212 keine Wunder: Reizabschirmung & up-and-down erlauben

Bisher hatte ich eine sehr enge Definition von Freizeit. Darunter fällt alles, wofür ich kein Geld bekomme: meinen Steuerausgleich machen, die Hemden meines Mannes bügeln, einkaufen – alles Freizeit! Inzwischen weiß ich, dass mich dieses Konzept den ganzen Tag in Bewegung hält, auch wenn ich „genug Freizeit“ habe. Es übersieht wichtige Bedürfnisse von einigen aus ∑ich. Es war notwendig, meine Definition zu überdenken, und ich hab’s umdefiniert in…

Inputfreie Zeit

Damit es mir besser geht, brauche ich keine Freizeit vollgestopft mit Haushaltstasks, Socializing-Events mit Freunden und Familienverflichtungen.

Wenn ich zur Ruhe kommen möchte, brauche ich stattdessen Reizabschirmung meines Gehirns.

Inputfreie Zeit definiere ich so:

  • Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich von außen angesprochen werde. Schon das Läuten des Telefons erfordert mehr Zusammenreißen, mehr soziale Präsenz, als ich leisten kann, auch wenn ich weiß, dass Anrufe nicht länger als ein paar Minuten dauern.
  • Konsum von Medien ist in dieser Zeit unerwünscht (lesen, fernsehen, Internet, Musik, Radio etc.). Was jedoch gut klappt, ist Ausdrucksverhalten (schreiben, zeichnen) und meine immer gleiche Yin-Yoga-Sequenz (185), die ja kein neuer Input ist.

Stufenplan. Ich kann ein paar Tage meine Wohnung nicht verlassen und so Reize abschirmen, was zu innerer Beruhigung führt. Mir hilft das in Krisenzeiten sehr, auch wenn einer der Profileitsätze schlechthin lautet: „Bewegung ist der Feind jeder Depression!“ – Entweder habe ich keine Depression oder die Profis irren sich. Wenn das nicht reicht, ist meine nächste Maßnahmen zur Reizreduktion eine Sozialkontakt-Pause: alle privaten Termine absagen, keine Telefonate annehmen, im Auto das Radio ausmachen, einkaufen mit noice-cancellation-Kopfhörern (127) etc. Ablenken ist manchmal auch gut, aber Reizreduktion hilft mir zuverlässig! … und wenn nicht, ist der nächste Schritt im Notfallplan selbstgewählte Überwachung durch Freunde mit dem Ziel, nicht alleine mit den Messern in meiner Küche zu sein. Und wenn das auch nicht reicht, dann hilft eh nur mehr die Akutspsychiatrie gegen den Suizid, den ich nicht will, sowie es mir ein kleines bisschen besser geht.

Inputfreie Zeit lässt mir manchmal sogar erahnen, wie leben geht; weg vom Abarbeiten endloser Tasklisten mit permanentem Geschrei im Kopf, hin zu einem Wollen-Lächeln-Ruhen.


Up & down erlauben

Therapeuten haben mir immer das Gefühl vermittelt, jeder Rückschritt wäre … schlimm, und ich habe versagt, weil es nicht kontinuierlich aufwärts geht mit mir. Das war mein Mindset bisher, und ich finde es heute wenig hilfreich. Nachdem ich meine Schlafstörung und dazugehörige Trauma-Puzzleteile in einer Psychotherapie einmal vor knapp 15 Jahren und einmal im Jahr 20xx durchgearbeitet habe, müsste das Thema ja erledigt sein… sagt die Literatur über Psychotrauma… ähm… ja. Also mache ich etwas falsch oder ich bin falsch, oder ich bin es nicht wert, dass es mir besser geht. Diese Glaubenssätze, die sich so richtig anfühlen, sind falsch, und ich würde sie gern als falsch begreifen. In Zukunft möchte ich gern denken:

Ich tue mein Bestes, und wenn es mir zeitweilig schlechter geht, dann liegt das nicht an meinem Versagen, sondern daran, dass eine Krankheit „wirklich so schlimm“ sein kann, dass all meine Kräfte und all das Wissen von Fachleuten nicht damit fertig werden.

Es ist wirklich wichtig für mich, dass ich mich freistrampeln kann von Vorwürfen. Wie absurd die Anschuldigungen von Versicherungen, Ärzten und anderen frustrierten Helfern sein können, zeigte mir ein Film über Marnie Gröben (wichtiges Zitat von Prof. Arneth beim Min. 39). In Wahrheit geht es entweder ums Geld, oder es geht um die Konfrontation mit der eigenen Allmachtsphantasie oder dem eigenen Größenwahn, als Behandler restlos alles heilen zu können.

Beides ist menschlich: sowohl Allmachtsphantasien, als auch Größenwahn. Hilfreicher als das wäre aber, sich mit der Patientin hinzusetzen und gemeinsam zu betrauern, dass es „so schlimm“ ist jetzt gerade, dass es traurig ist, dass die gute Phase vom Sommer nicht angehalten hat, bis ich ergraut im Schaukelstuhl auf meiner Veranda sitzen werde, und dass die Hoffnung auf bessere Tage berechtigt ist.


Wie geht es Dir mit Reizabschirmung im ganz normalen Alltag und in Krisenzeiten? Wie erlebst Du den Wechsel von „Es geht mir okayisch,“ und „Es geht mir leider nicht so gut gerade?“ Kommentar? Gern!

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. lunis sagt:

    Hey!
    Unter hilfreicher Reizabschirmung verstehen wir nur „alleine sein zu Hause“. Also keine Außenreize, keine Menschen, keine Anforderungen an jegliches soziales funktionieren.
    Nur wenn wir sämtliche Reize abstellen wie Geräusche von Musik, Tv, Hörspiel….als Hintergrundgeräusch rutschen wir in Flashbacks von Deprivation. Das ist dann kontraproduktiv. Und das ist sicher eine Sache, die individuell ist.
    Wir müssen also selbst darauf achten, dass wir die Grenze finden zwischen Ruhe und zu viel Ruhe.
    Am Besten für uns ist meistens,. Dass wir so wirsch vor uns hinwuseln können zwischen funktionieren und nicht funktionieren, wie es eben gerade ist ohne dass uns jemand fragt, was gerade los ist oder eben auch nicht. Ohne Beobachtet zu sein und ohne sich Vorwürfe zu machen, weil man gerade nicht gesellschaftskompatibel ist.
    Im Prinzip ist es hier so wie bei dir: Alles ist Freizeit. Bügeln, putzen….alles.
    Das das nicht so ist…tja ja vielleicht ist das kognitiv bekannt aber das ist etwas, das sich noch nicht durchgesetzt hat.

    Die Vorwürfe sind uns bekannt. Vielleicht empfindet man die auch nur so. Ich weiß es nicht.
    Aber Größenwahn halte ich nicht für menschlich sondern für bedenklich 😉 und ist nichts, das ich in meinem Helferkreis akzeptieren müssen möchte. 🙂

    Liebe Grüße

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    1. Hallo Lunis, bitte entschuldige meine sehr späte Antwort. Ich kenn das leider gut, was Du schreibst: „zu viel Ruhe“ führt zu … komischen Zuständen. Rückblickend würde ich sagen, es war vielleicht die wichtigste Lernerfahrung der letzten Jahre, diese Ruhe aushalten zu lernen. Am Anfang war das total anstrengend / risikoreich, inzwischen ist es einigermaßen erholsam, weil der Körper zur Ruhe kommt. Hart erkämpft! Endlich! Alles Liebe schickt s.

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  2. Echtjetzt? sagt:

    Den Wechsel von okay zu schlecht kam bisher für mich immer überraschend und verbunden mit dem Gefühl von totalem Versagen. Nicht gut genug auf mich aufgepasst, meine Grenzen mal wieder nicht gespürt, zu wenig Sport gemacht, Anteile übergangen, etc. Ich übe mich gerade darin, dass ich diese Phasen nicht noch dadurch verschlimmert mich selber dafür runterzuputzen. Wie gesagt… Ich übe, es klappt noch nicht so ganz.
    Reizabschirmung klappt bei mir dann auch am besten oder Spaziergänge, wenn noch möglich. Für den Fall, dass ich Bewegung brauche, um Anspannung abzulassen, aber nicht raus möchte, habe ich mir ein Ergometer zugelegt. Darauf sitze ich dann und gucke triggerfreie Backsendungen auf Netflix.
    Wünsche Dir, dass es Dir bald wieder besser geht
    Es ist einfach furchtbar, wenn man immer und immer schachmatt gesetzt wird.

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    1. Hallo echtjetzt, bitte entschuldige meine sehr späte Antwort. Für mich hat dieses Versagensgefühl nachgelassen mit der DIS-Diagnose. Ich erlaube mir seitdem mehr… Recht auf schlechte Phasen? Nachdem ich in den letzten Jahren keine einzige Fachfrau auftreiben konnte, die mir irgendetwas Hilfreiches / Produktives sagen konnte zu den Themen „Anteile besser koordinieren“ oder „Grenzen spüren lernen,“ erlaube ich mir, dass ich es halt explorativ lernen muss und demnach sind Fehler vorprogrammiert, die ich aber nicht absichtlich mache.
      Spaziergänge gehen bei mir auch ganz gut. Manhcmal merke ich dabei aber auch, dass ich regelrecht auf der Flucht bin dabei, um nur endlich wieder eine Tür hinter mir versprerren zu können. Ich glaube, ein Ergometer würde bei mir ähnlich wirken, nur eben mit dem Ziel, die vorgenommene Strecke endlcih geschafft zu haben. Leistung ist eine Droge bei mir, da muss ich immer aufpassen… zu Ruhe führt das jedenfalls nicht.
      Extralieben Gruß, s.

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  3. Pollys sagt:

    Hm, Reizabschirmung – ein Thema wo ich mich grad auch beschäftige – habe vor 3 Tagen einen Blogbeitrag mit dem Titel: Wochenende – vorbereitet, den ich morgen reinsetzen werde. Darin setze ich mich damit auseinander und habe während des Schreibens bemerkt, dass ich damit mehrere Probleme habe.
    Wenn ich nicht wie die ganze Woche über beschäftigt bin in sehr aktiver Weise – geht es mir am WE sehr seltsam mit der freien Zeit, die zwar reizarm (und gleichzeitig auch zwiespältig von mir erlebt wird) aber in mir sehr ambivalente Gefühle aufkommen.
    Zu Rückschritten dagegen habe ich eine klare Meinung und auch wegen meiner Erfahrungen damit. Manche Rückschritte sind sogar notwendig gewesen – um den Stress rauszunehmen und/oder auch mehr Bewusstheit in das Geschehen reinzubekommen – was der sog. Fortschritt bedeutet für uns als Ganzes.

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    1. Hallo Polly, danke fürs Erzählen… speziell Deinen letzten Absatz finde ich mutmachend – vielen Dank dafür! lg s.

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  4. lamorada sagt:

    in krisenzeiten gibt es hier einen der notfalls eine reizabschirmung durchsetzt, da habe ich dann „nix mehr zu melden“ und selbst wenn ich noch weiter ignorieren will das es so ist wie es ist – keine chance.

    für mich neu iin seinem repertoire und letztens zum ersten mal miterlebt: sprachlosigkeit. stimme weg und das über 2 tage oder so… muss man ihm ja lassen,ist eine sehr effiziente methode die deutlich macht das „es“ gerade reicht oder schhon länger zuviel ist.

    hier aber auch eines der themen das ich gern mit einer (hoffentlich zu findenden) ergotherapeutin angehen möchte… da gibts noch viel zu lernen und auszuprobieren für mich+.

    „Nachdem ich meine Schlafstörung und dazugehörige Trauma-Puzzleteile in einer Psychotherapie einmal vor knapp 15 Jahren und einmal im Jahr 20xx durchgearbeitet habe, müsste das Thema ja erledigt sein… sagt die Literatur über Psychotrauma… “

    dazu sagt die literatur inzwischen auch schon mal anderes:

    „Tatsächlich gibt es Themen mit denen man leben muss, auch wenn man lange Therapie macht. Meine Erfahrung ist, dass Schlafstörungen, Essstörungen, depressive Einbrüche, Scham- und Schuldgefühle am längsten die Integrationsprozesse „überleben“, mit anderen Worten: am hartnäckigsten persistieren.*“

    „Integration bei früher und komplexer dissoziativer Identität hat einfach Grenzen, und diese Grenzen können auch im Gehirn verankert sein, das bestimmte Regionen nicht miteinander vernetzt hat. Dieser Prozess kann schon intrauterin begonnen und die „Hardware“ des Gehirns unter umständen so anders aufgebaut und vernetzt haben, dass ein „Zusammenwachsen“ geradezu physisch kaum oder gar nicht funktionieren kann*“

    die zitate stammen aus „Aus vielen Ichs ein Selbst? – Trauma, Dissoziation und Identität“ und ist der Tagungsband zur DGTD-Tagung zu diesem Thematik die 2018 stattfand.

    und diese beiden zitate kommen…von der huber… und so schwierig ich die oftmals finde… finde ich dass das mal aussagen sind die sich gern in der deutschsprachigen „szene“ rumsprechen könnten.

    und das erlauben von up-and-down… hier immer noch schwierig.. vor allem wenn ich das mitbekomme versuche ich glaube ich noch viel zu oft nach außen hin ein stabiles bild abzugeben… und so die idee…wenn das übertrieben wird…also zu wenig rücksicht auf das interne up-and-down genommen wird dann grätscht es irgendwwann weils kein nicht-anerkennen ist.

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    1. Hallo lamorada, ja, die Traumaliteratur ist insgesamt bei genauerer Betrachtung widersprüchlich und … oft nichtssagend. Zu Weihnachten kamen wir in einer Runde mit Freunden aufs Chinesische Neujahr und die Tierzeichen dort. Wir haben uns dann gegenseitig unsere Beschreibungen nach dieser Schematik vorgelesen und haben rege kommentiert, welche Eigenschaften zutreffen und welche nicht. Währenddessen dachte ich: Kommt mir von der Atmosphäre vor, wie ein Traumabuch lesen, oder einen psychiatrischen Befundbericht, der mit wenig Sorgfalt erstellt wurde – manches passt, vieles nicht. Von daher: Mein Interesse solcher nichtssagenden „Fachleute“-Verallgemeinerungen gegenüber ist stark geschrumpft in den letzten Jahren – sie hatten für meinen Alltag einfach wenig Brauchbares anzubieten. Alles Liebe, s.

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