027 wortlose Liebeserklärung mit Grammatikfehlern

Ich liebe meinen Mann explizit. Nach fast 20 Jahren schreibe ich immer noch Liebesbriefe an ihn. Meine Liebe zu ihm ist … nicht ein Bisschen, ich bin besoffen im besten Wortsinn davon. Sie saugt sich überall rein und trieft überall raus: Ich kann kein Urlaubsziel auswählen, keinen Kinofilm, keinen Sofaüberwurf ohne mich zu fragen, was er davon halten wird. Nach so langer Zeit macht ein Gedanke an ihn immer noch ein Lächeln auf meinem Gesicht – 100% zuverlässig. Das ist irre oder? Extraordinär. Das Trauma hat mich nicht verrückt gemacht, sagen die Fachleute. Aber die Liebe, sage ich. Ich habe viel geschrieben über Blackouts in letzter Zeit (zum Beispiel hier). Heute schreibe ich von Erinnerungen an Momente für meine persönliche Ewigkeit.


Mein Mann liebt mich implizit. Standbilder einer Beziehung.

Den Soundtrack* zu diesem Text gibt’s heute hier, dann kannst Du das hören, während Du liest…

Standbild 1 – hinter den Sieben Bergen im letzten Jahrtausend. Der Welt entrückt lernen wir uns kennen auf knapp 3000 m über dem Meer. Eine über-den-Wolken-Liebe vom ersten Tag an. Kein Telefon, keine Straße, kein Wasser zum Waschen, dafür Höhenkrankheit, Fieberblasen meinerseits, unrasiert seinerseits. Wir tränken unseren Pferde und gönnen ihnen eine Rast bei einem Hof, wo wir die Nacht verbringen dürfen. Die in buntes, reich besticktes Festtagsgewand gehüllte Hofbersitzerin kommt gerade nach Hause vom Markt, zu Fuß über 40 km über Stock und Stein an einem Tag, am Hanfstrick ein Ferkel. Wir verstehen diese Hinter-den-Bergen-Sprache nicht, aber wir verstehen die himmeljauchzende Freude. Der zahnlose Mund im faltigen Gesicht hört nicht auf zu plappern. Die kurzen Beinchen unter den Röcken hören nicht auf zu zappeln, als hätten sie den ganzen Tag ausgestreckt am Sofa verbracht. Das Ferkel wird im Kreis herumgeführt. Ich erinnere meinen Gedanken: „Niemand könnte einen nagelneuen Ferrari begeisterter präsentieren als diese Frau das Ferkel.“ Alle sind angesteckt von der stolzen Freude über ein Schwein. Sogar das Schwein. Alle lachen, alle wollen es anfassen. I. nimmt meine Hand. Wir lächeln uns an. I. sagt: „Ich hoffe, heute gibt es Suppe.“ Ich: „Wir hatten doch gestern erst Suppe?“ – „Ja, aber das ist das einzige, das man mit einer Hand essen kann. Dann muss ich deine Hand beim Essen nicht loslassen.“ Ich wärme mein Gesicht an seinem Lächeln, und er tankt weiter das deine-Hand-in-meiner-Hand-Gefühl. Knips – Standbild – in diesem Moment.

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Standbild 2 – Akutpsychiatrie im Jahr 20xx. Nachts sitze ich völlig festgefroren auf der Fensterbank. Ein Pfleger spricht mich an. Ich kann nicht reagieren. Er spricht mich noch mehrfach an, bevor er mich am Oberarm packt. Dann passiert etwas, das noch nie zuvor passiert ist: Ich springe völlig aus mir heraus. Ich schaue mir von der Tür aus seelenruhig dabei zu, wie jedes Leben aus mir weicht. Wie ein Stück Totholz falle ich von der Fensterbank hinunter auf den Boden. Verrenkt. Mein Kopf schlägt auf, ich spüre nichts. Dann fehlt Zeit. Ich kann nicht sprechen, als ich zurück bin. Ich bin verzweifelt. Ich möchte antworten, inzwischen brülle ich innerlich meine Antworten, doch da kommt nichts nach außen durch. Locked-in in einem stummen Körper. Ich will hier raus! Ich kann mich bewegen, ich kann meinem Mann eine SMS schicken. Ich erinnere nicht, was ich geschrieben habe. Kurz vor Mitternacht setzt sich ins Auto und kommt. Er kommt ohne Erklärung, warum das notwendig ist. Er kommt einfach. Mich abholen. Perfekt über SMS koordiniert sehen wir uns an gegenüberliegenden Enden eines langen Ganges. Ich lasse mein Telefon fallen und sprinte barfuß um mein Leben, zwei Pfleger hinter mir her. Noch nie bin ich so gelaufen. Tränen laufen horizontal über mein Gesicht. Mein Mann betätigt von außen den Türöffner und ich schaffe es gerade noch durch die Stationstür. Die Glastür schließt sich hinter mir, fluchend höre ich die Pfleger hinter mir dagegen rennen. Ich laufe völlig ungebremst in die Arme meines Mannes. Er, riesengleich mit fast doppelt so viel Gewicht wie ich, wankt. Bis heute fühle ich den Aufprall an meinem gesamten Oberkörper und meine brennende Lunge. Dann kein Bodenkontakt mehr. Hochgehoben vom Riesen. Knips – Standbild – in diesem Moment.

Nie wieder will ich loslassen. Ein ewiger Moment in meinem Leben. Grenzenlose Freiheit und grenzenlose Liebe gleichzeitig. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass das möglich wäre.

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Standbild 3 – 2017. In fast 20 Jahren haben sich 1000 Dinge angesammelt, die ich an meinem Mann liebe. 1000 bunte Kieselsteine, aufgesammelt entlang unseres Weges. Was mir an ihm am besten gefällt, ändert sich ständig. Derzeit gefällt mir an ihm am besten sein WIR-Gefühl.
In unserer Beziehung bin ich die DIS-Patientin, die sich standhaft weigert, in der WIR-Form zu sprechen. Und er ist der F-Kürzel-Freie mit der Personalpronomen-Störung: „Komm, wir finden eine neue Therapeutin.“ „Jetzt haben wir Lust auf einen Botucál, oder?“ Und wenn meine Funktionaliät so ist wie jetzt gerade: „Heute ist Sonntag. Komm, wir fahren in deine Arbeit und machen den ganzen Bürokram, der liegen geblieben ist wegen der Funktionsverluste.“ Und dann sitzen WIR = ER UND ICH für sieben Stunden da und machen … ähäm meine? … Arbeit, heimlich am Sonntag. Mein Mann hat einen anstrengenden Job mit viel Verantwortung und Überstundenpauschale. Es ist nicht gerade so, dass er damit nicht ausgelastet wäre. Trotzdem fragt er mich nicht: „Was bräuchtest du, damit du das allein schaffen kannst?“ WIR sitzen und tun – Seite an Seite. Knips – Standbild – in diesem Moment. Und ich verstehe das als das, was es ist: Mein Mann macht mir wortlose Liebeserklärungen mit Grammatikfehlern bei den Personalpronomen.


Es gibt zu keiner dieser Situationen ein Foto oder einen Tagebucheintrag. Ich erinnere mich. Das sind die Momente, für die ich lebe.

Vom Schicksal

„Meinst du wirklich, wir hätten uns kennengelernt ohne Trauma?“ fragt I. mich vor kurzem. „Klar,“ sag ich. – „Meinst du wirklich, du hättest, kaum dem Teenagerdasein entwachsen, einen anderen Kontinent bereist? Eine Region, die gerade eben noch Kriegsgebiet war, wo es kaum Weiße gibt? Ganz allein als Mädchen? Mit nichts mehr als 13 kg Gepäck am Rücken, einer Landkarte, einem Budget von 5 USD am Tag und einem Flugticket hin und zurück? Meinst du wirklich, du hättest das gemacht, wenn Angst nicht defekt wäre als Gefühl?“ Nein, vermutlich nicht. Vermutlich hätten wir uns nicht kennengelernt, wenn ich Angst „könnte“.

Und wenn mein Mann eine hypothetische, traumafreie Version von mir bei einer anderen Gelegenheit kennengelernt hätte, weil das Schicksal für uns beide keinen Plan B hätte machen wollen, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ich diese nicht-von-dieser-Welt-Faszination in meinem Mann ausgelöst hätte. Er sieht das so. Wenn also das, was er jetzt sieht, so wunderschön ist, wie kann meine Ich-Werdung Würdelosigkeit und Demütigung beinhalten?
Ich sehe mich schwer beschädigt von 30 Jahre alten Widrigkeiten.
Er sieht, dass selbst die größten Widrigkeiten mich nicht eingerissen haben. Ich bin nur, was ich bin, mit exakt dieser Geschichte. Er will, dass es mir im Jetzt gut geht, aber für ihn hätte mein Gehirn die Geschichte nicht umschreiben müssen, für ihn müsste mein Gehirn nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Das muss es für mich tun, weil ich das Leben sonst nicht aushalten könnte.


Unsere Liebe saugt sich überall rein und trieft überall raus. Sogar über 3000m, auf der Akutpsychiatrie und mit dem wildesten vorstellbaren F-Kürzel auf der Stirn muss man das, was von ihr an den unmöglichsten Ecken raustrieft, schnell mit einem Lächeln wegwischen, bevor jemand kommt und sie allzu sehr bemerkt.

Es macht mich glücklich, dass unser Kind in dieser Atmosphäre aufwächst: umgeben von „du bist geliebt,“ „du bist unendlich wertvoll und ein Geschenk des Himmels an mich,“du darfst so leben, wie Gott dich gemeint hat“ – sowohl gelebt zwischen meinem Mann und mir, als auch gelebt zwischen uns als Eltern und unserem Kind. Später einmal wird es hohe Erwartungen haben an Paarbeziehungen – aber das ist okay, hoffe ich.

Mein Mann und ich sind füreinander ein autarkes Sternensystem – alles kann sich ändern im Leben, aber er ist mein Fixstern und ich seiner. In knapp 20 Jahren gab es nur zwei Tage, an denen I. und ich nicht miteinander kommuniziert haben. Und es gab Tage, da lagen Ozeane zwischen uns, und andere Tage, da riss ein Hurrican die Telefonmasten um, die wir für Kommunikation brauchten. Wurscht, dann schreib ich einen Brief – Seepost! Das gab’s damals noch.

Ich bin eine privilegierte Traumatisierte – ich habe diesen Menschen an meiner Seite. Für die Hälfte meines Lebens habe ich ihn schon, für den ich täglich eine Liebeserklärung schreiben möchte. Ich bin damit nicht nur eine außergewöhnliche Traumatisierte – ich bin damit gegen jede Statistik: eine unter Millionen Menschen mit diesem Gefühl über Jahrzehnte im Herzen. Das Schicksal gibt sich jede Mühe, meine erste Lebenshälfte durch meine zweite Lebenshälfte wett zu machen. Ich muss das Schicksal nur machen lassen.


Du liest das hier nicht, I., aber Du bist die Antwort auf meine Gebete. Ich liebe Dich hasta la luna y vuelta – und ich möchte nicht, dass Du auch nur einen einzigen Tag lebst, ohne das zu hören und zu fühlen.


Kommentar? Gern!

Einen Artikel über meinen Mann lesen aus 2019

*1. Wahl – Sandra Nasic (GuanoApes): „In diesem Moment“ ist die Version, die einen vierstelligen Count in meiner Mediathek hat. Ich hab lang gegoogelt, nix gefunden. / 2. Wahl – Roger & Ina.

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. (per Mail) „ich hab deinen Artikel heute nur bis zur Hälfte lesen können… (…) Ja, wie hab ich auch immer versucht, alles wunderbar erscheinen zu lassen und den Blick immer auf die guten Sachen zu richten. (…) ich frage mich manchmal, ob ich es immer wieder brauche, weil ich auch so gerne von schönen Sachen erzähle, nicht, weil es mir um die schönen Sachen geht, sondern, weil ich damit die „negativen“ wegdrücke… (…) und dann hab ich aufgehört zu lesen, weil ich (…) doch voll genervt bin, von der „Technik“: Den Blick auf das Schöne lenken. denn das hab ich ein Leben lang getan.“
    Mein 1. Impuls ist, mich zu rechtfertigen für diesen Beitrag. Oder zu entschuldigen – dafür, dass ein erfreulicher Beitrag nicht erträglich ist.
    Ich schwanke auch in der Bewertung – das Leben ist halt nicht schwarz-weiß – klar, ich habe eine schwere Traumafolgestörung, aber nicht alles an meinem Leben ist schlecht. Und mein BPD-Index ist so niedrig, dieser Beitrag kommt vielleicht daher? Ich denke schon, dass einem eine gute Gegenwart hilft, eine schwierige Vergangenheit zu ertragen. Also bewerte ich das gut, dass ich das Leben so sehe?
    Oder bewerte ich das doch eher als schlecht? Stimmt das, dass ich mich damit von meiner Traumakiste ablenke?
    Muss ich mich entschuldigen, dass mein Leben auch Gutes enthält? Muss ich mich entschuldigen, dass nicht mein gesamtes Leben ein Blackout ist (denn das war ja mein Startpunkt: gibt es Momente ohne Doku, die ich erinnere?) Oder muss ich mich entschudligen dafür, dass ich die guten Dinge nicht totschweige, damit die Welt das Ausmaß des Schadens voll begreifen kann? Ich weiß nicht. Es tut mir leid, wenn dieser Beitrag für andere „Betroffene“ schwer zu lesen war. Ich habe gerade schwere Zeiten, wirklich. Und da hat es mir gut getan, meinen Blick auf die zwanzig Jahre mit meinem Mann zu richten.
    … um mich dann wieder der Traumakiste zuzuwenden. Siehe Beiträge 029 und 030 – die sind ja schon fertig – jap: schwere Zeiten. Leider.

    Gefällt 1 Person

    1. Sasha sagt:

      Liebe Sonrisa,
      Ich habe mich in der letzten Zeit durch deinen Blog gelesen (ich bin noch nicht sicher ob ich wirklich alle Einträge erwischt habe) und finde aber gerade das toll: du beschreibst nicht nur eine Seite, nicht nur das Schlechte, aber ebenso nicht nur das Gute. Es hindert nicht daran, das ‚Ausmaß des Schadens‘ zu begreifen, es macht es begreifbarer… (… Und gleichzeitig schlimmer…) Sofern ich es überhaupt begreifen kann…
      Ich wünsche dir (und euch) viel viel Kraft und nochmehr Durchhaltevermögen
      Liebe Grüße

      Gefällt 2 Personen

  2. Sooooo schön geschrieben, gelebt, wahr (so echt und wahrhaftig – vielleicht zwar eben nur Standbild grad, wie Du ja schreibst ), intensiv, poetisch (und besonders der Satz: „Das Schicksal gibt sich jede Mühe, meine erste Lebenshälfte durch meine zweite Lebenshälfte wett zu machen. Ich muss das Schicksal nur machen lassen. Und „…ich bin eine Traumaprivilegierte“ – haben es mir angetan.
    Vielen Dank für diesen Text!!!

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    1. Danke, melinas. Wenn es um meinen Mann geht, werde ich oft poetisch, nicht nur als Standbild. Er ist großartig. Jeden Tag. Fröhliche Weihnachten wünscht s

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  3. emilia2012 sagt:

    immer wenn es mir richtig dreckig geht, komme ich hierher und lese diesen Post. Weil ich auch eine Traumaprivilegiert bin und auch einen Mann habe, der das für mich ist, wie der Deine für Dich. Und wir auch eine Tochter haben. Das hat nichts mit Technik zu tun, sondern mit tiefer Dankbarkeit dafür, dass das Leben sich WIRKLICH anstrengt.wieder gut zu machen.

    Gefällt 1 Person

    1. Es freut mich sehr, das zu lesen! 🙂 Alles Gute für Deine Familie und Dich!

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