132 der größte Gewinn

Einen Tag von der Begutachtung (130) komme ich zur 12. Ergotherapiestunde meines Lebens. „Alles okay?“ – Ein abgehacktes Ja. – „Sieht nicht so aus, wenn ich ehrlich bin.“ – Und dann ist es vorbei mit Reden. Kenne ich ja schon seit Jahren – für mich allein. In Gesellschaft ist das ziemlich ungewöhnlich (066). Dieses Ich hat Hausarrest – was treibt es bei der Ergotherapie?!

Das Ich setzt sich auf Aufforderung und bewegt sich dann kaum mehr. Irgendwann tropfen die Augen, ohne richtig zu weinen.

Alles passiert völlig tonlos. Sie bewegt sich in Ultrazeitlupe.

Ein loses Taschentuch direkt vor sich auf dem Tisch zu nehmen und auf die Hose zu legen, ist ein Projekt von mehreren Minuten. Es darf nicht das geringste Geräusch dabei entstehen. Es muss ein Wahnsinn sein, „mir“ dabei zuzuschauen: Ein Ich, das ernsthaft glaubt, wenn es kein Geräusch macht, existiert es nicht? Und wenn es ein Geräusch macht, dann kommen… Ja, wer eigentlich?


Liebe Frau EH,

[…] Es war vorher schon klar, dass eine gesellschaftskompatible Alltagsversion von ∑ich nicht schafft, das zu sagen, was mir wichtig wäre, dass gesagt wird – ad letztes Mal. Ich fasse mich kurz:

Das war gut:

Sie haben super reagiert, echt. Respekt. 🙂
– Nichts, was Sie gemacht haben, war bedrohlich – und das ist ein Kunststück!
Danke für nicht zum Sprechen zwingen… [denn am Sprechverbot zu rütteln wirft tagelange Selbstmordvisualisierungen an]
– Sie hat kommuniziert! [per Nicken und Kopfschütteln] Das ist unglaublich, das macht sie sonst kaum. Ich bin ziemlich sicher, dass es noch nie vorkam, wenn sie vorher so schlecht drauf war, dass sie sich nicht mehr bewegen traut aus Angst, zu laut zu sein.
– Vorlesen fand sie super, vielen Dank! Die Straßenversionen finden das danach peinlich, aber da müssen die halt durch.
– Andere Scheiben betreffend: Die heutige Stunde war echt… erträglich (und das war das maximal Erreichbare im momentanen Zustand, 100 Punkte!), denn es ist sehr schwierig, da wieder hinzugehen, wo andere so in Panik waren (für die eine) und wo sie sich von außen betrachtet blöd benommen hat, findet halt die, mit der Sie heute geredet haben, total peinlich und extrem ärgerlich, weil sie sich eh so oft entschuldigen muss für Zeug, das nicht sie verbockt hat. Sie fand das super, dass sie heute NICHT vortäuschen musste, dass sie Dinge getan hätte, die sie nie tun würde. Das ist eine super Erfahrung für die Straßenversionen betreffend „nach sowas nochmal dorthin gehen“ – denn das war bisher oft … stressig währenddessen und innerer Krieg hinterher.

Das war schwierig:

– Einzelne von uns nach Namen zu fragen – Sie werden (hoffentlich aus meiner Sicht) keine Antwort kriegen. Solche Infos, die uns von außen vielleicht ansteuern könnten, würden wir niemals (!) nach außen geben.
– Der beschriebene Zettel [auf den sie geschrieben hatte ICH W TOT SEIN] war unauffindbar danach. Haben Sie den noch oder wurde der am Heimweg von ihr entsorgt?
Tasks übernehmen [„Bitte schreiben Sie mir eine SMS, wenn Sie gut zuhause angekommen sind.“] in dem Modus ist sehr schwierig. Da müssen wir das nächste Mal eine andere Form finden, dass jeder von uns beiden das kriegt, was er braucht. Das Problem ist das große Risiko, von „so“ in einen Selbstmordmodus zu springen – und eine überfordernde Aufgabe kann das tagelang anwerfen. Es ist nicht Ihre Schuld – das Task war total einfach, aber sie kann ja nicht mal die einfachsten Sachen.
Danke und LG,
s.


Dass dieses Lernerlebnis „mitgenommen“ werden konnte aus der Klinik, halte ich für den größten Gewinn meiner Zeit dort. Aus einem völlig erstarrten Ich ist eines geworden, das immer noch larger-than-life-Stress mit sich und vor allem anderen Menschen und potenziellen Bedrohungen hat. Aber es kann lernen! Es hat gelernt,

  • dass nicht jedes Gegenüber über es herfällt. Manche sitzen nur da.
  • sich ein kleines Bisschen zu bewegen, auch vor Zusehern.
  • zu kommunizieren! Es ist einfach unglaublich nach so langer Zeit so starr. Ich freue mich so für sie für ihr kaum sichtbares Nicken.

Ich glaube, das ist das erste Mal in Hunderten Therapiestunden, dass eine Behandlungsmaßnahme tatsächlich mit mir nach Lehrbuch funktioniert: Part Stuck in Trauma Time lernt mit einer Therapeutin eine neue Fähigkeit. Danke, KR, für die Initialzündung. Danke, EH, fürs Üben dürfen.


Was war Dein bisher wichtigstes Lernerlebnis für traumanahe Anteile in der Therapie?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hm…. Lernerlebnis für Traumanahe-Anteile? Gute Frage, aber ich glaub mir fällt nix ein. Meine konnten wohl noch nicht lernen. Ich glaub ich muss noch lernen die „Überfälle“ erst mal zu sortieren. Seit Jahrzehnten kommen die einfach über uns und drängen sich nach vorne – vielleicht sind meine gar nicht lernfähig? Sie machen seit Jahrzehnten was sie für nötig finden…. und irgendwann sind sie dann schon wieder im Hintergrund – sie kommen ja nur wenn sich wer bedroht fühlt – und nur bei Stress und im Kontakt mit anderen. Zum Glück tun sie mir ja eigentlich nichts wenn wir alleine sind oder? Zumindest die Nichtselbstmordgefährdeten. Hm, wir das unbewusste Wesen. Vielleicht ist eine Lernerfahrung, wenn ich bei der Thera bin und versuche die schlimmsten Worte der Verteidiger zu bremsen – aber auch das tue ich doch schon ewig und herauskommen die zurückgehaltenen Worte dann doch irgendwie und irgendwie eruptionsmäßig. In manchem sind wir doch auch sehr anders. Was müssen die den lernen? Müssen die denn überhaupt lernen?

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