+++ Newsticker: Die Alte und die Irre +++

Newsticker für etwas, das mich gerade bewegt: eine Adventsgeschichte aus dem echten Leben, und wie Viele-Sein manchen Situationen einen Betrachtungswinkel gibt, den Einsmenschen womöglich nicht haben (können).

A long story short. Es war letztes Wochenende in der Schlange beim Bäcker – viel los. Vor mir stand eine ältere Dame. Sie war bestimmt einen Kopf kleiner als ich. Sie brauchte aufgrund ihres Stotterns lange, um ihre Bestellung aufzugeben, was die Verkäuferin nicht störte. Respektvoll wartete sie, bis die Dame fertig war. Man konnte deutlich erkennen, dass es ihr unglaublich viel bedeutete, das hier alleine zu bewältigen. Als dann die drei Tüten auf dem Tresen lagen, rauschte von hinten eine Frau – etwa Mitte 40 – vorbei mit den Worten: „So, das packen wir ganz schnell mal in Ihre Tüte, wir haben ja schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.“ Perplex schaute die alte Dame die Frau an. Hastig packte die Frau die Tüten der alten Dame ein, rollte dabei die Augen, um dann erleichtert aufzuatmen, als sie ihr „Werk“ vollbracht hat. Ich stand wie angewurzelt da und wusste nicht, was sich sagen sollte. Ich spürte, dass sich die alte Dame übergriffig und respektlos behandelt fühlte. Und warum? Weil eine Frau keine 30 Sekunden Zeit hatte zu warten. (ungekürzter Originaltext)


Viele-Sein ist genau jetzt so deutlich spürbar: Ich bin „mehrere in einem Körper“. Die meisten Menschen ordnen sich schon während des Lesen selbst zu – einer der drei Rollen, in der sie sich sehen, vielleicht auch: „Ich bin so oft unterwegs so gehetzt – vermutlich würde ich mich ähnlich verhalten wie die 40-Jährige. Ich wünsche mir, irgendwann mal genug Ruhe zu finden, um da besser reagieren zu können.“ Bei mir ist das anders, ich habe für diese fiktive Situation kein einheitliches Ich-Gefühl. Je nachdem, wer aus ∑ich einkaufen geht, könnte ich zwei der drei Rollen haben: 

  • Eine „Version von mir“ hat auch Sprechprobleme. Die verlässt nur selten das Haus, weil sie Menschen nicht zur Last fallen will und sich schämt dafür, dass sie ist, wie sie ist. ∑Ich kenne das.
  • Eine andere „Version von mir“ hat Schwierigkeiten in dichten Situationen. Schlange stehen gehört dazu: Ihre Umwelt wird immer entrückter, sie fühlt die unbeabsichtigten Berührungen der Menschen rund um sie, sie erlebt einen unglaublichen Drück, ihr ganzer Körper versteift sich. Es fühlt sich an, als müsste sie aus der Situation regelrecht rausplatzen – jetzt gleich! Inneres Zerreißen – zum Glück erlebe ∑ich sowas selten, aber ∑ich kenne es. In einer solchen Situation könnte ∑ich mir vorstellen, so zu reagieren wie die Frau (aber mir wären dann nicht so viele Worte möglich: „Ich helfe Ihnen schnell,“ wäre das Maximum; oder ∑ich würde weglaufen aus der Schlange und hätte weiterhin nichts zu Essen).
  • Nicht identifizieren kann ich mich mit der Rolle der Beobachterin, obwohl ihre beschriebene Sichtweise vermutlich die „normalste“ ist.

Ich bin nicht normal, ich bin psychisch schwer verletzt, und in diesem Fall macht mich das vielleicht (!) zu einem achtsameren Menschen. Viele-Sein macht mich auf jeden Fall zu einem verständnisvolleren Menschen mit vielen Blickwinkeln auf die Außenwelt. Viele-Sein macht mich schlecht im Unverständnis haben für andere Menschen. Denn es gibt fast immer jemanden aus ∑ich, der sich mit einer Person im Außen identifizieren kann. Was ich (durch mein Viele-Sein?) nicht (so gut) kann, ist das Be-label-n von Personen. Die Alte wird durch ihre Optik und ihr Verhalten sofort als „schwach“ = „schutzbedürftig“ identifiziert.

  • Jedem ist klar, dass sie ihre Sprechstörung nicht abstellen kann – und niemand, der alle Tassen im Schrank hat, erwartet das von ihr.

Im Zusammenhang mit der 40-jährigen fallen der Beobachterin im (weiteren) Text Wörter wie unachtsam, respektlos und übergriffig ein. Sie ist die ungeduldige Irre mit dem schlechten Sozialverhalten.

  • Nicht jedem ist klar, dass das Verhalten der Ungeduldigen vielleicht aus einer unüberwindlichen Not heraus kommt. Vielleicht ist auch sie bedürftig – und man sieht es nicht auf den ersten Blick? „Schlechter Mensch“ Stempel bekommt sie von unserer Gesellschaft trotzdem.

Es kann auch ganz anders gewesen sein und die Ungeduldige hatte einfach nur keinen Bock auf warten. Wie unterscheidet man das eine vom anderen?

Hallo Welt, bevor Du nächstes Mal ein Urteil fällst über eine (augenscheinlich fitte) Person, die sich irgendwie komisch / „unter Druck“ verhält, frag sie vielleicht: „Entschuldigen Sie bitte, aber aus welcher Not heraus verhalten Sie sich gerade so?

– – Und ich könnte Dir antworten (sprudelnd), und statt mich zu verurteilen, würdest Du mir helfen: Du würdest mir anbieten, meine Bestellung zu erledigen, damit ich sofort aus der Bäckerei fliehen kann. Ich hätte draußen wieder Luft zum Atmen, der Druck würde nachlassen, ich würde in Tränen ausbrechen und mich in alle Richtungen entschuldigen.

Ja. So könnte das sein in meiner Zukunft. Derzeit stehen die Chancen vielleicht bei 80%, dass wegen zu großen Stresses in der belanglosen Alltagssituation ein anderer Persönlichkeitsanteil übernehmen würde, der geordnet das Geschäft verlässt, bevor ich die alte Dame anspreche, und hungrig nachhause geht. Dort würde ein anderer Persönlichkeitsanteil abklatschen, sich im Badezimmer einsperren und mehrere Stunden bewegungslos dort verharren müssen (Fachleute nennen das dissoziativer Stupor, google das mal). „Ich“ würde erst danach wieder übernehmen, mich an nichts erinnern, nicht verstehen, warum ich ohne Brot vom Bäcker gekommen bin, mich fragen, ob ich überhaupt beim Bäcker war, aber meinen Alltag weiterleben, als wäre nichts passiert.

Ich muss gerade über meinen Satz oben lächeln: „Zum Glück erlebe ich sowas selten.“ Warum verbringe ich dann Wochen in Serie ohne jede Erinnerung? Löcher in meiner Biografie, wohin man blickt? Weil ich nur selten den Spannungsmoment davor überhaupt erinnere, meistens läuft das vollautomatisch ab, ohne dass ich weiß, was passiert – bis „ich“ mich im Badezimmer wieder anknipse.

Ja, so ist das mit dem Viele-Sein.
Nein, wenn wir uns beim Bäcker treffen, siehst Du mir das nicht an.


Danke für den Text an Stéphanie Blair (2017). Kommentar? Gern!

PS: Ja, das im Bild ist eine Frau, kein Mann, geschossen in Myanmar.

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