120 sich abfinden

Über der Geschichte vom letzten Mal – Tochter, Fremder, Hauseingang, „überfallen“ – überlege ich, ob sich etwas verändert hat… wie wäre dieselbe Geschichte vor zwei Jahren bei mir angekommen? Vermutlich ziemlich anders, nur auf einer Oberflächenebene, ohne Parallele zu mir als Mutter, vielleicht keine spürbare Wut, sondern nur Anspannung und Schlaflosigkeit. Rätselhaft damals. Ich denke, die Zeit in der Klinik (und vor allem die freie Zeit für mich selbst, fürs Sortieren) hat hier doch gute Nachwirkungen: Ich habe es geschafft auf einen gemeinsamen Nenner. Ich finde, das ist ein Erfolg, nämlich:

Mehrere aus ∑ich haben eine gewisse Anerkennung, dass dem Körper schreckliche Dinge passiert sind – früher mal. Das ist ein Erfolg, dass es diese Gemeinsamkeit des Körpers geben darf und gibt. Man darf denken: „Mir ist das nicht passiert, aber dem Körper.“

Gleichzeitig sind sie mir aus ∑ich nicht passiert, und ich möchte das gerne anerkannt haben im Innen und Außen. Ich möchte nicht, dass das als Verleugnung bezeichnet wird, oder als Lüge, Wankelmütigkeit oder Spinnerei. Ich möchte nicht in einem Therapieprozess oder von sonst jemandem dazu gedrängt werden, eine Erlebensrealität als meine annehmen zu müssen, die nicht meine ist.

Mehrere aus ∑ich können anerkennen, dass es zum Thema Kindheitstrauma sehr unerschiedliche Erlebensrealitäten nebeneinander gibt: Unterschiedliche „Versionen von Ich“ haben eine unterschiedliche Geschichte und demnach auch völlig unterschiedliche Bewertungen von Fakten, nämlich:

  • Es ist ein Erfolg, dass über den gemeinsamen Nenner („In meiner Geschichte nicht, aber in der Geschichte des Körpers…“) erstmals kleine Funken von innerem Mitgefühl möglich waren – nämlich ganz frei von: Welche Version ist denn nun die Wahrheit?
  • Welche aus ∑ich dürfen eine Erlebensrealität haben, in der konkrete erinnerte traumatische Erlebnisse „wahr“ sind, ohne dass andere in ∑ich eine Art Polizeibericht fordern als Echtheitsbeweis – und nicht so wie bis vor kurzem als „Horrorvisionen“ (die nie passiert sind) betrachtet werden.
  • Es ist ein ziemlich großer Erfolg, dass es inzwischen welche aus ∑ich gibt, die Echtheit von Erinnerungen (eigene innere – nicht mehr 100% von Außenreaktionen abhängige) und Glaubwürdigkeit von Innenpersonen streng prüfen, aber auch inzwischen teilweise ein gewisses gegenseitiges Vertrauen entwickelt haben. Das hat das Verrücktheitsgefühl in den letzten Monaten reduziert.
  • Es ist eine Erleichterung, dass oft keine Einigkeit in ∑ich mehr erzwungen werden muss. Das ist die Entlastung seit Aufgabe der Einsmenschhypothese für mich.

Es war zu keinem Zeitpunkt als Therapieziel definiert – der gemeinsame Nenner oder die vier Konsequenzen daraus. Diese Entwicklung ist außerhalb der Therapie passiert, deswegen ist sie nicht weniger wichtig.

Woher weiß ich, dass das Erfolge sind? Alles ist gut, was den inneren Tumult (Dauerkampf) reduziert, für ein bisschen Ruhe sorgt. Alles ist gut, was eine Ausdrucksform ermöglicht, die der Erlebensrealität von einzelnen Anteilen entspricht, anstatt mich sprachlich auf Einsmensch zu trimmen. Nein, das fördert keine Spaltung; das anerkennt, was ohnehin schon immer da war.


Ich würde mich gerne damit abfinden,

  • … dass ich die verschiedenen unterschiedlichen Erlebensrealitäten oft nicht miteinander verbinden kann,
  • … dass es welche in ∑ich gibt, die über dem Teilen von traumatischen Erinnerungen regelrecht zusammenbrechen. Ich möchte sie nicht mehr beschimpfen müssen als schwach und realitätsverleugnend, um ein Funkitionieren im Alltag aufrecht erhalten zu können. Ich möchte mich damit abfinden, dass es Anteile gibt, die auch heute unter der Realität zusammenbrechen würden. Und ich möchte mich damit abfinden, dass sie sich vor weiteren Zusammenbrüchen schützen möchten, werden und dürfen – jede von ihnen auf ihre Art.
  • … dass das Alltagsteam oft völlig falsch reagiert auf Altkram: distanziert, unwillig, sarkastisch, herablassend, manchmal sogar aggressiv. Es ist nicht hilfreich für andere aus ∑ich.
  • … dass ich für manche Anteile mehr Ich-Gefühl habe und für andere leider gar keines – vor einem Jahr hätte das nicht sein dürfen; heute darf das sein, denn es ist eben meine Erlebensrealität. Eine, die ich hasse, aber die Realität definiert sich nicht darüber, was mir gefällt oder nicht. Ich möchte mich abfinden mit diesen Eindringlingen im Ich.
  • … dass gerade jene aus ∑ich die rätselhaftesten Traumasymptome haben, die am wenigsten ein Trauma anerkennen. Sie haben Symptome, die ihnen nicht gehören. Ich möchte mich damit abfinden, dass es dann nichts bringt, innerlich zur Disziplin (zur Symptomunterdrückung) aufzurufen. Es ist ein Erfolg, dass selten, aber doch, inneres Mitgefühl und gegenseitige Beruhigung funktioniert, und wenn das nicht hilft, dann wenigstens Ertragen ohne innere Schuldzuweisungen.
  • … dass welche aus ∑ich von Außen immer wieder Vorwürfe oder Vorhaltungen bekommen werden zu Dingen, mit denen sie nichts zu tun haben (außer dass sie einen Körper teilen). Ich möchte mich damit abfinden, dass damit oft die falsche Innenperson angesprochen wird und die dann zwar Entschuldigungen sprudelt – aber manchmal reichen die eben nicht: Es tut mir unendlich leid für die Außenperson, dass daher das richtige Ich manchmal die Lernerfahrung nicht machen kann, die für einen Einsmenschen selbstverständlich wäre. Es tut mir leid, dass die Außenperson deswegen Frust erlebt. Ich möchte mich damit abfinden, dass ich mein Leben lang werde vortäuschen müssen, Dinge gesagt oder getan zu haben, die ich niemals tun würde. Ich möchte mich damit abfinden, dass ich das traurig finde – für mich, aber vor allem für mein Umfeld.
  • … dass ich nicht nur einmalig – sondern immer wieder und wieder – erkämpfte Erinnerungen und errungene Erkenntnisse verDISsen werde. Ich möchte mich abfinden, dass ich viel Zeit meines Lebens ver(sch)wenden muss für das, was von Außen wie Wiederholungsschleifen aussieht. Ich möchte mich damit abfinden, dass das von Außen möglicherweise abfällig bewertet wird.

Ich bin dankbar, dass es „trotzdem“ Menschen gibt, die mich aushalten, und in meinem engsten Umfeld sogar solche sind, die mich recht gut aushalten können. Danke.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. lamorada sagt:

    vielen vielen dank für diesen abschnitt

    „… dass welche aus ∑ich von Außen immer wieder Vorwürfe oder Vorhaltungen bekommen werden zu Dingen, mit denen sie nichts zu tun haben (außer dass sie einen Körper teilen). Ich möchte mich damit abfinden, dass damit oft die falsche Innenperson angesprochen wird und die dann zwar Entschuldigungen sprudelt – aber manchmal reichen die eben nicht: Es tut mir unendlich leid für die Außenperson, dass daher das richtige Ich manchmal die Lernerfahrung nicht machen kann, die für einen Einsmenschen selbstverständlich wäre. Es tut mir leid, dass die Außenperson deswegen Frust erlebt. Ich möchte mich damit abfinden, dass ich mein Leben lang werde vortäuschen müssen, Dinge gesagt oder getan zu haben, die ich niemals tun würde. Ich möchte mich damit abfinden, dass ich das traurig finde – für mich, aber vor allem für mein Umfeld.“

    da gab es in den letzten monaten immer mal wieder massiv probleme zwischen mir und einer anderen person und das lesen dieser zeilen macht hier gerade so ein „wow, genau das ist es. das ist der punkt warum ich wenn sie mir mit diesen punkten kommt so dermaßen fuchsig und hilflos werde – was dann widerum zu neuen problemen führt….

    also einfach mal nochmal ein dickes danke an dich für diesen beitrag, der wird sicher noch mehr als einmal gelesen 🙂

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    1. Das freut mich sehr. Hast du das mir der betreffenden Person schon besprechen können?

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      1. lamorada sagt:

        wir sind dabei 😉

        Gefällt 1 Person

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