096 Gewaltallergie

Was bisher geschah. Ich hatte in den letzten Wochen zwei gute Helferbegegnungen: eine mit meinem Hausarzt, die andere mit meiner Psychiaterin, die womöglich die Beste war, das wir seit Jahren hatten. Ihr Abschlusssatz ist: „Sie können sich wahrlich beglückwünschen zu Ihren großartigen Fortschritten in diesem Jahr.“ Und dann kommt noch eine erhellende Erkenntnis nach dem Gespräch: Ich habe keine Helferpanik oder Helferallergie, ich habe eine Gewaltallergie. Etwas in mir wirft unbändige Beziehungsfluchtmechanismen an, wenn ich mich in einer gewaltvollen, rechtsverletzenden oder missbräuchlichen Beziehung befinde. Das ist eine gute Sache. Das ist etwas, das ich gerne behalten möchte. Beim letzten Mal habe ich erzählt von Tätersprache, Maßregelung des „Opfers“ und Opferschrumpfung (095). Fortsetzung…


Die Patientin wird mit negativen Labels beklebt, unter allen möglichen Deutungen bzw. Interpretationen eines Verhaltens wählt die Therapeutin die negativst mögliche aus und bringt die Patientin damit in eine permanente Rechtfertigungsposition.

  • Ich lehne zukünftig negative Labels für mich ab, weil sie konstruktive Zusammenarbeit meiner Meinung nach von vornherein verunmöglichen. Ich möchte mit Therapeutinnen zusammenarbeiten, die das verstanden haben. Ich muss nicht gelobt werden für Erfolg (nothing succeeds like success), bei Misserfolgen ist es hilfreich, wenn meine große Anstrengung gesehen wird (anstatt Therapeutenfrust abzubekommen). Nein, ich möchte nicht mehr mit Helfern arbeiten, die sich eine Richterposition inszenieren, wo keine sein sollte.*

Der Patientin werden Kompetenzen (z.B. als Mutter) von vornherein abgesprochen, nur weil sie eine Traumadiagnose bekommen hat und für sich anerkennt.

  • Ich weiß, dass dieselbe Diagnose bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Auswirkungen auf den Alltag hat. Ich bin nicht länger bereit, mich mit Therapeuten (011) herumzuschlagen, die mehr an Schubladendenken glauben als an die Individualität eines Menschen.

Vor der Entscheidung Machtausübung oder Kooperation wählt der Behandler ersteres.

  • Ich möchte mit Behandlern zusammenarbeiten, die verinnerlicht haben, dass die Compliance des Patienten wichtig ist für den Behandlungserfolg und keine Diagnose, körperlich oder psychisch, irgendeinen Wert hat ohne das Verständnis und die Compliance des Patienten – und dafür braucht es gelebte Kooperation. (093, 077)
  • Nein, es geht nicht ums Rechthaben. Es geht um mein Leben und mein Streben nach Wohlbefinden trotz schwerer Traumatisierungen. Nein, ich möchte nicht mehr mit Behandlern zu tun haben, die hier die Prioritäten verdrehen.

Außerdem lehne ich ab:

  • Helferwahn086
  • Vorwürfe von Behandlern, dass ich als traumatisierte Person wie eine traumatisierte Person reagiere, sowie wenn mein Gehirn seiner normalen Gehirnfuntkion folgt anstatt einer Behandlungsidee (eine Behaldungsidee, die nicht von einer normalen Gehirnfunktion ausgeht, ist… ähm…) – 076
  • Gefühle der Patientin entwerten und / oder andere Gefühle zu unterstellen.
  • ungleiche Verteilung von Schuld und Leistung: Misserfolge gehören grundsätzlich dem Patienten (und seinen unterstellten Versäumnissen oder hypothetischen Fehlern), Erfolge zu 100% dem Behandler – diese Form von Therapeutennarzissmus (084) will ich nicht mehr. Wir haben ein gemeinsames Behandlungsprojekt, somit gemeinsames Wagnis beim Ausprobieren neuer Ideen, dürfen gemeinsam Erfolge feiern, und – sind wir uns ehrlich – das Risiko trage ohnehin ich allein. (061, 068, 075)

Gewaltallergie


Die Patientin bekommt Rechte abgesprochen, weil sie Psychiatriepatientin ist – voll geschäftsfähige, voll zurechnungsfähige mit leerem Strafregister wohlgemerkt. Der Behandler hält sich nicht an Schweigepflicht, Patientenrechte, Konsumentenschutz beim Anbieten seiner Leistungen oder seine selbst getroffenen Abmachungen.

  • Ich habe das Recht auf meinen Körper (außer bei Gefahr in Verzug). Hier geht es nicht um Trigger, sondern um Rechte: Ich darf entscheiden, wer mich wann wo anfasst (ausgenommen gesellschaftliche Konventionen wie auf die Schulter klopfen, Hände schütteln, sich in der rüttelnden Ubahn an mir abstützen, wenn jemand das Gleichgewicht verliert etc.) Nein, medizinisches Personal darf mich nicht 24/7 entgegen meinem Willen anfassen, wo es gerade möchte (sondern nur, wenn ein medizinischer Notfall vorliegt und mein Leben in Gefahr ist).
  • Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Schweigepflichtsverletzungen ich in meinem Leben schon erlebt habe oder Zeuge davon geworden bin. Nein, Schweigepflicht ist keine theoretische Sache; das ist eine ernst zu nehmende Rechtsverletzung.
  • Der Behandler hat sich an den gesetzlichen Rahmen zu halten, in dem er operiert. Es ist illegal, eine Behandlung vorzuenthalten, wenn die Patientin nicht auf einen Teil ihrer Patientenrechte von vornherein verzichten möchte. (040)
  • Vereinbarungen sind für beide Seiten bindend – weder die Psychiatriepatientin, aber schon gar nicht der Behandler hat Narrenfreiheit. Immer wieder im Leben ist es notwendig, Vereinbarungen anzupassen – das tut man üblichereise in einem Gespräch, das man Verhandlung nennt, und nicht, indem man stillschweigend vertragsbrüchig wird. Nein, es ist nicht in Ordnung, Vereinbarungen unter Rauswurf-Drohungen einseitig und plötzlich abzuändern.
  • Überall sonst im Leben kommen vor EXIT-Strategien die VOICE-Strategien: Ich hätte gern eine auf meine Bedürfnisse angepasste Behandlung, anstatt ein Friss-oder-Stirb-System mitmachen zu „müssen“.
  • Selbstverständlich haben Patient und Behandler unterschiedliche Rollen, Rechte und Pflichten (in Bezug auf Authentizität, Bezahlung, Schutzbedürftigkeit).

Ja, ich habe feine Antennen für Gewalt.

Ja, ich habe eine Gewaltallergie.

Nein, ich werde keine allergische Reaktion von mir auf Helfergewalt mehr ignorieren, nur um weiterhin „Hilfe“ zu bekommen.

Nein, liebe Helferin, ich möchte diese Allergie nicht desensibilisiert haben. Warum? Weil sie mich ein Leben lang vor missbräuchlichen Beziehungen geschützt hat und mich gelehrt hat, dass ich gewaltarmen Menschen vertrauen darf. Wenn Du die Gewalt von der Hilfe nicht trennen kannst… dann… Man reiche mir die Tür. Ich möchte gehen.**


Kommentar? Gern!


*Beispiel für negative Labels, Macht statt Kooperation und stillschweigenden Vereinbarungsbruch. Patientin und Behandler haben klare Abmachungen getroffen. Wenn die Patientin eine davon bricht, wird sie als nicht packtfähig oder gar persönlichkeitsgestört belabelt. Wenn der Behander seinen Teil der Abmachung nicht hält, kommt das in die Schublade „nicht mal der Rede wert.“ Erinnert die Patientin an die gebrochene Vereinbarung, erhält sie als Antwort: „Halten Sie sonst auch so übertrieben an Vereinbarungen fest? Das hat etwas von Persönlichkeitsstörung.“ Was lernt das Gehirn der Patientin aus dieser Situation, wenn es seiner normalen Gehirnfunktion folgt?
1. „Der Behandler ist unzuverlässig, auch in mir sehr wichtigen Dingen.“
2. „Abmachungen mit ihm sind wertlos, ich werde in Zukunft keine mehr machen.“ … weil sie die Zeit nicht wert sind,
3. „Ich bin immer schuld. Auch dann, wenn ich mich an meinen Teil der Abmachung halte.“ = Machtverhältnis.
4. „Gespräche mit Behandlern sind gefährlich, weil jede Unstimmigkeit mich noch verrückter machen kann.“ Für das geänderte Verhalten dem Behandler gegenüber nach dieser normalen Lernerfahrung gibt es neue Labels: wie therapieresistent, übertrieben misstrauisch, verschlossen.

**Nein, ich bin dann keine Therapieabbrecherin. Negatives Label, um jemanden in einer ungesunden Beziehung zu halten, ähnlich wie eine „Ehebrecherin“, die sich von ihrem physisch oder psychisch missbrauchenden Mann trennen will.

Bild: Zellentür im Wiener Narrenturm (035)


7 Kommentare Gib deinen ab

  1. J. sagt:

    Danke für diese beiden Artikel. Irgendetwas hat da gerade bei mir Klick gemacht, was mir vorher noch nicht so klar war.

    Im ersten Teil ging es ja u.a. um die Frage weshalb bestimmte Menschen gut tun und andere nicht. Und nachdem ich Teil 2 gelesen habe, denke ich: Das ist doch fast noch wichtiger. Nicht nur zu überlegen, welche Menschen weshalb Grenzen überschreiten. Sondern für mich selbst klar bekommen, wann mir Menschen gefährlich werden können. Ob und wie ich mich beschützen kann, wenn das passiert.

    Ansonsten hat mich weiter die Frage beschäftigt, weshalb Traumatisierte so häufig wieder Ohnmacht erleben. Zwei Leseempfehlungen dazu:

    Matthew Remski & Theodora Wildcroft – Why we don’t listen to trauma survivors
    http://matthewremski.com/wordpress/why-we-dont-listen-to-trauma-survivors-the-contagion-principle/

    Kathy Steele – Sitting with the shattered soul

    Klicke, um auf Shattered-Soul-1989-gf4m.pdf zuzugreifen

    Dass ich selbst bei Traumatherapeut*Innen ihre Abwehr provoziere, habe ich zweimal erlebt. Ich nehme aus diesen beiden Artikeln mit, dass eine sinnvolle Traumabehandlung (oder auch nur hilfreicher Kontakt zu Traumatisierten) nicht möglich ist, wenn man sich den Schmerz eines anderen möglichst weit vom Leib halten möchte. Jeder hat jederzeit das Recht, sich von mir abgrenzen, aber wer sich Therapeut*In nennt, sollte prinzipiell fähig sein, sich berühren und verändern zu lassen. Und nicht das eigentliche Trauma zum Behandlungshindernis deklarieren. Dass das möglich ist, habe ich bislang selten erlebt. (Aber wenn ich es erlebt habe, dann waren es sehr heilsame Momente.)

    Gefällt 3 Personen

    1. Hallo j,
      vielen Dank für die beiden Links, ich habe sie beide gelesen.

      >Ansonsten hat mich weiter die Frage beschäftigt, weshalb Traumatisierte so häufig wieder Ohnmacht erleben.
      Das ist die eine Seite der Medaille – die andere ist: Warum stellt gerade das Helferwesen Traumatisierten so zuverlässig Ohmachtserfahrungen zur Verfügung? (Nach der Klinikerfahrung ist meine Antwort: aus Unachtsamkeit (weil Traumatisierte andere Antennen für Gefahr haben, aber keine Mitarbeiter sein dürfen im dt. Raum, in den USA ist das anders, daher ist dort die Entwicklung in die richtige Richtung viel schneller als hier), aus Unwissenheit und einem Dasein in einem sehr lernfeindlichen Umfeld / Mindset (weil Behandler tatsächlich manchmal völlig veralteten Methoden anhängen, die so ziemlich das Gegenteil von dem sind, was die Forschung ergeben hat; und der Patient ist immer „schuld“, wenn eine Methode nicht funktioniert), aus vielen Gründen…)) Und erschreckender Weise: Es gibt auch Behandler, die sind der Meinung, sie tun der Traumatisierten einen Gefallen, sie mit Ohnmachtserfahrungen zu beehren. Damit sie sich dran gewöhnen? Damit sie lernen, damti umzugehen? Auch die handeln nicht aus Sadismus, sondern aus Unwissenheit (und Lesefaulheit, anders kann ich das nicht erklären).

      >Dass ich selbst bei Traumatherapeut*Innen ihre Abwehr provoziere, habe ich zweimal erlebt. Ich nehme aus diesen beiden Artikeln mit, dass eine sinnvolle Traumabehandlung (oder auch nur hilfreicher Kontakt zu Traumatisierten) nicht möglich ist, wenn man sich den Schmerz eines anderen möglichst weit vom Leib halten möchte. Jeder hat jederzeit das Recht, sich von mir abgrenzen, aber wer sich Therapeut*In nennt, sollte prinzipiell fähig sein, sich berühren und verändern zu lassen.

      Dies ist ein Anspruch, den ich nicht habe. Auch deswegen nicht, weil ich nach über 10 Jahren im Traumawesen keinen blassen Schimmer habe, was denn genau heilen soll, oder was Mein Anspruch wäre, einfach nur keine Abwehrhandlungen der Therapeutin abzubekommen – und wie die Liste zeigt, ist das unmöglich. Die Therapeuten meiner letzten 12 Monate sind kaum jemals auch nur halb so reflektiert, wie sich sich glauben.

      >Und nicht das eigentliche Trauma zum Behandlungshindernis deklarieren.
      Ja – genau das kenne ich auch. Ich werde beim nächsten Mal fragen, ob es sein kann, dass sie selbst das Behandlungshindernis darstellen, und nciht etwa mein Trauma, denn das ist ja der Behandlungsgrund. Und das meine ich wirklcih ganz und gar nicht abwertend oder sarkastisch, sondern einfach in der Natürlichkeit des Menschseins, das eben seine Grenzen hat. Damit habe ich kein Problem, aber diese Vorwürfe und Abwehr, das geht einfach nicht mehr.

      >Dass das möglich ist, habe ich bislang selten erlebt. (Aber wenn ich es erlebt habe, dann waren es sehr heilsame Momente.)
      Tja, dann wünsche ich uns beiden noch viele, viele solche Momente!
      Alles Liebe,
      s.

      Gefällt 1 Person

      1. Das Behandlungshindernis Therapeutin habe ich immer wieder für mich „Aus, jetzt bin ich also wieder am blinden Fleck angelangt!“ bezeichnet. Sobald es soweit war, war klar, dass die Therapie genau dort zu Ende ist. War bei meiner jetzigen Therapeutin in vielen Jahren nie dort angekommen. Bei Kritik sah sie ihren Teil an und reflektierte und lernte. ….. Ein rarer Glücksfall. So soll Therapie sein. Aber es brauchte auch sehr viel Geduld und Wohlwollen von meiner Seite. Ich erkenne immer viel Angst bei Therapeutinnen (hatte bislang nur Frauen) wegen der DIS Diagnose.
        Liebe Grüße
        „Benita“

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  2. Pia sagt:

    Hallo Sonrisa,
    86 kann ich nicht nachlesen, habe das Passwort nicht. An meinem Muttersein gibt es eher keine Zweifel, das Kind ist erwachsen geworden und kommt gut an. Wenigstens etwas, obwohl eine Freundin dafür den abwesenden Vater als Ursache sieht. Wer hat nun ein Problem? Die Welt ist verrückter als wir selbst.

    Was du schreibst kann ich nur unterschreiben, ich bin auch nicht mehr bereit negative Labels zu tolerieren. Über meinen Körper entscheidet außerhalb mir selbst keiner. Kann nicht viel schreiben, ich hoffe du verstehst.

    Pia

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    1. Es freut mich sehr (!) zu hören, wenn Gleichdiagnostizierte wohlgeratene Kinder haben. Denn davor hab ihc in meinem Leben am meisten Angst – dass mein Kind meinen Schaden ausbaden muss. Bei mir sieht es dzt. nicht so aus, aber die Pubertät ist noch voll im Gange. 🙂
      Ja, ich verstehe. alles Liebe, s.

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  3. Pia sagt:

    Liebe Sonrisa,
    was wichtig ist, ist unsere Kinder zu lieben. Zu versuchen ihre Bedürfnisse zu verstehen und entsprechend zu reagieren. Ich denke wir geben was wir haben, vielleicht geben wir auch etwas mehr als die „Normalen“. Wenn ich lese was du schreibst bin ich zutiefst überzeugt, du gibst was du geben kannst. Mehr musst du nicht geben, man kann nur geben was man hat.Unsere Kinder haben ihr eigenes Schicksal, wir sollten das nicht vergessen. Ich mag was du schreibst.
    Liebe Grüße
    Pia

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    1. Danke. Ich werde mir deine Worte ausdrucken. Ja, ich tue, was ich kann. Manchmal auch mehr. Vielen Dank.

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