+++ Akutpsychiatrie Tag 8: Momentaufnahme des Lebens +++

Ich lebe hier in relativem Luxus (verglichen mit der „Traumaklinik“), von dem ich später noch ausführlich berichten werde (138). Ein Großteil dieses Luxuserlebens ist: Zeit. Ich habe wöchentlich zwei Einheiten Ergotherapie Einzel und ab sofort zwei Einheiten Psychotherapie Einzel, neben täglichen (!) interdisziplinären Gesprächen (kürzestes bisher 3 min, längste über 30 min). Das ist mehr als das Doppelte an therapeutischen Einzel-Maßnahmen verglichen mit der Traumaklinik.

Und die Qualität der Arbeit ist … wunderbar!

In bislang zwei Ergo-Einheiten. In der ersten haben wir viel geredet, ich habe die DIS-Diagnose geoutet mit der Bitte, das nicht ans Team weiter zu geben. Ich weiß nicht, warum ich das getan habe – vermutlich weil ich inzwischen kaum mehr in der Lage bin, ein therapeutisches Gespräch zu führen unter der Einsmenschhypothese? Oder weil es Anteile gibt, denen dieses Versteckspiel nach so vielen Jahren langsam auf die Nerven geht? Ich müsste oft schweigen oder lügen, oder zumindest meine Worte auf Einsmensch trimmen. Wir haben mit Aquarellfarben Blätter gemalt – schön war das. In der zweiten Einheit haben wir uns mit dem Kawa-Modell beschäftigt. Ich kannte es noch nicht und hatte Spaß an der Beschäftigung damit.

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KAWA-Modell Längsschnitt (die oberen beiden Darstellungen). Man stellt sich das eigene Leben vor wie einen Fluss. Die Geburt ist an der Quelle und irgendwann mündet der Fluss ins Meer. So kann man die wichtisten Events des Lebens auf einen Blick darstellen, ohne sich in Details zu verlieren.

KAWA-Modell Querschnitt (die unteren beiden Darstellungen). Man arbeitet an einer bestimmten Stelle des Flusses, etwa dem Zeitpunkt heute, und stellt drei Symbole dar:

  • Steine stehen für Probleme. Was hält mich derzeit von einem harmonischen Leben ab?
  • Treibholz steht für Ressourcen. Was kann mir dabei helfen, bestehende Probleme anzupacken? … die Steine abzubauen?
  • Das Flussufer steht für die Lebenssituation hier und jetzt: Beziehungen zu Menschen, Arbeit, andere Rahmenbedingungen, in denen das Leben eingefasst ist.

Schwierigkeiten bewältigen bei der Kawa-Darstellung mit struktureller Traumafolgestörung

  • Es war recht schnell klar, dass ich keine solchen Bilder werde anfertigen können, die alle aus ∑ich mittragen können. Meine Idee war dann, Gruppen zu bilden. Das war innenkommunikationstechnisch etwas, das „wir“ noch nie zuvor gemacht hatten. Am Ende hat das Alltagsteam und ein (hypothetisches 😉 039) Innenkind die linke Hälfte gestaltet, und ein (oder mehrere?) traumainformierte_r Anteil_e die rechte. Ich aus ∑ich hab mich rausgehalten. 🙂
  • Ich habe wichtige Meilensteine mit Fähnchen markiert. Ich habe bei solchen Darstellungen immer ein Problem mit dem Zeitraum jetzt bis Ende des Lebens. „Wir“ aus ∑ich können uns nicht einigen: Die einen hoffen, dass am besten übermorgen alles vorbei ist, während die anderen ein Leben mit grauem Haar und Dutt in Schaukelstühlen Hand in Hand mit meinem Mann auf einer Veranda planen. Daher steht das Jahr 2018 in den Darstellungen einmal näher und einmal ferner von der Mündung.

Das ist mir aufgefallen…

  • Die Landschaft des Lebens sieht recht unterschiedlich aus, sowohl in der Kindheit, als auch jetzt. Da hat das Kawa-Modell mit der Gruppenbildung geholfen, die unterschiedlichen Sichtweisen darzustellen.
  • Die Sperren und das Stop-Schild mussten unbedingt ins Bild (rechts oben).
  • Der linke Fluss ist einladend für andere Menschen, die dort gern Zeit verbringen. Der rechte Fluss ist kantig und mit stacheligen, giftigen Pflanzen versehen. Menschen sollen fernbleiben! Es gibt kaum Ressourcen, die dieses Team als solche wahrnimmt. (Name meines Mannes beim einzigen Holzstück überblendet.)
  • Das Leben ist links ruhig, die Steine rund und beweglich. Rechts ist kaum Platz fürs Leben: Der Fluss ist wild und unberechenbar.

Fazit: Hätte ich mich auf eine Darstellung einigen müssen, wäre das ziemlich ruppig geworden im Innen. Denn irgendjemand hätte diese eine Darstellung vor der Ergotherapuetin „rechtfertigen“ müssen. So wie es jetzt ist, können alle dahiner stehen.


Kennst Du das Kawa-Modell? Hast Du das mal versucht? Wenn ja: Wie ging’s dir dabei? Wenn nein: Magst Du es mal probieren? Oder gibt es dazu irgendeinen Widerstand – der würde mich interessieren, wenn ja…

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ja, unsereins & me kennt das Kawa- bzw. Fluss-Modell auch aus der Ergo-/ Shiatsu-Therapie… Allerdings hat hier das nie jemand so schön gezeichnet wie bei dir. Hier sind im Laufe der Zeit zig unterschiedliche ‚Varianten‘ aus der Wahrnehmung der Einzelnen heraus entstanden. Auf jeden Fall hat es unsereins & me sehr geholfen, die ‚trockene‘ Traumalandkarte auf dieses Schema umzumünzen.

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    1. Hallo, oh wie schön, dass jeder sein eigenes Modell zeichnen durfte. Was meinst du mit traumalandkarte? Lg s

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      1. Eine Traumalandkarte ist ein Diagramm, in dem man die Schlüsselmomente (wichtigsten / traumatischsten / schönsten) des Lebens einträgt. Das ganze ist als eher ‚trockener‘ Stoff, hat aber den Zweck, zeitliche Abläufe und Geschehnisse richtig einzuordnen. Es entspricht also dem Längsschnitt des KAWA-Modells. Ein Beispiel ist auf https://unsereins.me/traumalandkarte/ zu finden.

        unsereins & me hat es als angenehmer empfunden, die Traumalandkarte auf den Fluss zu übertragen. Aber leider wird in den meisten Psycho-Therapien nicht mit dem KAWA-Modell gearbeitet sondern nur mit der Traumalandkarte.

        Gefällt 2 Personen

  2. Die Sturmreiter sagt:

    Das mit dem Fluss erinnert uns an die Arbeit mit KBs. Hatten wir jahrelang bei einer Therapeutin. Unter anderem gibt’s da auch das KB Fluss. Bedeutet eigentlich so ziemlich das Gleiche, also das Leben von der Geburt bis jetzt quasi. Diesen Querschnitt hatten wir allerdings nicht.

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  3. Die Sturmreiter sagt:

    Katathymes Bilderleben 🙂

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  4. So was noch nie gemacht.
    Aber für uns in Textform die ganzen Dinge, die als Beweise/Dokumente/Briefe/Fotos vorliegen, in eine Art Lebenslauf zusammen gefasst, weil wir sonst immer Stunden für Formulare brauchen und dann trotzdem überall Fragezeichen stehen. Jetzt haben wir also einen Spickzettel, um mal eben zu sagen was wann war und ob überhaupt.
    Aber das ist natürlich was ganz anderes als das Kawa. Das kannten wir gar nicht. Dafür also danke.

    Ich glaub, bei uns müsste es dann auch mehrere geben, je nach Innens.
    Nur was ich mich gerade frage, wozu wird das gebraucht? Was macht man damit? Was sagt es einem denn?
    Steh da wohl gerade auf dem Schlauch.

    Ganz toll übrigens die vielen Einzel👍Hoffe es bringt euch Erleichterung.

    Gefällt 1 Person

  5. Marianna sagt:

    Bist du Privatpatientin?
    So viel Einzeltherapie auf der Akut?

    Hab ich bei 5 verschiedenen Kliniken noch nicht erlebt.

    Leider hab ich mich doch immer eher „abgestellt“ gefühlt und weggesperrt.
    Ergo war immer ein Lichtblick, gab es aber nur in Gruppen.

    Gefällt 2 Personen

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