143 eine psychiatrische Begutachtung überleben: Vorbereitungen

… und das möglichst unbeschadet? Wie geht das? Bei den meisten medizinischen Begutachtungen werde bildgebende Diagnostik, Laborbefunde und ähnliches gesichtet, neben einem Interview mit der_dem Patienten_in. Man kann davon ausgehen, dass ein Gespräch über ein verletztes Knie dem Knie keinen weiteren Schaden zufügt. Bei der Begutachtung einer Traumafolgestörung kann es einem passieren, dass ein recht unbedarfter (im Sinne von trauma-un-informierter) Gutachter mit der Patientin geradewegs zu Traumathemen geht – und das fügt der verletzten Seele potenziell weitere Schrammen zu. Tipps und Tricks vor einer psychiatrischen Begutachtung zur Schandensbegrenzung.

Gutachten ist nicht gleich Gutachten. Einmal nimmt sich ein Amtsarzt = Allgemeinmediziner für eine Krankenstandsverlängerung wegen PTBS einige Minuten Zeit, ein andermal ist ein mehrtätiges Gutachten für eine Rentenversicherung oder ähnliches am Plan, ein drittes Mal geht es um ein OEG Verfahren. Egal was vor Dir liegt, Vorbereitung für einen Gutachtertermin kann den Stress für Dich bedeutend reduzieren.

Eine Begutachtung ist für fast alle Traumapatienten eine extrem stressige Vorstellung: Man soll über intimste (peinlich empfundene?) Dinge mit einer fremden, nicht besonders wohlgesonnenen Person sprechen, noch dazu unter Anzweifelung der eigenen Glaubwürdigkeit. Triggeralarm.

  • Welchen Zweck genau erfüllt die Begutachtung? Geht es um eine Diagnosefindung oder um die Feststellung der Arbeitsfähigkeit?

Je nachdem bereite Dir bitte schriftlich vor (vor allem bei DIS oder DDNOS – Zauberwort Innenkommunikation, bei mir jedenfalls haben unterschiedliche Anteile unterschiedlichen Leidensdruck – reden wird der Gutachter aber eher mit den funktionalen Anteilen – d.h. die werden erzählen „müssen,“ wie es dem Gesamtsystem geht. Bei mir eine schwierige Sache…), was Du erreichen möchtest. Überlege Dir vorab, welche unangenehmen Fragen Du am besten kurz auführen willst, weil sie mit der Fragestellung wenig zu tun haben (und stark triggern würden). Worin Dein Kindheitstrauma genau besteht, hat nichts zu tun mit Deiner Funktionstüchtigkeit im Job. Es ist für deren Feststellung nicht erforderlich, dass du Vergewaltigungsszenen detailliert beschreibst.


  • Bei so gut wie jeder medizinischen Begutachtung wirst Du nach Deinen Symptomen im letzten Monat gefragt werden. Das ist wirklich wichtig. Eine sinnvolle Vorbereitung schon Wochen vor der Begutachtung kann also sein, dass Du jeden Tag jene Symptome festhältst, die Dich in Deiner Arbeitsfähigkeit einschränken (wenn das festgestellt werden soll) oder Dich in Deinem Alltag behindern. Einen Vorschlag für einen Symptomtracker für Traumafolgestörungen findest Du hier (121).

  • Was sind Deine schlimmsten Befürchteungen? Hast Du schon ein Gutachten hinter Dir? Was war da unerträglich belastend? Was soll auf keinen Fall nochmal passieren?

Hast Du sachliche Argumente, eine bestimmte Begutachtungssituation nicht aushalten zu können / wollen? Wenn ja: Wer kann Dir vorab helfen? Hast Du eine Psychiaterin, die Dir bescheinigen kann, dass bestimmte Themen nicht besprochen werden dürfen aus Rücksicht auf Deine Stabilität? Hol Dir schon vor der Begutachtung Unterstützung für Dinge, die nicht gehen für Dich.


  • Überlege genau, welche Dokumente Deiner Sache dienen und welche nicht. Du musst nicht alles der Versicherung weitergeben – es ist Deine Entscheidung, welches Dokument Du verwenden möchtest und welches nicht. In Arztbriefen darfst Du Stellen schwärzen, bevor Du sie weitergibst.

  • Lies nicht zu viel im Internet über Fails während der Begutachtung. Das wird Dich nicht beruhigen und ist nicht konstruktiv. Jeder Gutachter ist anders, jede Versicherung verlangt andere Mindestanforderungen, die der Gutachter einhalten soll.

Informiere Dich vor der Begutachtung genau über den Begutachtungsauftrag. Es ist völlig legitim, einer Versicherung Fragen zu stellen,

  • was ihre Anforderung an den Gutachter ist: Zu welchen Themen wird das Interview stattfinden? – oder genauer gefragt: Was möchte die Versicherung über das Trauma selbst wissen? Gibt es andere Themen, die zu heikel sind? Eine Liste hilft Dir bestimmt bei der Abgrenzung.

Können hier Informationen schriftlich von der betreuenden Psychotherapeutin eingebracht werden, um die Belastung bei der Begutachtung zu reduzieren? Wenn Du kein solches Schreiben besorgen kannst: überlege Dir vorher, in welche Themen Du Dich nicht vertiefen möchtest. Mein Gutachter ging 2018 gar nicht in Traumathemen mit mir. Hätte er das getan, hatte ich folgende Antwort vorbereitet: „Ich kann aus Sorge um meine eigene Sicherheit mit Ihnen als Neurologe nicht in Traumathemen gehen. Ich war 2017 bei mehreren Traumafachleuten vorstellig, die allesamt abgelehnt haben, im ambulanten Setting solche Themen mit mir zu bearbeiten. Ich denke nicht, dass es Ihnen gelingen könnte abzufangen, was Sie mit solchen Fragen möglicherweise lostreten. Bei inhaltlichen Fragen zum Trauma, sofern relevant für die Feststellung meiner Arbeitsfähigkeit, wenden Sie sich bitte an meine Therapeutin.“

  • Soll eine körperliche Untersuchung durchgeführt werden? Für mich war es sehr hilfreich zu wissen, dass es diesmal keine körperliche Untersuchung geben soll. Hätte der Gutachter eine machen wollen, hätte ich ihn damit konfrontiert, dass die Versicherung diese nicht benötigt.

Hattest Du schon mal eine psychiatrische Begutachtung? Wie hast Du Dich drauf vorbereitet?

Hier geht’s zu Teil 2 dieses Artikels.

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18 Kommentare Gib deinen ab

  1. Alenka sagt:

    Ich finde es so grausam, was man noch zusätzlich alles durchmachen muss, wenn man nicht mehr arbeiten kann. Sitze kopfschüttelnd am Rechner. Liebe Grüße und möglichst viel Kraft wünsche ich dir/euch!

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    1. Liebe Alenka, danke für Deine Anteilnahme. Es ging um die Feststellung, ob ich VOLLZEIT arbeiten kann. Ich kann zum Glück in eingeschränktem Rahmen arbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar! lg s.

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      1. Alenka sagt:

        Das war mir nicht bewusst. Jedenfalls glaube ich dir sofort, dass du dafür dankbar bist. LG!

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  2. Pauline-s sagt:

    Wir mussten schon mal durch eine mehrtägige Glaubhaftigkeitsbegutachtung im Rahmen des Strafverfahrens und durch eine zweitätige Begutachtung im OEG-Verfahren. In der ersten Angelegenheit haben wir uns insofern vorbereitet, als dass wir unsere innere Aufstellung festgelegt und besprochen haben, wie wir sie auch bei hohem Stress aufrecht erhalten können. Bei der zweiten Angelegenheit haben wir uns äußerlich besser vorbereitet, indem wir für eine Begleitung hin und zurück und Erreichbarkeit der Therapeutin gesorgt haben.

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    1. Wow, klingt beides sehr schwierig. Länger als einen Tag wurde ich noch nie begutachtet – und mir hat das schon gereicht. :-/ Tapfer, echt! Erreichbarkeit der Therapeutin ist ein super Tipp, danke!

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  3. Pia sagt:

    Eine Vorbereitung war mir weder beim MDK noch beim Gutachter der Rentenversicherung möglich, beim MDK lagen nur wenigen Stunden zwischen Zustellung und Termin. Für beide Termine hätte ich nichts vorbereiten können weil es mir einfach zuschlecht ging. Trotzdem ist es gut ausgegangen. Allerdings war Trauma für mich noch nicht das Thema obwohl es ursächlich für den Zustand war der begutachtet wurde.

    Ich hoffe zukünftig nicht in solche Situationen zu kommen, würde sie auf jeden Fall nach Möglichkeit meiden.

    Pia

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  4. Nicole sagt:

    Spitzen Beitrag, deine Perspektive und Auflistungen sind Gold wert. Danke dafür.

    Ja, für uns ist das auch Hochstress, umso erleichterter und inspiriert bin ich von deinen Beispielen, denen ich nix gleich annehme, da ich einen Klinikaufenthalt mit meiner Betreuerin vorbereite 🤓🌸

    Und das Bild ist wirklich so ausdrucksstark und spiegelt für uns den bisherigen Behörden-, als auch Professionistenalltag wieder

    Wir sind gespannt auf Teil 2.

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    1. Hallo Nicole, danke. 🙂 Vorstellungsgespräche in Kliniken sind aus meiner Erfahrung leichter insofern, als dass nicht meine Existenz dran hängt, ob die mich nehmen oder nicht – bei Versicherungsleistungen ist das ein bisschen anders…
      Ja, das Bild hat uns echt Spaß gemacht zu malen! Wir mögen es auch. 🙂
      lg s

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  5. Spiegelsplitter sagt:

    Ich bewundere immer wieder deine strukturierte Art – sowohl zu schreiben, als auch an die Lebensdinge heranzugehen oder sie zu reflektieren. Danke fürs Teilhaben lassen!

    Und danke auch für dieses herrliche Bild! Grandios! Sagt merh als tausend Worte, wie sich das anfühlt, mit den lieben Diagnosen. Und irgendwie sind alle Schubladen gleichermaßen unbequem, oder?

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  6. Alice sagt:

    Immer wenn ich solche Beiträge lese und den horror von Begutachtung mitbekomme, frage ich mich, warum das mir immer erspart blieb. Bei mir wurde die Rente nach aktenlage gemacht und die Verlängerung auch. Kein Amt möchte mich sehen. Was mich extrem freut. Frage mich ob das wohl so kommt wenn ich wieder arbeiten kann und will. Sehr irritierend. Oder hängt das von den Diagnosen ab. Sind Behördem bei dissoziativen Diagnosen immer so drauf? LG Alice

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    1. Wie schön zu lesen, dass es auch so einfach sein kann! Lg

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  7. echtjetzt? sagt:

    Ist vielleicht ´ne doofe Frage. Ich hab mich bisher einfach noch nicht damit auseinandergesetzt, weil es nicht notwendig war. Aber vielleicht jetzt doch so langsam mal. Ich arbeite eh nie Vollzeit wegen der Kinder. Jetzt is es aber so, dass ich meine bisherigen Stunden noch weiter werde reduzieren müssen, um dauerhaft arbeitsfähig zu sein(bin grad mal wieder krank geschrieben und so geht das auf Dauer nicht weiter). Wäre das ein Grund für eine Rente oder ähnliches oder kann ich „nicht einfach“ Teilzeit arbeiten und fertig ? Sorry, ist vielleicht ne doofe Frage, aber bisher hab ich diese Themen noch weit von mir weg geschoben, auch z.Bsp. was Opferentschädigung und so angeht.

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    1. Hallo Du, das ist eine sehr individuelle Frage, weil sie davon abhängt, wie Du versichert bist. Es wären für Deinen Fall 2 Fragen zu kären:
      – Ist die Feststellung der notwendigen Stundenreduktion notwendig, um eine Art Teilrente zu bekommen? (Oder bist Du so versichert, dass nur „ganz arbeitsunfähig, kein Zuverdienst“ geht oder „voll arbeitsfähig“ keine Graustufen?)
      – Stimmt der Arbeitgeber der Stundenreduktion zu? – Denn wenn nicht, hat man mit dem Gutachten eine bessere Verhandlungsbasis. Aber im Prinzip kann man eh nix machen, wenn man deswegen gekündigt wird.
      lg s.

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    2. Pia sagt:

      Hallo ECHTJETZT?,
      such mal im Web nach Anspruch Teilzeit, das müsste deine Frage beantworten. Solltest du Teilzeit beantragen würde ich dir empfehlen einen Zusatz im Vertrag aufnehmen zu lassen, dass du auch wieder auf Vollzeit zurück kannst.

      Eine Teilerwerbsminderungsrente bedeutet, dass man zwischen drei und sechs Stunden am Tag noch arbeiten kann – bei einer vollen Erwerbsminderungsrente kann man nicht mehr mindestens drei Stunden am Tag arbeiten. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung muss man dazu einen entsprechenden Antrag stellen. Die kann dich zu einem Gutachter schicken, das hängt vom Einzelfall ab.

      Teilzeit als auch Erwerbsminderungsrente wirken sich auf die zukünftige Altersrente aus. Es ist gut sicher vorher zu informieren. Lass dich beraten.

      Liebe Grüße
      Pia

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      1. Vielen Dank für die Infos!

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  8. daritestonia sagt:

    Danke für den tollen Beitrag! Mir hat schon die Begutachtung für Reha gereicht, obwohl der menschlich ok war, aber Ärzte stressen grundsätzlich, dann hab ich Lochgehirn

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  9. Echtjetzt? sagt:

    Okay, Danke für die Info. Da muss ich mich wohl erstmal weiter einlesen in das Thema.

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