „das“ die Symptome.

Mein Lieblingsbuch dazu ist druckfrisch 2016 von Steele, Boon, van der Hart (dt. Fassung 2017): Treating Trauma-Related Dissociation: A Practical, Integrative Approach. Was fand ich daran so hilfreich? Anders als in der deutschen Literatur stellen die Fallbeispiele nicht ständig gescheiterte Existenzen dar und machen Mut zu der Veränderung, für deren Beschreibung sie ausgewählt wurden. Ich fand die Kapitelauswahl den Knaller: resistance as phobic avoidance, dependency in therapy, und auch die Auseinandersetzung mit jenen „Konzepten“, die ich bei mir selbst in der Therapie seit über zehn Jahren als „defekt“ bezeichne. „Ich“ (jener Anteil, der hier schreibt) habe kein Konzept von Angst, Scham oder Sicherheit – das wusste ich vorher „irgendwie“, aber das Buch hat das nochmal sehr deutlich gemacht. Das sind Dinge, die Vielemenschen „nachlernen“ werden müssen, bevor die meisten Therapiekonzepte für (Einsmensch-)PTBS-Patienten überhaupt greifen können (dazu mehr in 007 Skills-Training (1): über Leben und Tod und Zeitreisen, 008 Skills-Training (2): Ruhe finden ist ein Hochstresserlebnis und 009 Skills-Training (3): Stoooopp!!!). Das Vorhandensein eines Sicherheitsbegriffs und von Angst oder Fühlen von Anspannung haben meine Einsmensch-Therapeuten natürlicherweise vorausgesetzt – und so entstanden gemeinsame Frusterlebnisse. Wenn ein Therapeut „nur“ Erfahrung mit PTBS hat, dann muss der Arme sich an DIS Patienten die Zähne ausbeißen.

Schritt 2: Chaos im Kopf sortieren; oder innere Landkarte. Da kriegt man nun die große Offenbarung: Mehrere Persönlichkeiten teilen sich meinen Körper. … und wenn man fragt: „Echt? Welche denn?“ kann einem das Fachpersonal keine (oder nur sehr bedingte) Antwort geben. Der Job für ein Leben mit weniger Blackouts ist, das selbst herauszufinden, nach und nach. Das war das erste, was ich wissen wollte, oder ordnen wollte nach der Testung, noch vor der Befundbesprechung.

Die Idee basiert auf der Annahme: Jeder Mensch hat irgendwie Anteile – und die kann man bei der inneren Landkarte beschreiben, zitieren, versuchen zu malen, mit Namen oder Symbolen versehen etc. Es geht darum, Unterscheidungsmerkmale zu identifizieren.

Wenn Einsmenschen von einer inneren Landkarte reden, meinen sie damit eher ihre Rollen in der Gesellschaft: die Lehrerin, die Mutter, die Tochter, die gute Freundin, die Gerechtigkeitsliebende etc. Schon unter den Rollen-Anteilen kann es zu Konflikten kommen, wenn etwa die gute Freundin Zeit mit der Freundin verbingen will und die Mutter-Rolle ihr Baby nicht in Fremdbetreuung geben möchte „nur wegen“ eines Kaffeeplauschs. Bei einer Landkarte fürs Vielesein meint man etwas anderes… Bei mir ist es so, dass ich meine Anteile an ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Lebenseinstellungen „erkenne“ oder „unterscheide“. Jede von denen „kann“ verschiedene Rollen, etwa habe ich mehrere, die in der Arbeit aktiv und kompetent sind, wenn auch mit unterschiedlichen Fähigkeiten, und ganz sicher nicht mit identischem Verständnis dafür, wie genau die Arbeit erledigt werden soll. Während Einsmenschen bei der Arbeit mit Anteilen nur eine Dimension haben, tut sich bei Vielemenschen eine Matrix auf: Anteil A mit Rollen X und Y, Anteil B mit Rollen X und Z. Schon durch diese Barriere zwischen Einsmensch-Therapeutin und Vielemensch wird die Welt im Kopf manchmal unabsichtlich unnötig kompliziert: Anteile werden als AX, AY, BX und BZ kartographiert, dabei sind es nur A und B. Oder es ergeht einem so wie mir und man hat bei der Landkarte die Rollen eines einzigen Anteils (A) im Kopf, nämlich so, wie man es erklärt bekommen hat – von einem Einsmensch-Gehirn. Dann ist das Ergebnis AX und AY und fertig – so wie meine Anteile-Darstellungsversuche bisher – schaut dann aus, wie eine Einsmensch-Landkarte. Themenverfehlung. Leider. 🙂

Es war anfangs wirklich schwierig, das Chaos für mich selbst zu ordnen, weil jeder meiner Anteile mehrere Rollen „kann“. Ich habe mich an meiner Landkarte nicht auf einem Blatt Papier versucht, sondern auf kleinen runden Scheiben (danke für die Idee an Renate Stachetzki). Warum?

  • Erweiterbarkeit und schnelle Änderungen. Auf einem Blatt die Landkarte zu malen, hätte ich nicht hingekriegt, allein schon weil ich nicht wusste, wie viele Anteile es insgesamt sind. Somit wusste ich nicht wie viel Platz ich frei lassen muss für Anteile, die ich noch nicht so gut kenne; oder gar nicht kenne: Ich habe viele Amnesien und kenne sicher nicht alle meine Anteile. Daher habe ich kleine Kartonscheiben genommen. So ist die Landkarte beliebig erweiterbar und änderbar. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass ich aus einer Scheibe zwei machen musste, weil ich Anteile genauer kennengelernt habe und sich herausgestellt hat, dass ich anfangs mehrere auf eine Scheibe gemalt habe. Dann ändere ich einfach diese beiden, ohne das „Gesamtwerk“ zu zerstören. Oder umgekehrt: Dass ich aufgrund der oben beschriebenen Rollen-Anteile-Verwechslung zwei Karten verwendet habe, obwohl beides derselbe Anteil ist, der auf eine Scheibe gehört.
  • Art der Darstellung: wertfrei. Entscheidend beim Kartographieren ist, dass kein Anteil abschätzig behandelt wird. Geh davon aus, dass jeder Anteil eine gute Funktion im System hat, auch wenn die Methoden bestimmter Anteile ganz und gar nicht gut sein müssen. Ein Anteil, der Deine Freunde immer mal wieder anbrüllt, kann Dich damit ganz schön in Schwierigkeiten bringen – aber seine Motivation dahinter ist immer gut: Er sorgt etwa dafür, dass Du mehr Distanz bekommst, wenn Du in Bedrängnis bist. Am hilfreichsten ist die Landkarte für Deine nächsten Schritte, wenn jeder so dargestellt wird, wie er es selbst auch okay findet.
  • Teileinblicke. Der größte Vorteil der kleinen Karten ist für mich, dass ich meinem Betreuungsteam gezielte Einblicke in ausgewählte Anteile gewähren kann, ohne das gesamte Modell offenlegen zu müssen. Wenn es mit meiner Fachärztin um das Alltagsteam geht, dann zeige ich ihr nur diese Anteile, nicht aber einen Anteil, der eh nur zuhause aktiv ist und apokalyptisches Denken perfektioniert hat. Darüber können wir ja ein andermal reden, aber gerade passt der nicht zum heutigen Thema. Manche meiner Scheiben habe ich noch nie einem anderen Menschen gezeigt – und das werde ich auch nicht tun, bis es für diese Scheibe okay ist. Diskretion ist mir mit echten Menschen wichtig, und daher auch mit meinen Scheiben. 🙂
  • Einen Anfang finden. Ganz wichtig war, dass ich nicht mit einem Vollständigkeitsanspruch der inneren Landkarte begonnen habe – lieber nur das festhalten, was leicht geht; nur das, was festgehalten werden will. Ich habe mal nur mit dreien begonnen, die die Mehrheit des Alltags bewältigen. Das sind bei mir meine kompetentesten Anteile; es war einfach, mit denen anzufangen. Erst später habe ich mehr und mehr auch andere ergänzt, die nur zuhause aktiv sind. Für andere Menschen ist es vielleich am besten mit jenen beiden anzufangen, die sich am schärfsten unterscheiden. Oder sich anhand eines konkreten inneren Konflikts (bedeutende Fragen wie „Therapie ja oder nein?“ Oder tägliche Kontroversen wie „Was sollen wir heute essen?“, ganz egal) vorzutasten.
  • Unterscheidungsmerkmale festlegen. Weil bei meinen Anteilen ihre Lebenseinstellung und Fähigkeiten solch klare Unterscheidungsmerkmale sind, habe ich auf jeder Karte typische Sätze der Anteile notiert: „Ich darf kein Geld ausgeben. / Ich bin es nicht wert.“ oder „Mir ist alles viel zu kompliziert. Welches Jahr haben wir heute?“ (letztes Beispiel von dem Symbol oben mit den Bausteinen) und auf der Rückseite ein Symbol für diesen „Anteil“ festgelegt. Ein Foto von fünf meiner Anteile aus der Landkarte findest Du oben.

Warum ist eine innere Landkarte hilfreich? Allein dass aus „einem Chaos / einem Streithanselnhaufen im Kopf“ etwas einigermaßen Sortiertes wird, kann viel Druck aus dem System nehmen. Man fühlt sich nicht mehr so ausgeliefert, sondern kann immer mal wieder denken: „Ja, dich mit deiner Lebenseinstellung kenn ich schon.“ 🙂 Früher habe ich Anteile mit weniger Fähigkeiten (kann nicht kochen etc.) regelrecht gegeißelt – gestern habe ich gekocht, heute geht es nicht – das kann nicht sein! Krise! Man geht eben davon aus, dass man wie alle anderen Erdenbürger auch ein Einsmensch ist, und da gibt es bei den Kochkünsten oder Englischkenntnissen zwar gute und schlechte Tage, aber nicht einen Wechsel zwischen Vorhandensein und völligem Fehlen einer Fähigkeit.

Heute, mit der Landkarte, sind die Unterschiede in den Fähigkeiten keine ärgerlichen Selbstblockaden mehr, die Selbsthassattacken verdienen, sie sind das, woran ich die Anteile identifizieren kann; sie sind keine Hindernisse, sondern Visitenkarten.

Einige Anregungen von meiner Therapeutin finde ich bis heute zu schwierig oder zu unangenehm, etwa meinen Scheiben ein Alter zuzuordnen. Bei einer Scheibe habe ich das gemacht – sie ist oben mit Bausteinen abgebildet und kann nicht sinnerfassend lesen, daher habe ich ihr das Alter von fünf zugeordnet. Das führte dann zu Tumult in der Scheibenwelt – es war irgendwie nicht okay, mit der Landkarte einen Konnex zu meiner Kindheit zu schaffen. Es war für die Scheibenwelt nicht okay, das Kindersymbol mit den Bausteinen der Therapeutin zu zeigen. Ich lerne gerade, auf solche Grenzen Rücksicht zu nehmen, denn die Scheibe, die zur Therapie geht, hat kein Problem damit, der Therapeutin die ganze Landkarte zu zeigen – aber andere eben schon.

// Hier geht’s zu Leserbriefen zu diesen Beitrag: Leserbriefe zu 002 – Anteile? Innenpersonen? Streithanselhaufen im Kopf? ANP/EP? PADL/PSTT???

Zwei weitere „erste Schritte Übungen“, die bei mir super geklappt haben, folgen an den nächsten beiden Sonntagen. Du hast bis hierher gelesen? Ich freue mich, wenn Du mir einen Kommentar da lässt…

Nicht jede Idee passt für jeden. Du hast noch keine innere Landkarte versucht – was macht es für Dich zu keiner guten Idee? Oder was macht es schwierig? / Du hast Deine innere Landkarte vor Dir liegen – was war für Dich die hilfreichste Erkenntnis damit oder die hilfreichste Aufbauübung damit?

Nachtrag: Über ein Jahr später überarbeite ich mein Scheibenwelt. Hier sind die Ergebnisse.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich habe von der Landkarte gelesen. Meine Ther hat mir nicht gesagt ich soll eine machen… Ich habe mal Namen zum Teil mit Bildern auf Papier gemalt. Ja der Platz fehlte dann und es gab letzten Endes keine Ordnung dadurch. Diese Scheiben Idee finde ich super. Danke dir für deine Beschreibung, um die Anteile (für mich sind es aber echt keine Teile, sondern Personen, wobei ich auch Anteile habe) zu identifizieren. Echt super.
    Zu Punkt 1 hätte ich gerne mehr Infos. Ich kann leider kein englisch und somit nichts mit dem Buch anfangen.
    Du machst es toll, gerne lese ich hier weiter 😘

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    1. Hallo vergissmeinnicht, ich mag weder das Wort Anteile, noch Personen FÜR MICH – es ist ein Denkmodell, daher finde ich „Scheiben“ (im Sinne von die Kartonscheiben, die ich gemalt habe) FÜR MICH passender, weil es mehr zeigt, dass es ein Modell von der Wirklichkeit ist.
      Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Büchern gelesen, ich finde tatsächlich nur dieses eine für DIS/DDNOS uneingeeschränkt empfehlenswert. Man muss halt warten, bis es übersetzt ist, oder in einen Englischkurs investieren? 🙂 Gleich gut finde ich auch das dazugehörige Skills-Buch (Coping with Trauma-related Dissociation), das ich im 1. Teil über Skills erwähne – das gibt es auch auf Deutsch, ist aber eher generell über Trauma (nicht speziell DIS).
      Zweite Wahl wäre für mich The Haunted Self, das gibt es auf Dt. Aber da ist sehr viel Theoriekonstrukt mit drin, es spannt viele geisteswissenschaftliche (pseudowissenschaftliche 😉 – würde der Naturwissenschaftler das nennen) Konstrukte auf, die für mich nicht sooo interessant sind – aber man kann ja auch überblättern. 🙂
      War das hilfreich?
      Alles Liebe, s.

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      1. Um ne neue Sprache zu lernen, bin ich nicht funktional genug. Diese Tage sind leider vorbei… Ich kriege es zur Zeit nicht mal hin zu kochen oder unter Menschen zu gehen und „vergesse“ dauernd. Momentan geht es eher darum überhaupt klar zu kommen und zu überleben. Werde wohl warten müssen bis das Buch auf deutsch kommt.
        Aber es gibt ja genug was ich probieren kann, muss es nur auch tun. Denn gelesen hab ich auch schon viel, aber umsetzen kann ich davon nur sehr wenig. Normale Skils sind bei uns eher lächerlich als wirksam. Vielleicht nett und können nicht schaden ausprobiert zu werden, aber bewirken tun sie arg wenig, leider. Imagination find ich zum Teil wirksam, doch meist nur für den Augenblick. Die Kinder bleiben nicht am sicheren Ort und die Erinnerungen bleiben nicht im Tresor… Aber manchmal hilft es, auch wenn nur für wenige Minuten…
        Liebe Grüße
        Vergissmeinnicht

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