042 Organisation für komplexe Traumafolgestörung (1)

„Wie machst du das mit den Blackouts im Alltag?“ ist eine der Number One Fragen, wenn ich meine Traumafolgestörung oute. Wenn ich erzähle, dass ich gestern in der Buchhaltung nachsehen musste, ob eine Leistung an einen Berliner Kunden verrechnet worden ist, um herauszufinden, ob ich letzte Woche in Berlin war oder nicht, klingt das unvorstellbar für mein Gegenüber. In meiner Erinnerung finde ich nicht immer einen Eintrag über einen Flug nach Berlin und die Übernachtungen im Hotel. Keiner kann sich vorstellen, wie man mich Jahre kennen kann und nichts merkt. Organisation ist alles.

Mein Kalender, mein Mailarchiv und mein Bullet Journal sind die drei Hilfsmittel für ein Leben mit so vielen Erinnerungslücken – meine unverzichtbaren Komplizen, damit „keiner was merkt“. Heute schreib ich mal über ein ganz praktisches Thema: Ich zeig Dir, wie ich mich organisiere… für Einsmenschen vermutlich ein Kunststück…?


Future Log & Mailarchiv

Kalender verwende ich jenen in elektronischer Form von der Arbeit. Der wird synchronisiert mit meinem Handy, und alle meine Mitarbeiter sehen meine Einträge – das muss so sein. Einige Mitarbeiter dürfen Einträge in meinen Kalender vornehmen – bequem für mich. Aus PTBS-Sicht möchte ich auf das elektronische Future Log nicht verzichten: Ich bin angewiesen auf Warnhinweise mit Klingeltönen am Handy die mich ins Jetzt zurückholen, während ich meiner Lieblingsdroge „hochkonzentrierte Arbeit“ (018) fröhne und dabei in der Zeit versinke:

  • zum Beispiel für die pünktliche Einnahme meiner Medikamente und
  • für Kalendereinträge mit hinterlegten Adressen, die Wegzeiten vom aktuellen Standort inklusive Staumeldungen automatisch berechnen und mich erinnern, wann ich ins Auto steigen muss, um es recheitig zum nächsten Geschäftstermin zu schaffen.

Vereinbarungen mit Geschäftspartnern finde ich allesamt in meinem Mailarchiv. Nach einem Meeting schicke ich eine kurze Aktennotiz per Mail an die Teilnehmer – damit jeder weiß, welche Verpflichtung er eingegangen ist und welches Task mit welchem Abgabetermin er ausgefasst hat. Das habe ich auch schon in meinen prä-Traumafolgen-Sichtbarwerdungs-Zeiten so gehandhabt.


Bullet Journal

Damit mein Alltag rund läuft, damit ich eine Chance habe, in der Therapie vorgeschlagene Veränderungen mit ihren Wirkungen wahrzunehmen, obwohl mein gesamtes Leben von Erinnerungslöchern durchstanzt ist, brauche ich mein Bullet Journal. Das ist mein analoger Kompass in einer digitalen Welt. Es ist genau das, was man individuell braucht: ein Tagebuch, eine Notizensammlung, ein Kalender (Future Log), Auffangbecken für Rumgekritzel in der U-Bahn, Ideen- und Zitatesammlung, Gesundheits- oder Gewohnheitentracker, Hilfe bei der Visualisierung von Zielen – 100% auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten und völlig flexibel. Denn Du bist diejenige, die den individuellen Zuschnitt macht. Man muss nicht auf den nächsten ersten Januar warten – Bullet Journals können an jedem bliebigen Tag des Jahres gestartet werden.

Alles, was Du brauchst, ist ein leeres Notizbuch und einen Stift … oder Du magst es gerne bunt und dann schaut beim Bullet Journaling Dein Schreibtisch etwa so aus wie meiner:

IMG_2397

Die erste BuJo Idee für PTBS findest Du schon in diesem Bild: Ich gestalte jeden Monatsbeginn eine Erinnerungen-Seite mit sechs freien Feldern. Das Festhalten von Gutem in meinem Leben ist wichtig für mich: Ich male Bilder oder Symbole in die freien Felder; ab und an klebe ich ein Foto oder einen (Teil einer) Konzertkarte ein. Wenn am Monatsende nicht alle Felder voll sind, durchforste ich meinen Kalender auf der Suche nach Freude, um das Event hier nachzutragen. In der für viele traumatisierten Menschen schwierigen Zeit rund um Weihnachten tut es gut, die Monatserinnerungen durchzublättern.

Über Bullet Journaling im Allgemeinen gibt es tonnenweise Google-Hits – etwa diese hier: Starten per Text oder per Video oder zum Hören und Jahres-/Monats-/Tages-Tracker-Ideen für jederfrau (Deutsch). Ich zeig Dir heute Bullet Journal Ideen im Besonderen für das Leben mit PTBS.


Bullet Journal für komplexe PTBS

1_ Blackouts bemerken ist oft gar nicht so einfach. Ich führe täglich ein Time Log, über das ich manachmal welche identifizieren kann. Dort tracke ich

  • Tätigkeiten: offensichtliche Kompensation inkl. Skills, Arbeit mit anderen Menschen, Arbeit allein, einkaufen & Hausarbeit, Therapiezeiten, Entspannungszeiten bzw. deren Versuche, Bewegung, Essen und seine Vorbereitung, Schlaf
  • Sozialkontakte: Zeit gemeinsam mit meinem Kind, meinem Mann und anderen Personen, da ich soziale Isolationsphasen in schlechten Phasen unbedingt einplanen muss – wenn ich im Kalender nachsehen muss, ob ich mich heute mit einer Freundin getroffen habe oder nicht, dann habe ich ein Blackout identifiziert.

Seit ich das im Bullet Journal notiere, gehe ich abends meine Telefonliste nochmals durch: Kann ich mich an alle Gespräche erinnern oder fehlt etwas in meiner Erinnerung? Die Telefonliste hilft mir sehr dabei, in der Zeit nicht so typisch verloren zu sein, denn ich kann meistens sagen: „Als ich diesen Anruf gemacht habe, war ich gerade spazieren, beim nächsten Anruf war ich schon wieder zuhause.“

Hier sind Anfangsversionen meines Time Logs (Stifte liegen über vertraulichem Text). Der Balken mit den Uhrzeiten wird innen (Tätigkeiten) und darunter (Kontakte) bemalt (siehe Freitag). Die Bedeutung der Kakteen und Igel erkläre ich ein andermal.

 

Das Time Log macht mich achtsam darauf,

  • abends pünktlich ins Bett zu gehen – schwierig für mich! Bettgehzeit ist irgendwie bedrohlich. Ich lenke mich (unbewusst) ab mit TV oder einem Buch, bringe damit meinen heiklen Schlaf-Wach-Rhythmus immer wieder durcheinander.
  • in meiner Freizeit nicht viele Stunden völlig absorbiert von ein und derselben Tätigkeit (= Flucht) zu verbringen, ohne etwas zu trinken, zu essen, aufs Klo zu gehen.
  • dass meine Work-Life-Balance passt.

Mood Tracker und Tagestext. Die Wolke mit dem Blitz oben im Bild zeigt mir auf einen Blick, das dies ein schwieriger Tag war (zeigt nicht das Wetter, sondern meine Stimmung; Gewitterwolke mit und ohne Blitz für schwierige Tage / Wolke & Sonne für durchschnittlicher Tag / Sonne für tollen Tag). Ich erfasse als Text, womit ich Probleme hatte und was ich dagegen unternommen habe. Wenn es ein toller Tag war, schreibe ich auf, wofür ich dankbar bin, was mir gut gelungen ist, worüber ich mich gefreut habe. Manche Tage haben einfach nur eine Sonne als Doku – BuJo soll ja kein Selbstzeck sein.

In einer anderen Woche teste ich eine Time Log Version mit allen Wochentagen nebeneinander und kappe die Seiten, die die Texteinträge dieser Woche tragen.

B7E1117A-63E9-41E3-BBDC-BB1AABAFA1AA


IMG_24012_ Notizbuch für meine Listen. Ich liebe Listen, immer schon. Meine Listen fliegen nicht mehr überall rum, wichtige Dinge, die eigentlich in der Therapie besprochen werden wollen, gehen nicht mehr auf Zetteln verloren. Sie kommen jetzt ins Bullet Journal, meistens mit einem Icon, einem Bild oder zumindest in Farbe. Wenn ich sie brauchen sollte, würde ich sie jederzeit finden. Hier ist eine BuJo Liste, die ich an jenem Freitag mit der Gewitterwolke gemacht habe, die zeigt, dass die Funktionalität (rechts) an dem Tag niedrig war und innen jede Menge los war (links).


3_ Features mischen. Ich habe festgestellt, dass ich bestimmte Seiten meines BuJo sehr gerne und damit häufig aufschlage: Einen Mutmacher-Spruch, um eine Illustration dazu zu machen … und dann auszumalen … und dann die Illustration zu ergänzen … Andere Seiten schlage ich nicht gern auf – obwohl ich täglich einen Blick drauf werfen sollte. Die Task-Liste, in der ich meine unerledigten Aufgaben sammle, ist so eine. Seit ich Lieblingszitate mit Illustrationen auf derselben Doppelseite wie die Task-Liste platziere, klappt das deutlich besser.

DSC06128

Von oben nach unten reihe ich meine privaten Tasks, von unten nach oben die geschäftlichen Tasks, an die ich außerhalb meines Büros denken muss (das sind nicht viele), und wenn die Seite voll ist, füge ich die Überschrift „geschäftlich“ an der passenden Stelle dazwischen ein. „<12“ ist ein Eintrag nach BuJo-System von Ryder Carroll: Die letzte Taskliste befindet sich auf Seite 12; wenn ich mit dieser hier fertig bin, trage ich neben der Seitenzahl „37“ rechts die Nummer der Seite ein, auf der die nächste Task-Liste zu finden ist.


Welche Gewohnheitstracker sich für mich bewährt haben, wie ich mit Zielen – definierten, erreichten und dem Frust des Versagens – umgehe und noch weitere, Bullet Journaling Tipps für PTBS, davon erzähle ich beim nächsten Mal.


Mehr lesen übers Bullet Journaling hier im DIS…tanzblog:

Mehr lesen über Innenkommunikation hier im DIS…tanzblog: distanzblog.wordpress.com/tag/ziel-innere-kommunikation/


Kommentar? Gern!

22 Kommentare Gib deinen ab

  1. Birke-Zeitenmosaik sagt:

    cool…und da schreibst du JEDEN Tag was rein?? sieht total kreativ aus…

    Gefällt 1 Person

    1. danke 🙂 Der Plan ist, da jeden Tag was reinzuschreiben, was für alle aus ∑ich wichtig ist. Aber manche aus ∑ich möchten oder dürfen oder wollen nicht mitmachen – und bevor sie aus Widerstand das BuJo schrotten, müssen sie gar nichts machen. Dann gibt’s halt ienen Tag keinen Eintrag oder jemand aus ∑ich trägt das nach. Die Zeichnungen sind ∑mir sehr wichtig (danke für kreativ, aber in erster Linie sind sie wichtig!), denn die sind Gemeinschaftsarbeiten aus mehreren von ∑ich – da schreib ich im 3. Teil mehr davon. lg s

      Gefällt mir

      1. PS: Hab grad nachgesehen: Im 2018er-BuJo bin ich heute auf S. 54 – Du siehst, es wird gut genutzt.

        Gefällt 1 Person

  2. Birke-Zeitenmosaik sagt:

    Mich hat da bisher immer von abgehalten, dass ich mir nicht vorstellen konnte wie ich das mit nem Kalender vereinbaren soll. Ich brauche nen übersichtlichen Kalender…aber du schreibst ja auch, den hast du im Handy nochmal extra…

    Gefällt mir

  3. Pauline-s sagt:

    is voll off topic, aber egal: den nagellack hab ich auch! :-))

    Gefällt 2 Personen

  4. 😍😍😍 Geniale Idee und sehr schön umgesetzt!

    Gefällt 3 Personen

  5. Wow, einfach toll. Wünschte wir könnten auch so durchorganisiert sein. Da haben welche was begonnen und dann liegt es Jahre lag unbenutzt rum… Selbst Tagebuch wird mal Tage lang durchgehend geführt, wobei man nicht mehr isst und trinkt, sondern Stunden lang schreibt. Und dann liegt es Wochen lang unbenutzt rum! Wir haben auch zig Bücher gleichzeitig laufen.
    Eher Chaos statt Ordnung.

    Gefällt 2 Personen

    1. Hm, ja, das ist das gute am BuJo. Wenn es eine Zeitlang unbenutz liegt, entstehen keine leeren Seiten. Wenn ein paar Tage / Wochen / Monate später wieder jemand aus ∑ich Lust hat zu schreiben – gut! Ansonsten halt: passt gerade nicht. Alles darf, nix muss – meine BuJo Devise. 🙂

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, ist schon richtig, außer man möchte heraus finden ob es Lücken gibt.

        Gefällt mir

  6. Hey,
    sehr schöner Beitrag und ich finde es toll, dass dir das Bullet Journaling zu helfen scheint!
    Liebe Grüße
    Lila

    Gefällt mir

  7. Hallo, 😊
    darf ich deine Bullet-Journal-Ideen auf meinem Blog verlinken?

    Liebe Grüße,
    Sofie

    Gefällt mir

    1. na klar! wäre mir eine Ehre… 🙂

      Gefällt 1 Person

    2. warte noch 10 min, dann hab ich neue fotos drin…

      Gefällt 1 Person

      1. Kein Stress! 😀
        Das freut mich wirklich sehr!

        Gefällt 1 Person

  8. Anonymous sagt:

    Respekt!
    So ausgefeilt ist das hier lang noch nicht, aber Terminplaner, Kritzelblock und Smartphoneeinträge…und dann kommt das Loch…
    Danke für den Einblick

    Gefällt 1 Person

  9. DISsenseME sagt:

    Liebe Grüße

    es ist vielleicht etwas spät, aber wir wollen wissen, welches elektronische Programm ihr benutzt – hauptsächlich wegen der automatischen Funktionen wie Wegzeitberechnung und automatischer Alarmfunktion…

    Wir verwenden viel Zeit täglich darauf Termine nicht zu verpassen und bereit zu sein, wenn es los geht. Sind aber auch so schlecht darin, Technik zu verstehen und zu nutzen, dass wir über einen Tipp sehr froh wären… wir dachten uns, dass wir wenigstens fragen können – auch wenn ihr es hier nicht schreiben können solltet.

    Für uns ist es interessant, welche Programme da geeignet sind – habt ihr viele Programme probiert?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo DISsenseME, ich habe dazu nicht viel ausprobiert. Ich verwende seit 5 Jahren einfach die normale Kalenderfunktion meines iPhones. Die berechnet automatisch die Wegzeiten inkl. Staus, wenn man den Ort angibt, wo der Termin ist, halt immer vom akutellen Standort aus. Das ist echt praktisch. Man kann pro Termin 0-2 Alarme einstellen (z.B. 1h vor der Abfahrt und 5 min vor der Abfahrt).
      Nachdem Google aber sowohl eine Kalenderfunktion hat, als auch eine Karte, kann der das vermutlich auch?
      Lieben Gruß, s.

      Gefällt 1 Person

  10. DISsenseME sagt:

    Wir versuchen das mit Google eine Zeit lang und schreiben dann hier nochmal eine Rückmeldung 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. und, wie ging’s euch?

      Gefällt mir

  11. DISsenseME sagt:

    Also das Planen der Wegstrecke kriegt Google nicht hin und die Erinnerungen laufen über Mail – was bei uns nicht klappt. Es kann aber auch an uns hier liegen – PC und sowas ist für einige ein Buch mit 7 Siegeln hier.

    Jetzt haben wir eine neue Phase zum Testen gestartet mit einer Smart Wacht – was besser für alle zu funktionieren scheint. Da aber alles im Moment ein Durcheinander ist seit dem Gutachtertermin der RV… wollen wir noch etwas abwarten bis wir ein Feedback geben 😇

    Gefällt 1 Person

    1. Email würde bei mir auch nicht klappen… es gibt bestimmt eine vergleichbare SAche für Android… ich kenne sie nur leider nicht… alles Liebe s.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s