173 Arten von Flashbacks

Flashbacks und Wiedererleben sind auf ihre Art schlimmer als das Trauma selbst. Ein traumatisches Ereignis ist irgendwann vorbei. Aber für Menschen mit PTBS kann ein Flashback jederzeit passieren, egal wo sie sind, ob sie wach sind oder schlafen. Es ist unmöglich zu wissen, wann es wieder passiert und wie lange es dauern wird. Bessel van der Kolk (2014)

Im Jahr 200x, als ich nach einem traumatischen Erlebnis im Erwachsenenalter eine Lehrbuchhafte PTBS-Symptomatik entwickelt hatte, wusste ich, was Flashbacks sind. Es waren einzelne Standbilder oder kurze „Filmsequenzen“ aus meiner Erinnerung, die sich auf eine Art und Weise in mein Bewusstsein schoben, dass sie un-ignorier-bar waren und einen Großteil meiner Nächte bestimmten. Jahre später haben mir Fachärzte und Psychotherapeuten beigebracht, dass es noch andere Arten von Flashbacks gibt, als ich im Jahr 200x erlebt hatte.

Was bisher geschah. Unlängst (169) erzählte ich davon, dass ich seit kurzem meine Traumafolgestörung weniger als „Problem im Gehirn“ auffasse wie die letzten 15 Jahre, sondern mehr als körperliches Problem: So wie das Immunsystem an einer allergischen Reaktion „schuld“ ist, indem es überreagiert, ist das Nervensystem bei Reaktionen nach einer Traumafolgestörung „schuld“ an Flashbacks, dissoziativen Symptomen und Schlafstörungen. Meine plötzliches Verständnis dafür kam durch die Lektüre des Buchs „The Body Keeps the Score“ und davon, dass ich einen mehrstündigen dissoziativen Zustand erstmals an einer anderen Person – also von außen – beobachten musste.

Bilderflashbacks haben den Vorteil, dass man sie recht leicht als solche erkennen kann; wenn man jedoch nur in eine Körperempfindung zurückgeworfen wird, müsste man seiner eigenen Wahrnehmung in dem Moment misstrauen, um ihn zu erkennen – und das wiederum führt zu einem Verrückheitsgefühl: Ich weiß, dass etwas nicht ist, aber ich fühle eindeutig, dass es ist. Ich finde das eine schwierige, aber wichtige Lernerfahrung, wenn man mit Traumafolgestörung lebt (mehr lesen hier). Über emotionale Flashbacks sagt Elisabeth Corey (2016) „They are the most painful flashbacks, but also the hardest to identify. The brain will make any emotion about right now, when there are no indications that it is a memory (you will come up with stuff to explain the hopelessness in the here and now).“ Intensive Wut und überwältigende Hilflosigkeit, beschreibt sie weiter, seien fast immer emotionale Flashbacks – denn für einen Erwachsenen seien selten Alltagssituationen rell existenzbedrohend, die für traumatisierte Menschen emotional übergroße Ausmaße annehmen würden. Van der Kolk nennt noch eine weitere Art Flashback, von der ich noch nie zuvor gehört habe und die ich echt hilfreich fand (denn: dagegen anargumentieren bringt nix!):

Es gibt keinen Zweifel, dass traumatisierte Menschen irrationale Gedanken haben: „Es ist meine Schuld, denn ich war zu sexy.“ „Die anderen Kerle hatten keine Angst, das waren echte Männer.“ „Ich hätte es besser wissen müssen und einfach nicht in diese Straße einbiegen sollen.“ Am besten behandelt man solche Aussagen wie kognitive Flashbacks – man streitet dann nicht mehr mit den Patienten, genauso wenig wie man nicht mit jemandem streiten würde, der Bilderflashbacks nach einem Unfall hat. Es sind Überbleibsel traumatischer Ereignisse: Gedanken, die sie während des Traumas oder kurz danach hatten, die in Stresssituationen reaktiviert werden. (ebd., Übersetzung und Hervorherbung SM)

Man kann versuchen, Flashbacks mit Notfallskills zu unterbrechen. Manchen Traumapatientinnen hilft das enorm; mir leider nicht (009, 163). Der Disclaimer, der mit solchen Methoden meiner Meinung nach gereicht werden sollte, ist: Selbst wenn es hilft, hat man davon nicht seltener Flashbacks, sondern ist „nur“ weniger lange in diesem hilflosen Zustand gefangen. Skills heilen keine Flashbacks; sie machen sie im günstigsten Fall etwas besser erträglich. (Man korrigiere mich gern, denn wie gesagt: Mir helfen Notfallskills leider nicht.)

Ich konnte meine Flashbacks Gott sei Dank deutlich reduzieren. Wie ging das? Beginnen wir mit einer eher einfachen Sache: Kognitive Flashbacks sind oft mit Schuld verbunden, und in dem Zusammenhang hat mir eine Erklärung ganz aus der Anfangszeit mit KR sehr geholfen: Nach einem Trauma ist es oft besser auszuhalten, sich eine imaginäre Schuld zu geben, als die Ohnmacht zu ertragen (= nichts tun zu können, das die Bedrohung abwendet) – das heißt Kontrollillusion. „Ich bin schuld an meiner Vergewaltigung, weil ich den sexy Rock angezogen hatte,“ ist besser auszuhalten, weil es eine Sicherheitsillusion aufbaut: „Wenn ich zukünftig nur noch Schlabberhosen trage, passiert mir das garantiert nie wieder.“ Die Kehrseite der Medaille ist, dass langfristig auch irrationale Schuld nicht gut auszuhalten ist, und über kurz oder lang braucht man ein Gegengift für die „Nebenwirkung“ der Kontrollillusion. „Ich hätte nichts tun können, auch ohne diesen Rock wäre ich vergewaltigt worden,“ stellt diese Scheinsicherheit nicht her – daher ist dieser Gedanke für durchschnittliche Gehirne schlechter auszuhalten als die Illusion. Diese Information, dass mein eigener Verstand sich selbst betrügt, hat mir selbst damals sehr geholfen, das zu realisieren, was van der Kolk kognitive Flashbacks nennt.


Auch Bilderflashbacks bin ich nach jahrelangen Wiederholungsschleifen dauerhaft losgeworden. Nicht alle, aber einige. Davon erzähle ich beim nächsten Mal.

Kommentar zu im Trauma erworbenen falschen Selbstüberzeugungen? Gern!

23 Kommentare Gib deinen ab

  1. lunis sagt:

    Danke für den Beitrag. Absolute Zustimmung. Und bestätigt mir, dass auch andere…du/ ihr Flashbacks ähnlich erlebt, wie wir. Wo wir gerade daran zweifeln, dass das echte flashbacks sind eine echte Hilfe.
    Danke

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      1. lunis sagt:

        Ja. Also mir hat das jetzt geholfen. War was daran unklar? ich stehe auf der Leitung sorry

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        1. Ah! Jetzt verstehe ich! Es hat ein Komma gefehlt und ich habe Dich deswegen missverstanden. Bitte entschuldige. Freut mich, wenn’s hilfreich war. Ganz libeen Gruß, s.

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        2. lunis sagt:

          Kommas retten Leben. Komm wir essen Oma 🙂

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        3. 😀 Ups. Die arme Oma.

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  2. Klasse verfasst! Danke!

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  3. mygesundmithund sagt:

    Wow – danke für diesen Beitrag! Darf ich den auf meiner Seite verlinken?

    Das müsste an jeden Therapeuten und Helfer geschickt werden, um ein besseres Verständnis zu erzielen.
    Auch für mich gerade sehr hilfreich, die einzelnen Facetten besser zu verstehen und sowohl physisch als auch psychisch alles abgespeichert ist und in jeder Situation, durch den kleinsten Reiz auslösbar – und Skills nicht immer helfen – vor allem, wenn es über Tage geht, bis der Körper und die Psyche sich davon erholt und in der Gegenwart angekommen sind. Weil es oft gar nicht geht, überhaupt erst Skills anzuwenden – sondern, die Bilder und körperlichen Beschwerden auszuhalten, in der Hoffnung, auch das zu überleben und damit dann arbeiten zu können, weiterleben zu können- ❤ Grüße mygesundmithund

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    1. Hallo mygesundmithund, ich freue mich über Weiterleitung und Verlinkung. 🙂 Zum Thema Notfallskills (= flashback-„stoppende“) habe ich einige andere Artikel geschrieben, die Du im Archiv findest. Viel Freude beim Lesen, s.

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  4. mygesundmithund sagt:

    Ok – danke für die Erlaubnis und stöbern gerne weiter.

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  5. Whoever sagt:

    … auch Danke für den Beitrag. Ich kann dies so nur bestätigen. Bilderflashbacks habe ich kaum. Körperliche Fehlinformationen oder auch gefühlte Dinge, falsche Geruchsinformationen etc. hab ich recht viel. Skills glaube ich, dass mir vielleicht helfen könnten, aber ich weiss davon immer gar nichts. Ich habe einen scharfen aber mir grundsätzlich angenehmen Geruch. Zeitweise hätte oder hatte ich ihn immer im Hosensack. Verwendet habe ich ihn nie, weil ich nichts davon weiss. Es ist somit bislang nur testriechen. Ich für mich würde gerne mal so weit kommen wissen zu können ob es mir helfen könnte oder auch nicht. Was die Flashbacks und all das was dann dazu kommt angeht, da vermute ich, dass es besser werden könnte, wenn ich es vielleicht besser reflektieren etc. könnte. Ich habe extrem flüchtendes ‘Verhalten’ in all den Situationen. Ich verstehe, dass das ein Fehler in mir ist. Weiter bin ich noch nicht … liebe Grüße
    Whoever

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    1. Ja, wie ich das kenne, dieses hätte ich doch nur im passenden Moment die Info über… Darüber hab ich eh mal einen Artikel geschrieben. Hast Du den schon gefunden? lg s

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  6. daritestonia sagt:

    Kognitive Flashbacks hör ich zum ersten Mal. Sehr interessanter neuer Blickwinkel im Kampf gegen die Selbstverurteilungen🍀

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  7. Whoever sagt:

    … auch Danke für den Beitrag. Ich kann dies so nur bestätigen. Bilderflashbacks habe ich kaum. Körperliche Fehlinformationen oder auch gefühlte Dinge, falsche Geruchsinformationen etc. hab ich recht viel. Skills glaube ich, dass mir vielleicht helfen könnten, aber ich weiss davon immer gar nichts. Ich habe einen scharfen aber mir grundsätzlich angenehmen Geruch. Zeitweise hätte oder hatte ich ihn immer im Hosensack. Verwendet habe ich ihn nie, weil ich nichts davon weiss. Es ist somit bislang nur testriechen. Ich für mich würde gerne mal so weit kommen wissen zu können ob es mir helfen könnte oder auch nicht. Was die Flashbacks und all das was dann dazu kommt angeht, da vermute ich, dass es besser werden könnte, wenn ich es vielleicht besser reflektieren etc. könnte. Ich habe extrem flüchtendes ‘Verhalten’ in all den Situationen. Ich verstehe, dass das ein Fehler in mir ist. Dass das Trauma bei PTBS danach schlimmer ist als es früher war würde ich für mich nicht unterschreiben. Hat aber vermutlich damit zu tun dass es mit Kindheit und Zuhause hart verdrahtet war. Heute kann ich mich mit einem einfachen Schlüssel physisch in Sicherheit bringen. Vielleicht weiss ich es nicht im Flashback. Dennoch ist es so. Vielleicht weil die Realität manchmal so ist wie flashbacks. Dass immer alles passieren konnte und passierte und Zuhause war das sehr oft so. Das empfinde ich deshalb heute deutlich einfacher. Egal wie.
    liebe Grüße
    Whoever

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  8. Spiegelsplitter sagt:

    Schreibst du auch noch was näheres über die emotionalen flashbacks? Tatsächlich habe ich flashbacks immer mit diesen Bildern/Sequenzen in Zusammenhang gebracht. Dass noch ganz andere Dinge flashbacks sind, das hat mir nie jemand gesagt und ich hab mich lang für irre gehalten.
    Danke mal wieder für einen tollen und informativen Artikel!!!

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich fand das auch wichtig, dass man mir das erkärt hat. Flashbacks – sofern man es nicht erklärt bekommt – machen gern ein Verrücktheitsgefühl. So eine Mischung aus emotionalem Flashback und Körper-Erinnerung – ja, beim nächsten Mal. 🙂

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  9. nintschgo sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag, der hat mir grade sehr geholfen!

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  10. Mi sagt:

    ich finde das irgendwie soooooo schwer vorstellbar, dass das zu falshbacks gehört O.o ich will es nicht anzweifeln, ich kann es mir nur nuuulll vorstellen, weil das hieße doch, dass man stänidg mit Flashbacks rumläuft. weil man sagt hier ständig: ja, wäre ich an dem und dem tag nicht da gewesen, wäre es nicht passiert,“ oder „hätten die eltern die menschen nicht kennengelernt…“ oder „naja, vielleicht hätten wir einfach … naja und einmal meinte die mutter ja auch: „soe wie du rumläufst brauchst du dich nicht wundern“… es gibt keinen tag an dem nicht gesagt wird: „die sind doch eh alle der Meinung, wir kennen das ja … mit gewalt aufwachsen und so…. ist ja nichts schlimmes, ist ja für die normal“ (also DIESER Gedanke HIER, dass Helfermenschen sowas denken – weil eben einfach nicht geholfen wird). und dann denkt man: ja, stimmt eigentlich. man kann ja damit leben. ist also nicht schlimm. ist was normales. und wenn man mit sowas aufwächst ist es Normalität. (aber gehört das dann überhaupt zu Flashbacks? oder sind das glaubenssätze? aber sind diese sätze oben nicht auch glaubenssätze?… hier wird grad gedacht: „ja cool, dann bist du ein einziges masochistisches Flashback paket ohne normale Gedanken“ – weil wirklich gut tun die Gedanken ja auch nicht, aber andere Gedanken erst recht nicht… bin grad verwirrt, wie ich das alles einordnen soll…

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    1. Whoever sagt:

      Hallo Mi,

      … ich bin mir nicht sicher, ob wir hier von demselben sprechen. Ich würde für mich solche Gedanken nicht als Flashback interpretieren. Aber ich weiß es nicht. Und im Grunde genommen wird ein Wort alleine es aus meiner Sicht nicht ändern. Ich verstehe sehr gut, was Du zu Normalität für Jemand, der so aufgewachsen ist, meinst. Ich verstehe auch gut, was Du mit dem zurechtkommen meinst. Ich glaube das haben einige von uns. Es gibt aber auch ein ‘zurechtkommen’ oder vielleicht schlechter im Innen. Das ist vermutlich wichtiger.

      Ich kenne Menschen, die diese Wünsche stark haben, dass alles anders gewesen wäre. Aus meiner persönlichen Sicht hilft es nicht, weil die Vergangenheit ist unveränderbar.

      Alles Liebe

      Whoever

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      1. … bei mir ist das stark schwankend, dass ich mir wünsche, Dinge wären anders gewesen. Und auch von Innenperson zu Innenperson stark unterschiedlich. 🙂 lg s

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  11. ein fr0sch sagt:

    Du schreibst wirklich ganz toll! Emotionale Flashbacks waren so die erste Form von Flashbacks, mit der ich in Berührung gekommen bin. Ich finde es immer wieder schön sowas zu lesen und zu realisieren, dass man nicht spinnt. Und du ahnst gar nicht wieviel Mut du mir machst wenn du schreibst, dass du Bilder-Flashbacks losgeworden bist. Und auch Mut, über meine Flashbacks zu schreiben. Da habe ich das Bedürfnis, aber irgendwie ist es auch nicht so leicht. Jedenfalls merke ich, dass hier eine sehr intelligente, sehr starke und reflektierte Frau schreibt. Super 🙂

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    1. Oh, danke für Deine lieben Worte! Wie schön – Mut tut gut. 🙂 Ich habe schon noch Bilder-Flashbacks, ich hoffe, das ist nicht falsch rüber gekommen. Aber ich habe jeden Flashback nur einmal so richtig heftig gehabt und danach noch mehrfach leicht aufflackern, aber nicht mehr so schlimm auf Dauerschleife wie früher.
      Ich weiß nicht, ob ich mich so bezeichnen würde wie Du mich im letzten Satz, aber ich versuche mal, nicht zu widersprechen. Alles Liebe Dir und schönen Abend, s.

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