066 BAM! EXPOsition (3) Steine werfen

Stell Dir vor, Du bist Psychotherapeutin. Du hast eine eloquente Patientin, die Du seit über 10 Jahren kennst. Die beiden Stunden letzte Woche habt Ihr mit ihrem Lebenslauf in positiven und negativen Meilensteinen verbracht – kann man das überhaupt schon Traumaexposition nennen? Die erste Stunde dieser Woche lief ganz gut. Heute spricht sie die ersten fünf Minuten mit Dir wie immer. Und dann kommt Schweigen. Was machst Du? Mir ihr? Mit der Gesamtsituation? Eine Lehrstunde bei KR: Wie navigiert man als Therapeutin durch noch so viel Therapiezeit ohne eine Antwort zu kriegen? Und wie dreht man am Ende alles auf den Kopf – für die ultimative Lernerfahrung eines zeitreisenden Ichs… einfach nur krass… krass cool… Liebe Therapeuten da draußen, so geht das!


Nebensächlichkeiten = Vorgeschichte

Es ist nicht schön, wenn über einer Nebensächlichkeit, die mit der Therapie nichts zu tun hat, eine Therapeutenbeziehung einen Knacks bekommt. Nicht mal der Rede wert! – aus Sicht der Geschäftsführer. Drama! Verzweiflung! Zorn auf die Therapieversion! Heulkrampf – für mehrere andere aus ∑ich. Die Geschäftsführer wollen mit diesen komischen Ichs nichts mehr zu tun haben, denen ist das peinlich: Hätten sie das geahnt, hätten sie das Thema gar nicht angefangen. Wenn ich demnächst eine Sozialphobie entwickle, weil meine Ichs es nicht mehr durch simpelste Interaktionen schaffen, ohne dass jemand durchdreht, wundert es mich nicht. Dass der Knacks erstens die „Schuld“ aufseiten meines Dachschadens hat und zweitens „weniger rationalen Anteile“ (aka traumanahe Anteile) sich gerade verstricken, merke ich unter anderem daran, dass ich oder meine Geschäftsführer das Problem nicht mal so erklären können, dass sie es selbst (oder eine Außenperson) verstehen würden. Das macht es nicht leichter, sondern schwieriger. In diesem Zustand der aktiven „weniger Rationalen“ und unter dem Kopfschütteln der Vernünftigen im System macht Alltägliches Panik. Ich kann zwar die Situationen auflisten, die den vorhandenen Tumult noch weiter angefeuert haben, aber ein Warum kann ich nicht liefern:

  • Beim „Lebenslauf aus Steinen und Blumen“ legt KR eine Schnur auf, die meine Lebenszeit darstellen soll. Entlang der Schnur legt sie Steine für die negativen und Blumen für die positiven Meilensteine meines Lebens. Es geht um Steine und Blumen – die Schnur ist völlig nebensächlich. Während eine Geschäftsführerin gut durch die Stunde navigiert, knallen mehrere aus ∑ich regelrecht durch die Decke: Der noch nicht gelebte Teil des Lebens ist zu lang! Das ist fürchterlich! Er ist mindestens dreimal so lang wie der schon gelebte – demnach müsste ich 120 Jahre alt werden! Das will ich nicht! Was für ein Fluch! Und die Schnur ist aufgerollt zu einem Knäuel – ich will kein symbolisch so kompliziertes Leben haben! Diese aus ∑ich sind überfordert mit einer Perspektive von heute und morgen – die können nicht so weit denken und lassen sich gar nicht mehr beruhigen.
  • KR liest vor: „(An diesem Ort) passierten mehrere Vergewaltigungen.“ E. (aus ∑ich) macht inneren Radau: „TÄGLICH! Mehrere Vergewaltigungen täglich!“ Und da konnte das Therapie-Ich nicht mehr. Das ist zu viel Hintergrundrauschen plus unaushaltbare, unqualifizierte, unbewiesene Kommentare. Blackout.
  • Wir sprechen über die Idee einer gemeinsamen Therapiestunde mit meiner Mutter. Mein Mann hätte das gern, weil die Beziehung so schwierig ist. KR sagt in einem völlig logischen Zusammenhang und mit ziemlich übertriebenem, sarkastischem Unterton – sie kichert sogar dabei -, sodass die Therapieversion das gut nehmen kann: „Sie haben Ihre Tochter leider kaputt gemacht.“ Mehrere aus ∑ich werden hinfortgespült von Hoffnungslosigkeit, als sie den Satz hören – isoliert, die interessieren sich nicht für Kontext. Die apokalyptische Scheibe übernimmt – Selbstmordvisualisierung stundenlang, weil KR mich als kaputt bezeichnet hat. Die Geschäftsführer haben kein Problem damit, als kaputt bezeichnet zu werden – wieso sind „wir“ sonst monatelang in einer Traumaklinik, wenn nicht zur Reparatur?!

Ich bin überrascht, wie ruhig und freundlich ich mich anhöre. Live waren im Hintergrund E. & friends durchgehend am brüllen. Am liebsten hätten sie KR mit 120 Dezibel weggeschrieen; jemand aus ∑ich will später die Therapiestunden der nächsten Wochen an einen Mitpatienten verschenken. Hallo?! Geht’s noch? Ich brauch jede einzelne dieser Stunden! Ich habe nichts Psy-mäßiges zu verschenken, schon gar keine Therapiestunden. Krass, mit welchen Mitteln Menschenkontakte minimiert werden… zu viel Aufmerksamkeit, boa.

Wenn meine Summe schon geschwächt in eine Therapiestunde geht, dann fühlt sich das, was da passiert ist, für manche aus ∑ich so an, als hätte KR im 20-Minuten-Takt Steine auf traumanahe Anteile geworfen. Für mich aus ∑ich fühlt es sich an, als würden meine traumanahen Anteile durchdrehen – mit oder ohne KR. In jedem Fall ist es gut, wenn der Tag möglichst schnell zu Ende geht.


In fünf Therapieminuten an die Wand fahren – Minute 9 bis 14

Ein Tag später – nächste Einzeltherapiestunde bei KR, Verbatim-Protokoll. „Was machen wir zum Aufwärmen?“ – „Liegestütz?“ – lachend: „Träumen Sie weiter! Liegestütz! (…) Ich nehme an, Sie sind wahnsinnig entspannt und freuen sich wahnsinnig auf die heutig Stunde?“ (Patientin schmunzelt.) „Oder soll ich gleich mit der Tür ins Haus fallen? Auf meinem Plan, der ja nicht Ihrer sein muss, steht: den Stein (zeigt auf denjenigen, der für den DIS-Entstehungsmoment steht) ein Stück weit anschauen, und dazu hab ich diese erste Version des Lebenslaufs um die erste (Trauma-) Szene erweitert, genau so, wie sie in Ihrem Text stand. Eine zusätzliche Hilfe, damit es dorthin rücken kann, wo es hingehört auf der Zeitlinie, wäre, sich das noch mit zusätzlichen Details anzuschauen. Ja. (…) Dann sehen wir mal, ob Sie das hilfreich finden? Und wie es allen anderen geht damit? Gibt es jetzt Protest? Zebraherde (062) stürmt bei der Tür hinaus oder so?“ – „Mm.“ (verneinend) – „Ist jetzt gerade Angst da? Sie wirken so reduziert.“ – „Weil ich keine Liegestütz gemacht habe?“ grinst die Patientin. „Es ist nur eine kleine Veränderung zum letzten Mal. Ich vermute nicht, dass es sehr aufregend ist, aber ich weiß es nicht.“ (…)

Minute 8. „Was die zwei Scheiben sind, die so Druck machen, sind ja die, die vermutlich in der Zeit vom (Ort des Geschehens) entstanden sind: einerseits das „Ich bring mich um,“ andererseits der Teil, der weiß, wie böse sein geht (064). Das kommt einem ja vor wie copy and paste. Das Hirn macht nur das, was nützlich ist. Beide haben es irgendwie leichter gemacht. Gibt’s dazu einen wütenden Prozess dagegen, dass wir das in die Zeitlinie einpflanzen?“ – „Nein.“ (…) „Gut. Dann machen wir es nicht größer, als es ist. Ich hab diese paar Kleinigkeiten noch eingearbeitet.“ … beginne zu lesen in Minute 9.

Perspektivenwechsel. „Kleinigkeiten?“ also diese erste für mich recht brutale Szene ist für die Therapeutin eine Kleinigkeit? „… mehrere Vergewaltigungen …“ E. brüllt genau wie gestern an derselben Stelle: TÄGLICH!!! Blackout startet.

Minute 10. „Ja,“ ist das letzte Wort, das die Patientin spricht. In Minute 14 ist die Lesung beendet. „Wie ist das, das so zu hören? Anders als beides extra?“ (75 Sekunden Schweigen) „Wer ist denn jetzt da? Jemand anders als vorher?*“ (40 Sekunden Schweigen) „Ich räum das jetzt alles wieder weg.“ (krame mit Steinen und Blumen und Zetteln. Das vereinbarte Stopsignal (057) ist inzwischen überlaufen.) Minute 18. „Was wäre jetzt mit ein bisschen aufstehen?“ (keine Reaktion) Minute 19. „In einer der letzten Stunden haben wir über Tiere gesprochen. Ich hol mal meine Tiersammlung heraus.“ (krame) „Ich habe Elefanten. Zebra hab ich nicht. Jede Menge Affen. Löwe. Giraffe – eine ganze Herde.“ (Pause) „Dann hab ich noch grausliche Tiere. Tiere, die die meisten grauslich finden.“ (lege eine Schabe und eine Spinne auf den Tisch.) Minute 23. „In Australien, das hab ich mir gemerkt, muss man immer in die Schuhe schauen.“

Die Patientin beteiligt sich irgendwann. Sie sortiert die erwachsenen Tiere auf die eine Tischhälfte, die Jungen auf die andere und stellt ihr Handy als Zaun dazwischen. Ich baue aus mehreren Karteikarten einen besseren Zaun.

Minute 27. Ich reiße Papiertaschentücher in kleine Stücke: „Das soll Futter sein. Ich hab Ihnen vorher eine grausliche Geschichte erzählt. Die ist 34 Jahre vorbei.“ Einen Futterhaufen gebe ich ins Gehege der Jungtiere und eines in das der Erwachsenen.

Dem Ich, das mit der Therapeutin interagiert, ist nicht recht, dass auch die Erwachsenen gefüttert werden.

„Könnte ein Großer aufpassen auf die?“ (zeige auf die Jungen) Die Patientin erlaubt das nicht und stellt alle Jungtiere in einer Reihe auf mit Blick Richtung Zaun und versteckt die Kleinsten hinter den größeren Jungtieren. „Das ist eine gute Idee. Viele Kleine sind auch stark.“ (Person geht am Zimmer vorbei und schneuzt sich lautstark.) „Ich glaub, da draußen geht ein Elefant spazieren.“

Minute 31. Die grauslichen Tiere stellt die Patientin direkt vor sich auf: eine Ratte, eine Schabe und eine Spinne. Am liebsten mag sie die Schabe. „Ich hab sowas ja noch nie in Echt gesehen. Ich hoffe ja, dass die in Echt kleiner sind.“

Die mag ich am liebsten, denkt das Ich, und in Echt gibt’s die noch größer als diese – diese paar Sekunden sind ohne Blackout.

„Wenn die nun aufpassen, dann können die Jungen spielen.“ Patientin schüttelt den Kopf. „Nicht spielen,“ denke ich laut.

Minute 34. Patientin beginnt, in ihrem Akt zu wühlen. „Das was ich gerade gelesen habe?“ … ich lege die losen Blätter mit dem Text heraus. Patientin durchsticht mit ihrem Druckbleistift das Papier und zerreißt die Seiten. Minute 36. „Man könnte Papiermaché machen. Mit Kleister und dem Papier.“ Minute 39. „Wenn man so eine hässliche Geschichte erzählt, ist es am Anfang immer doppelt hässlich, aber es wird dann besser. (Pause) Das ist jetzt ein Sturm. Oder eine Wolke,“ forme eine Wolke mit den Papierschnipseln. Rascheln minutenlang.

Minute 43. „Es war einmal jemand da, der gesagt hat: Es ist total wichtig, dass die Geschichte alle kennen. Damit sich alle gleich auskennen. Damit klar ist, es passt alles zusammen. Leider. Besser wär’s, es wäre nicht passiert.“ (Giraffen werden zur Wasserstelle geführt.) „Schreiben?“

Minute 48. Patientin hat geschrieben: „Mach mit mir, was du willst.“ Ich habe darunter geschrieben: „… damit?“ und sage: „Damit was passiert?“ Zack! Wendepunkt.

Die Antwort darauf müsste sein: „… fang endlich an, damit es schneller vorbei ist.“ Das Ich merkt in dem Moment, dass der Satz gar nicht mit dem zusammen passt, was es will: Es will nicht, dass diese Interaktion so schnell wie möglich vorbei ist. Der Satz, den es immer sagt, wenn der Stress zu groß wird, passt nicht ins Jetzt – der Stress ist gerade groß, aber der (alte) Satz ist verkehrt. BAM!

In Zukunft kann dieses Ich vielleicht neben: „Mach mit mir, was du willst, damit es schneller vorbei ist,“ auch noch… ich überlege noch? Welcher Satz könnte das sein?


Ja, das ist genau die Sorte Lernerfahrung, die ich nicht aus Büchern und Blogs nehmen kann. Kennst Du das? Magst Du erzählen von einer Therapieerfahrung, die man nicht aus einem Buch hätte nehmen könne?
Kommentar? Gern.
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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Pauline-s sagt:

    Die Lernerfahrung, die ich erzählen kann, war nicht so intensiv wie die, die hier aufgeschrieben wurde. Egal: Ein „Meilenstein“ in der Anfangszeit mit der neuen Therapeutin war der Moment, als welche bei uns bemerkten, dass sie weiße Socken in schwarzen Schuhen trug und ein zusammengeknülltes Kinderschokolade-Papier vor der Begrüßung in den Mülleimer warf. Da wurde realisiert: „Die ist ein Mensch und die hat echt Macken -wer trägt bitteschön weiße Socken in schwarzen Schuhen?- und außerdem isst sie Kinderschokolade vor einer Therapiestunde- also, irgendwie ist es wohl unpassend, sich ihr in irgendeiner altbekannten Form anzubieten.“ … vergleichbar? Nee, ne?

    Gefällt 4 Personen

    1. Hallo Pauline-s, danke für die Lachminute! 🙂 Meinst Du, es hat die Therapeutin von Anfang an menschlich gemacht oder so? Oder essen Täter keine Kinderschokolade und haben schwarze Socken in schwarzen Schuhen? Hat es ein Sicherheitsgefühl gemacht? lg s.

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      1. Pauline-s sagt:

        Ja, es hat sie von einem imaginären Sockel heruntergeholt und uns irgendwie so eine gemeinsame Augenhöhe ermöglicht. Nicht nur durch die Socken und die Schokolade natürlich. 😉

        Gefällt 1 Person

        1. … und inzwischen habt ihr gemeinsam einen Schokolade-in-weiße-Spocken-Club gegründet. 😀

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        2. Pauline-s sagt:

          ja, so ähnlich 🙂

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        3. Ich denke, bei mir sind es die Erfahrungen der letzten 11 Monate, die jeden Psy-Mensch von jedem Sockel geholt haben. OMG. Fremdschämen on.

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