117 despotische Entscheidungen

Interessant fand ich KRs Einwand, dass ich ihr gegenüber ja genauso „radikal“ argumentieren würde. Ich hätte ja auch gesagt und gedacht: „Wenn mir eine bestimmte Möglichkeit gestrichen wird, ist das das Ende unserer Beziehung.“ Ja, das stimmt.

Allerdings unterscheidet sich der Zeitpunkt:

  • Ich habe diese Therapiebedingung gleich in der ersten Stunde in der Klinik formuliert und ausführlich begründet, warum ich denke, dass ich das brauche. Als ich einige Sekunden auf KRs okay oder not okay gewartet habe, habe ich die Luft angehalten und mein Herz hat gefühlt einen Moment ausgesetzt – weil ich ihr die Macht einräume, ja oder nein zu sagen zu meinen Wünschen oder Vorschlägen. Das nennt man Verhandlung. Diese Phase endet, nachdem beide Seiten einverstanden waren – danach ist es eine Vereinbarung. Ich habe diese Frage als geklärt betrachtet und die Therapie konnte beginnen.
  • KRs Zeitpunkt war nach mehr als 20 Therapiestunden in der Klinik und weiteren ca. 700 EUR Kosten ambulant, die ich nicht gehabt hätte, wenn sie in der ersten Stunde diese für mich wichtige Sonderregelung abgelehnt hätte. Ein Tschüss von einer von uns beiden führt automatisch erneut zu einer Therapeutensuche, von der ich ja schon weiß, dass sie um die 3000 EUR kostet (bevor die Therapeutin sich mit Traumathemen befassen will (mal abgesehen davon, dass ich umziehen müsste, denn in meiner Stadt habe ich alle durch)). Es gibt kein beiderseitiges Einverständnis zur Änderung; das wäre ein einseitiger Bruch eines bestehenden Vertrages und keine Verhandlung.

Der Einwand ist also auf den ersten Blick interessant, aber auf den zweiten unzulässig.


Kommunikation mit dem Psy-Wesen läuft aus einem weiteren Grund oft suboptimal: Mein Argumentationsstil passt nicht immer zu Psymenschen. Als wirtschaftssozialisierter (115) Mensch will ich meine Panikreaktion eigentlich nicht outen, weil mich das zu sehr in den Fokus stellt und angreifbar macht. Da würde ich eher das erzählen, was ich an der Uni gelernt habe, vom Kontinuum der Entscheidungsfindung:

  • echt despotisch (Entscheider setzt durch, was ihm in den Sinn kommt ohne die Konsequenzen seiner Entscheidung für andere auch nur zu kennen)
  • informiert despotisch (Entscheidung wird nach Beratung durchgesetzt, also die Konsequenzen kennend)
  • demokratische Formen (Diktatur der Mehrheit, Bestandssicherung durch 2/3 Mehrheit etc.)
  • mit Berücksichtigung von Schutzbedürftigkeit Einzelner oder Minderheiten
  • einstimmige Entscheidung (ein einzelner kann jede Entscheidung blockieren, irgendwie am Ende auch eine Form von despotischer Entscheidung).

Jede einzelne dieser Entscheidungsformen hat seine Daseinsberechtigung, je nach Verfügbarkeit von Zeit, Information, Kosten, Tragik bei möglicher Fehlentscheidung usw. unterschiedlich sind. Die Kunst ist, für Entscheidungen die passende Form zu finden. Wenn es ums Verhängen einer Lebenslangen Haftstrafe geht, ist es sinnvoll, dass die Geschworenen einstimmig entscheiden müssen – wenn nur eine Person nicht sicher ist, hat sie die Macht, einen Unschuldigen vor dem Gefängnis zu bewahren; umgekehrt ist Einstimmigkeit keine Möglichkeit, wenn tausende Menschen stimmberechtigt sind. An der Uni hab ich gelernt, dass es nicht nur ein ethischer Fehler ist, echt despotisch zu entscheiden, wenn das Kontinuum Berücksichtigung von Schutzbedürftigkeit vorschlägt, zig Kriege haben so begonnen. Ja, es ist für mich immer sicherer, einem Psy-Menschen gegenüber so zu argumentieren. 🙂

Wenn ich nun aber sagen würde (was ich nicht gesagt habe!): „1. haben wir eine Vereinbarung, von der ich gerne hätte, dass Sie sich dran halten, wie sich das für einen geschäftsfähigen Menschen gehört. 2. ist das für mich eine Form der Gewaltausübung, wenn Sie immer wieder Entscheidungen echt despotisch treffen,“ dann würde es mich nicht wundern, dass…

  • sich die andere Person festgenagelt fühlt (noch dazu wissend, dass es unsere Gespräche auf Tonband gibt),
  • die Person „echt despotisch“ nicht als Fachbegriff decodiert, sondern sich mit einem Diktator verglichen fühlt,
  • schon wieder ein Unzulänglichkeitsgefühl aufkommt, weil sie befürchtet, ein Umschwänken wirkt nicht besonders kompetent, nachdem ich meine Argumente aus F44.81-Sicht dargelegt habe (Ihr Vorschlag gefährdet potenziell meine Sicherheit), von der die Person im nachhinein denkt, sie hätte das vorher bedenken müssen.

Ich habe das eben nicht so gesagt, aber es kann schon sein, dass derlei Pingpong zwischen den Zeilen in einem stressbesetzten Gespräch mitschwingen könnten.

Ich wiederhole: Ich wünsche mir für die Zukunft für KR und mich eine weniger radikale und somit weniger stressbesetzte Kommunikation. Ansonsten kann alles bleiben, wie es ist. KR finde ich (finden wir?) immer noch nett.


Gerettet wurde die Situation durch folgenden Wortwechsel bei besagtem Telefonat:
Ich: Wie werden wir das in Zukunft machen, wenn Sie sagen, ein sicherer Rahmen ist notwendig, ähm, und dann diese friss-oder-stirb-Formulierungen? Denn das ist für mich extrem schwierig, auch nur an eine nächste Stunde zu glauben.
KR: Genau das ist für mich auch so schwierig, wenn das von Ihnen kommt. Das ist…
Ich: Ich verstehe von Ihrer Seite den Inhalt der Drohung nicht. Für meine Seite ist deren Inhalt: Ich verliere mein einziges existierendes Hilfsangebot. Aus Ihrer Sicht verstehe, ähm, ich nicht? Worin besteht die Drohung?
KR: In dem Fall ist es, ja, über das Wort Drohung können wir in dem Kontext diskutieren. Es ist die Ankündigung einer Konsequenz. Der Konsequenz, dass Sie dann sagen? Ähm. Ich möchte nicht, dass Sie aufhören. Ich möchte nicht, dass wir aufhören. Es ist in Wahrheit dieselbe Konsequenz, die angekündigt wird, nämlich dass wir aufhören.
Ich: Weil Sie in jeder zweiten Stunde drüber reden: aufhören.
KR: Ich verstehe schon, dass Sie das viel mehr stresst als mich. Aber der Inhalt der Drohung ist dieselbe. Deswegen möchte ich es trotzdem nicht, dass wir aufhören.

Bam!


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Bildnachweis Beitragsbild: pixabay / jackmac34

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