067 DIS in den Medien – Filmkritik: SPLIT

Warum ein Film, vor dem die International Society for the Study of Trauma and Dissociation ausdrücklich warnt, von mir – einer DIS-Patientin – das Prädikat „wärmstens empfohlen für Traumatherapeuten“ bekommt.

„Was hast du diese Woche in der Traumaklinik gemacht?“ will eine Freundin wissen. – „SPLIT geschaut.“ – „Heimlich? Spinnst du?“ – „Nein, unheimlich und im Gemeinschaftsraum.“ – „Hä?!“

Völlig absurd! Schwer traumatisierte Menschen schauen bestimmt nicht freiwillig Filme um die Gewaltausübung eines persönlichkeitsgestörten Mannes? Einen Film mit drei jugendlichen Entführungsopfern – also einen Film mit dreifacher detaillierter Schilderung von Opferschaftserfahrung? Unmöglich! Traumatisierte Menschen würden weglaufen vor einem Film, in dem ein schwer traumatisierter Mann selbst zum Täter wird? Das ist doch für uns alle die Horrorvision unserer Zukunft. Das läuft auf keinen Fall nicht in einer Traumaklinik im Aufenthaltsraum, oder? Und wenn, dann würde einen das Personal dran hindern, aka vor sich selbst schützen.

Nope. Zwei Mitpatienten und ich hatten in besagter Woche bereits gemeinsam zwei Filme am mit dem Fernseher verstöpselten Laptop gesehen. Nett war’s. „Für übermorgen haben wir schon einen Film ausgesucht: Split. Magst du wieder mitschauen, Sonrisa?“ Die vernünftige und richtige Antwort auf diese Frage ist: nein, danke. Weil mir das zu gruselig ist. Weil ich mit Euch nicht gemeinsam einen Film schaue über meine Diagnose  (von der Ihr nicht wisst; aber das ist trotzdem nicht gut auszuhalten). Ich hab das Nein auf der Zunge. Wieso sagt der Mund: „Ja, klar“?


Gründe den Film nicht zu schauen:

  • Die ISSTD hat ein Position Statement* publiziert, als Split erschien – das hat sie meines Wissens davor und danach nie wieder getan wegen eines Films oder eines Buchs oder eines anderen Medienereignisses: Es macht auf den Schaden aufmerksam, den eine solche Mediendarstellung für Menschen macht, die nicht nur mit dissoziativer Identitätsstruktur oder einer anderen Einschränkung der psychischen Gesundheit leben müssen, sondern auch mit dem Stigma, das damit einhergeht.
  • Das Genre des Films ist Thriller-Fantasy-Horror; und ich muss mit großem Respekt vor der künstlerischen Finesse M.N. Shyamalans anerkennen: saugut gemacht. Meine Güte, wir alle drei haben gefühlt minutenlang die Luft angehalten – mehrfach. Man soll sich als gesunder, normal empathischer Mensch und besonders als traumatisierter Mensch, der angewiesen ist auf Psychopharmaka zur Bekämpfung von unkontrollierten Spannungszuständen, gut überlegen, ob man sein Gehirn „so etwas“ aussetzen will. Für 117 Minuten. Vor dem Schlafengehen. In diesem Film spritzt (in Maßen, nicht in Massen) das Blut, Achtung, in diesem Film gibt es Tote, während höchst professionell vom Regisseur alle emotionalen Knöpfe in der richtigen Reihenfolge gedrückt werden.

Was man sich vor Augen halten sollte, wenn man den Film schaut:

  • Wir drei Film-Gucker sind seit Jahren in Traumatherapie, wir wissen bescheid über Traumafolgestörungen. SPLIT erinnert mich an Science Fiction – wir drei wissen, wie richtig gute Science Fiction funktioniert: Erst sehr detailliert und tatsachengetreu die Science über den Tisch reichen, und an einem ganz bestimmten Punkt die Fiction in den Film mogeln mit dem Ergebnis, dass dem Zuschauer die Grenze des Möglichen verschwimmt. Meine Mitpatienten und ich kennen den Punkt ganz genau, an welchem bei Split die Fiction startet; die uninformierte Plebs weiß das nicht – und das ist das Moment, das den Schaden am Krankheitsstigma und somit an allen Betroffen macht, den die ISSTD meint.
  • Aus wissenschaftlicher Sicht kann klar gesagt werden: Es gibt keinen empirischen Zusammenhang zwischen Dissoziation und Kriminalität (will sagen: Menschen mit DIS sind nicht gewalttätiger oder gefährlicher als der Rest der Bevölkerung). Quelle: Webermann et al. 2017: Mental Illness and Violent Behavior: The Role of Dissociation („In a representative sample of individuals with dissociative disorders, recent criminal justice involvement was low, and symptomatology did not predict criminality. (…) It is a myth that individuals with DID are the most likely patients in the mental health system to be violent.“)
  • In den USA war der Film recht beliebt, in Europa ist er kaum bekannt. Es ist demnach unwahrscheinlich, dass man sich jemandem gegenüber als DIS-Patientin outet und als Antwort mit schreckgeweiteten Augen erhält: „Oh mein Gott, heißt das, du kannst dich körperlich in ein Monster verwandeln wie der Typ in Split?“ Nein, selbstverständlich und Gott sei Dank kann ich das nicht, das ein Fiction-Moment. Und zum Satz am Plakat: Ich lebe nicht in ständiger Furcht, neue kriminelle Persönlichkeiten in mir würden „kurz vor dem Ausbruch stehen“. Keine der Freundinnen, die über meine DIS bescheid weiß, hat mich nach Filmstart besorgt angerufen: Sie kennen den Film halt einfach nicht.

Gründe, den Film zu schauen:

  • THE SIXTH SENSE mit Bruce Willis in der besten Rolle seines Lebens ist Shyamalans bekanntes Meisterwerk, und UNBREAKABLE mit dem unvergleichlichen Samuel L. Jackson neben – again – Bruce Willis ebenso ein Pflichprogramm für Kino-Aficionados. James McAvoy brilliert in der männlichen Hauptrolle – oder sollte man sagen: in den vielen männlichen Hauptrollen, die er mit nur einem Körper bemerkenswert darstellt: einen von Reinlichkeitszwang Getriebenem, einen lispelnden Neunjährigen, einen gefühlvollen Modedesigner und natürlich einen brutalen Entführer. Spätestens als ein Persönlichkeitsanteil vortäuscht, ein anderer Persönlichkeitsanteil zu sein, muss man einfach denken: Shyamalan, was bist du genial. Daumen hoch!

Nein, man kann sich nicht aussuchen, welcher Persönlichkeitsanteil aktiv ist, vollkommen richtig – da weiß Shyamalan etwas, das noch nicht mal zu jedem Behandler von DIS vorgedrungen ist. („Kann nun jemand anders kommen und übernehmen?“- Schön wär’s! *döööööt!* leider nein, mein Gegenüber und ich müssen mit dem vorlieb nehmen, was da ist.)

  • Der Film hält einen mit Horror-Spannungspeak-Tricks außer Atem, es gibt keine einzige Vergewaltigungsszene, auch keine Andeutungen davon. Wenn doch, hab ich sie verDISt. 🙂
  • Am besten von allem hat mir an dem Film gefallen… huch, da muss ich ausholen. Drei Mädchen werden entführt, zwei glückliche Teenager, die mit ihrem Happy-Family-Hintergrund im Film recht farblos bleiben, und ein Mädchen mit Gewalterfahrung – wie für Gleichgeschädigte vermutlich sofort mit Auftauchen des Charakters offensichtlich: Es geht mit anderen Beobachtungen durch die Welt als seine unbedarften Freundinnen. In der Traumatherapie wird oft betont, wie unpassend eine solche Wahrnehmung ist – früher einmal notwending und sinnvoll, nun eine Belastung. Als Betroffene ertappe ich mich immer wieder mit folgendem Gedanken über solche Therapeutinnen: „Glücklich lebt die Naive.“ Gerade hier in der Klinik habe ich mit dieser pathologisierenden Sicht von Therapeuten = Menschen mit weniger / kaum Gewalterfahrung zu kämpfen: „Sieh doch, die Welt ist doch gar nicht so gefährlich! Sie doch, es geschieht dir doch nichts mehr! Sieh doch, deine Erregungslage passt nicht zur sicheren Welt, in der du jetzt lebst!“= Deine Lebenseinstellung entspricht nicht der Realität, sie ist verrückt. Doch, meine Lebenseinstellung entspricht meiner Realität, ich bin die Summe meiner Erfahrungen wie jeder andere Mensch auch, und es tut mir nicht gut zu hören, dass daran etwas „übertrieben“ ist oder nicht ins Jetzt gehört, denn umgekehrt ist die Perspektive meiner Behandler auf die Welt aus meiner Sicht – wie gesagt – äußerst naiv, gefährlich naiv.

Am besten von allem hat mir an SPLIT gefallen, dass Casey (meisterhaft gespielt von Anya Taylor-Joy) überlebt, weil ihre Wahrnehmung gewaltgeschult – nicht gewalt-gestört! wie unser Verhalten von Therapeuten oft gesehen wird –  ist. Sie handelt, anders als ihre „normalen“ Freundinnen, überlegter, kann die nächsten Schritte ihres Entführers besser antizipieren und sich so besser schützen; Caseys Sicht auf die Welt ist in einem Gewalt-Umfeld höchst adaptiv; noch nie zuvor habe ich diesen Aspekt von Traumafolgen in einem Buch oder Film aufgezeigt gesehen.

Ich würde mir wünschen, dass Traumatherapeuten den Film ansehen mit starkem Fokus auf Caseys Verhalten, um sich ein bisschen einfühlen zu können,

  • warum Frühtraumatisierte bzw. Langzeittraumatisierte ihre generelle Vorsicht der Welt gegenüber so schwer aufgeben können und wollen und
  • Spannungszustände so schwer loszuwerden sind.

Traumatherapeuten sehen beides oft als Fossil, dem man erklären muss, dass es keine Existenzberechtigung mehr im Jetzt hat – der Film zeigt, dass jederzeit Lebensumstände eintreten können, in denen das störende Fossil zum besten Überlebenshelfer wird, den man sich wünschen kann.


Fazit: Fünf von fünf Empfehlungssternen für Therapeuten; der Rest der Menschheit, insbesondere jener mit Traumafolgestörungen, bitte verantwortungsbewusst abwägen, ob der Film die Aufregung wert ist, die er macht.


Die beiden Tage zwischen meinem Ja zu SPLIT an meinen Mitpatienten und dem Einschalten des Films erschrecke ich über meinen eigenen Wunsch, dass das Personal uns den Film verbieten möge. Es ist eigenartig, sich als Mensch mit Gewalterfahrung Bevormundung zu wünschen. Nachdem ich den Film gesehen habe, bin ich sehr froh, Casey erlebt haben zu dürfen. Trotzdem bringt es Erleichterung, als einige Wochen später in der Morgenrunde verkündet wird: „Wir haben beobachtet, dass abends immer wieder Filme mit Gewalt-Inhalt geschaut werden. Viele von Ihnen sind hier zur Traumakonfrontation, viele von Ihnen sind hier, weil sie eine Überdosis an Gewalt persönlich erlebt haben. Wir haben daher entschieden, dass solche Filme nicht mehr im Aufenthaltsraum gespielt werden dürfen. Es gibt so tolle Heimatfilme und Tierdokus. Bitte beschränken Sie sich darauf.“ Na also. Halleluja. // Heimatfilme und Tierdokus! *prust*

Trailer / professionelle Kritik: http://www.filmstarts.de/kritiken/240516/kritik.html

*Was mir übrigens am Position Statement der ISSTD richtig gut gefällt ist der Schlusssatz: Die Finanzierung. Die wollen Geld zum Forschen, ich fände das super, wenn das zur Gewohnheit würde: 3% vom Umsatz eines Medienprodukts, das aufgrund von Gewaltpunkten ein Jugendschutz-Ranking bekommt (jugendfrei ab 16 im Fall von SPLIT) in einen Pool, der die Therapie von Tätern und Opfern von Gewaltverbrechen finanziert. Gewaltverbrechen als Unterhaltung zu verkaufen bzw. zu konsumieren, bleibt natürlich eine ethische Frage.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. nintschgo sagt:

    Vielen Dank für die ausführlichen Hinweise, das hat mir bei der Filmauswahl sehr weitergeholfen!

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  2. Pauline-s sagt:

    Danke für die Filmkritik. Ich hab „Split“ noch nicht gesehen, will aber gern und bin mir sicher, dass der mich weniger triggern wird als „Heimatfilme“ (haben die echt von „Heimatfilmen“ gesprochen??).

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    1. Ja, tierdokus und Heimatfilme. 🙂

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      1. Pauline-s sagt:

        Wiki sagt: „Traditionelle Heimatfilme spielen oft in ländlichen Regionen, in einer „heilen Welt“, wobei vor allem Themen wie Freundschaft, Liebe, Familie und das Leben in der dörflichen sowie kleinstädtischen Gemeinschaft vorherrschen. Moderne Heimatfilme setzen dem hingegen eine unverblümte, mitunter harte Darstellung dieser Verhältnisse entgegen. Diese spielen dabei oft vor historischem Hintergrund. Traditionelle Heimatfilme werden heute oft als trivial wahrgenommen, während moderne Heimatfilme etwa als „genau beobachtende, menschlich anrührende Beiträge zur Zeitgeschichte“ gelten.“ Hoch kritisch, findest Du nicht? 😉

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  3. echtjetzt? sagt:

    Heimatfilme? Ernsthaft? Tierdokus okay, kann ich verstehen. Aber Heimatfilme sind doch voll beklemmend und gruselig. Schüttel

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