218 Zusammenreißen bringt Heilung?

Wenige Wochen danach erreicht die Krise einen neuen Höhepunkt, denn die Psychiaterin macht seit besagtem Termin anhaltend Vorwürfe: Sie solle sich bitte zusammenreißen. Sie solle sich bitte wie eine Erwachsene verhalten. Sie solle einfach aufhören mit ihren Traumafolgesachen und stattdessen schlafen.

Ich bin froh und dankbar, dass meine Freundin mich sofort anruft, anstatt alleine mit solchen Botschaften zu verzweifeln.

Was bisher geschah. Ich habe eine traumatisierte Freundin, die sehr viel schlimmer dran ist als ich, was Schlafen, Flashbacks, Begleitprobleme einer Traumafolgestörung wie Selbstverletzung und Co. angeht. Sie nimmt viele verschiedene Medikamente in hoher Dosierung, um irgendwie durch den Tag zu kommen. Ich finde, sie ist berechtigt verzweifelt, weil in vielen Jahren Psychotherapie keine nennenswerte Verbesserunge eingetreten ist – trotz maximaler Mitarbeit und Disziplin. Von einem Treffen mit einer „angeblich Geheilten“ unter Moderation der Therapeutin hängt ihr ganzer Lebensmut ab – und geht voll in die Hose. Meine Freundin plant ihren Selbstmord, weil es einfach keinen Sinn hat und „das alles gelogen war.“

Ich finde es unethisch, jemandem, der ohnehin am Boden ist und nur noch tot sein will, im Wesentlichen zu sagen: „Reiß dich halt endlich zusammen!“ „Es tut mir leid, dass es mir nicht schneller besser geht. Ich verstehe eh, dass es der Ärztin zu lange dauert mit mir,“ sagt meine Freundin. Armselig sind die, die ihre eigene Machtlosigkeit dem Gegenüber in die Schuhe schieben müssen, das in großer Not ist. Mein Gott, wie viele solche armseligen Menschen hab ich in den letzten 15 Jahren im Psywesen getroffen!? Wenn ich selbst solche Vorwürfe bekomme, breche ich in mich zusammen. Nun, wo es jemand anderem passiert, möchte ich am liebsten fragen: „Aha, dann erkennt die Fachärztin eine (Störung) nicht als solche an? Dann ist also der ganze Fachbereich nur Einbildung und in letzter Konsequenz durch Zusammenreißen heilbar? Echt?!“ Wenn nicht mal die Fachärzte an die Erkrankungen glauben, die sie selbst in den Diagnosekatalog reklamiert haben, wer dann?!

Immer wieder landen Ärzte und Therapeuten genau da: „Sie sind doch die Person, die die [Selbstverletzung / Zwangshandlung / etc.] ausführt! Das gehört auch zu Ihnen, übernehmen Sie Verantworung und hören Sie damit auf!“ Wie lächerlich wäre ein Onkologe, etwas Vergleichbares zu seinem Patienten zu sagen: „Nun haben Sie sich schon wieder einen Tumor wachsen lassen!? Diese Tumorzellen haben Sie selbst produziert, übernehmen Sie die Verantwortung und hören Sie endlich auf damit! Betreiben Sie Zellteilung wie normale Menschen!“

Ich springe erneut in mein Auto und rase zur Wohnung meiner Freundin. Dabei frage ich mich, ob das nun eine Dauereinrichtung in meinem Leben werden soll? Meine Freundin hat Kontakt mit dem Psywesen und braucht hinterher eine Taskforce an Freunden, damit sie überleben kann? In dem Moment schäme ich mich, denn ich brauchte 2018 einen Ehemann als Taskforce, damit ich die Traumaklinik überleben konnte (160).

An einer Stelle ist ihre Kleidung voller Blut. Ich wage nicht zu fragen, was wie und warum darunter aussieht. Was sie sagt, finde ich noch beunruhigender. Ich gehe kurz aus dem Raum und rufe meine eigene Ärztin an – was macht man in so einem Fall? Ich erreiche sie nicht. Ich rufe beim psychosozialen Notdienst an, deren Antwort ist klar: „Krankenwagen und Psychiatrie.“ Nein, das mach ich nicht. Ich hab schon einmal erlebt, wie eine Freundin ohne jede Selbst- oder Fremdgefährdung in Handschellen in die Psychiatrie gebracht wurde – mit riesigen Folgeproblemen ihren Führerschein betreffend. Ich mache so einen Fehler nicht noch einmal. Bevor ich fahre, nehme ich ihr alle selbstmordfähigen Tabletten ab. Sie ist entsetzt, glaube ich. Aber ich kann auch nicht aus meiner Haut.


Ich bin unausgeschlafen am nächsten Tag. Warum ist das alles so? In ihrer subjektiven Wahrnehmung hat ihre Therapeutin sie über ein Jahrzehnt angelogen und ihre Psychiaterin macht ihr Vorwürfe betreffend nicht-objektivierbarer Sachen. „Sie tut so, als hätte ich eine Wahl! Als würde ich mich entscheiden, nicht zu schlafen!“ Nein, selbstverständlich enthält sie sich nicht absichtlich monatelang Schlaf vor – genau wie man sich nicht absichtlich ein Krebsgeschwör wachsen lassen kann. Ich habe mir am Vorabend am Telefon vom psychosozialen Notdienst sagen lassen, es wäre verantwortungslos, wenn ich nicht die Polizei rufe, die meine Freundin zwangseinweist… und nun pfeife ich auf das, was „der Standard“ vorsieht, überschreite vermutlich zig Grenzen und schreibe an ihre Psychiaterin:

Sehr geehrte Frau Dr. A.,

seit dem (Datum) mache ich mir anhaltend große Sorgen um (Freundin). Speziell froh bin ich, dass sie diese Nacht heute irgendwie überstanden hat. Inhaltlich würde ich mir nicht herausnehmen, Fachleute infrage zustellen; vom Timing her habe ich mich doch sehr gewundert, dass eine Fachfrau ganz bewusst Stress hinzufügt, zu einem Zeitpunkt, der…
– seit (Datum s.o.) (meiner persönlichen Ansicht nach) wirklich, wirklich belastet ist, und Hoffnung bräuchte,
– kurz vor Weihnachten, bei dem wie immer ein Täterkontakt ansteht,
– am selben Tag einen (Facharzt)termin inklusive „angefasst werden“ beinhaltete.
So mutlos wie gestern nach dem Termin bei Ihnen hab ich (Freundin) selten erlebt.

Ich verstehe vollkommen, dass es für Ärzte Fälle gibt, die frustrierend erlebt werden, weil eine Krankheit leider so schlimm ist, dass nichts zu helfen scheint, was man anbietet. Das ist die eine Katastrophe: in erster Linie für den Patienten und seine Lebensqualität bzw. sein Überleben, in zweiter Linie erst für den bemühten, kompetenten Arzt und sein Selbstbild.

Die andere Katastrophe ist, wenn sich der Frust des Arztes in Form von patient blaming gegen einen Patienten richten sollte, insbesondere wenn dieselbe Person schon jahrelang durch victim blaming von Gewalttätern vorbearbeitet wurde und Vorwürfe glauben muss. Ich hoffe, dass das bei Ihnen nicht der Fall ist. Ich würde mir sehr für (Freundin) wünschen, sie könnte Sie betreffend wieder zu dem Gefühl zurückkehren, das sie jahrelang hatte: nämlich dass Sie auf ihrer Seite stehen. Das wäre so wichtig und hilfreich für sie.

Ich hoffe, Sie erleben diese Nachricht als konstruktiv betreffend Ihres Timings von stresserhöhenden Therapieinterventionen. Ich schreibe, weil ich mir große Sorgen mache.

Ich weiß, dass Sie zu dieser Nachricht nichts sagen dürfen – sie ist nur als one-way-Kommunikation gedacht mit der Bitte um Verständnis.
Mit lieben Grüßen.


Ich bin sehr froh, dass ich getan habe, was ich für richtig fand, unabhängig davon, ob das Kriseninterventionszentrum das für fahrlässig hielt. Um 9 Uhr habe ich die Mail an die Ärztin abgeschickt, um 10 Uhr hatte ich eine Antwort von ihr im Postfach, sofort hat sie meine Freundin zu sich bestellt und um 11 saß die dort. Mit einer radikalen Kursänderung. Ich bin sehr froh, denn meine Freundin braucht wohlgesonnene Helfer dringendst.

Seitdem würde ich die Lage als instabiles Gleichgewicht beschreiben. Wir haben täglich Kontakt, ich habe dreimal wöchentlich die Tabletten geliefert, damit sie niemals eine selbstmordfähige Dosis im Haus hat. Seit letztem Montag hat sie ihre Tabletten wieder für sich. Wir sehen uns einmal pro Woche.

Es ist schwierig für mich, denn ich weiß, dass ich in ihrer Situation schon lange nicht mehr leben würde.

Kommentar? Gern!

Bildnachweis: Pixabay / aitoff

16 Kommentare Gib deinen ab

  1. Erst Mal find ich das du das großartig gemacht hast,das mit der Mail und das die Ärztin daraufhin reagiert hat find ich noch besser. Respekt. Wir hätten sie wahrscheinlich wirklich einweisen lassen….
    Ich freu mich das es ihr etwas besser geht und das sie so eine Freundin hat.

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    1. Hallo Seelensplitter, hm, ich hab ernsthaft überlegt, fand es dann aber „falsch“ die Verantwortung auf Leute abzuschieben, die meine Freundin nicht kennen und nicht so mögen. 🙂 lg s.

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  2. Gut, eine solche Freundin zu haben.
    Ich denke nicht, dass ich das könnte – aber ich habe keine Freundin und bin in Freundschaften auch völlig ungeübt.
    Aber WENN ich eine hätte, dann würde wohl auch ich lieber DAS tun, was ihr gut tut und hilft – statt irgendetwas „das andere so tun“ oder „in Fachblättern steht“.
    Ich wünsche dir sehr viel Kraft, Geduld und weiterhin ein offenes Herz.

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    1. oh, danke, das ist lieb. 🙂 „ich habe keine Freundin,“ schreibst Du. Meinst Du damit, Du bezeichnest alle Menschen als Bekannte? Oder wie meinst Du das?

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      1. Nein, ich meine es so, wie ich es sage – ich habe keine Freunde.
        Nur meinen Mann.
        Und „bezahlte Helfer“ wie Thera o.ä.

        Die letzte „Freundin“ die ich hatte, war glaub bis etwa 1998? Aber für sie war ich nur Mittel zum Zweck.
        Ich hoffe ja immer, dass es irgendwann mal was wird mit Freundschaften 🙂

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        1. Hallo Schwurbel, wow. Wie machst Du das? Wie hältst Du Dir Personen so vom Leib? Ich frage, weil ich deutlich mehr „soziale Angebote“ habe, als ich brauche oder gar will. Leute wollen mit mir auf einen Kaffee gehen oder spazieren, ich muss zielmich viel nein sagen. Ganz lieben Gruß schickt s.

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        2. *Grins* – „vom Leib halten“… eigentlich hätte ich ja eher GERN mal mehr Menschen.

          Aber ich geh kaum raus.
          Und WENN – sagt mein Mann – hätte ich „so eine Ausstrahlung“.
          Also so eine,
          dass man sich wohl nicht traut, mich anzusprechen
          oder glaubt, ich sei gefährlich
          oder denkt, ich will das garnicht
          oder ich schaue so direkt; so klar; so tief in Seelen hinein, dass andere lieber unsichtbar werden

          keine Ahnung.

          Ich bin halt authentisch, echt und unverblümt.
          Das erschreckt wohl die Mehrheit der Menschen.
          Liebe Grüße zurück 🙂

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  3. Ich finde auch du hast es hervorragend und vorallem zuträglich für deine Freundin gelöst! Das kann man gar nicht genug wertschätzen!
    Auch deinen Vergleich mit den Tumoren finde ich super. Klar ein vielleicht etwas hinkender Vergleich oder überzogen, aber genau die Art, die ich auch verwenden würde.
    Erschreckend ist aber für mich wieder einmal, dass Psymenschen so gar nicht wahrnehmen können, wie viel Macht ihre Worte oder Handeln haben. Und, wenn es keinen dritten gibt, der konstruktiv darauf zeigt, enden solche Situationen schnell mal in großer, großer Not! Gut das du da warst und gut das du gehandelt hast.
    Liebe Grüße
    Lebend

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    1. Hallo Lebend,
      ja, ich hoffe, ich habe das geringste Übel für meine Freundin gewählt. Es ist nicht schön, wenn man für sich selbst gar keine irgendwie gesunden Entscheidungen treffen kann. :-/
      Findest Du den Tumor-Vergleich echt überzogen? Nach dem Motto: Tumore sucht man sich nciht aus, aber Flashbacks schon? Magst Du mir das vielleicht nochmal erklären, wie Du das meinst?
      Ganz lieben Gruß schickt Dir s.

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  4. aschetaumel sagt:

    Oh Sonrisa, du bist wundervoll! ❤ Und ich freue mich, dass diese Ärztin wenigstens auf deine Nachricht kompetent und menschlich reagiert hat und nicht so scheiße, wie ich es befürchtet hätte.
    Zu sagen "hören Sie doch einfach auf mit [Symptom, Störung] ist das Letzte. Würde man ja wohl, wenn es so einfach ginge. Auch wenn ich verstehe, was da vielleicht hintersteht…Aber wir hier in der BlogGemeinschaft bekommen das hin, als Betroffene, da sollte man das von Fachmenschen erst recht erwarten können.
    Es tut mir trotzdem leid, dass du in so einer Situation warst, wo du diese Entscheidung treffen musstest, ob Psychiatrie oder nicht… Das ist furchtbar. Wir kennen so eine ähnliche Situation, wo wir uns tatsächlich für einen Anruf bei der Polizei entschieden haben…es ist ist hammerhart.
    Ich wünsche deiner Freundin von Herzen, dass es ihr wieder besser gehen kann, also dass sie sich vor allem erstmal langfristig von dieser Krise erholen kann.
    lg

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Aschetaumel, danke. ❤ 🙂 lg s.

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  5. tanzimsturm sagt:

    Ja, wow!

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  6. Pollys sagt:

    Oh manno, ja die Fachleute…. ich hätte nie so einen Brief geschrieben – mein Vertrauen in das Psy-Wesen ist vollkommen zerstört – ich kenne zu gut die hilflosen Reaktionen von denen.
    Aber Hut ab für Deinen Mut, Deine Kraft und Deinen Einsatz für Deine Freundin. Weiß gar nicht ob ich das so hingekriegt hätte in so einer Situation. Haste prima hingekriegt und ich hoffe nicht nur für den Moment – ob die Thera es aber bringt… ich habe große Zweifel.

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    1. Hallo Polly,
      ich kenne auch zu viele hilflose Reaktionen von Fachleuten… nicht einfühlsame, völlig an-der-Person-vorbei-Reaktionen. Mein Vertrauen ist… nicht mehr da, auch wenn sie nett sind und sich bemühen.
      Ja, ich bin auch ganz häppi, wie es gelaufen ist, denn meine Freudin lebt noch udn ich bin sehr glücklich. Ich mag sie wirklich!
      Ganz lieben Gruß,
      s.

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  7. Noa sagt:

    Hallo zusammen,
    ich lese schon seit einiger Zeit mit und traue mich jetzt auch mal einen Kommentar zu schreiben (bin w, 37 Jahre alt, Diagnose DDNOS).

    Ich kenne dieses Gefühl, wenn das „professionelle“ Gegenüber in Momenten, in denen man Hoffnung und Da-Sein braucht, mit Vorwürfen reagiert (hatte zu Anfang meiner „Psy-Karriere“ einen Hang zu eher narzisstischen Therapeuten, da kam sowas öfter vor).
    Sätze wie „Sie haben so ein hohes Funktionsniveau, Sie stehen sich nur selbst im Weg“ haben mich – besonders vor der Diagnose – regelmäßig völlig in Verzweiflung gestürzt.

    Inzwischen verstehe ich mein Gesamtsystem und weiß, dass Therapien, die nicht alle Anteile berücksichtigen, mir nicht helfen, sondern im Gegenteil alles nur in Aufruhr versetzen.
    Mir hat da am besten Körpertherapie geholfen – damit habe ich sehr viel mehr Anteilen helfen können als durch ständiges Reden.

    Ich finde das sehr beeindruckend, was du für deine Freundin tust, und es ist traurig, dass es für solche Krisenzeiten keine Einrichtung gibt, die man ohne Angst vor noch mehr Schäden aufsuchen könnte.
    Alles Gute für deine Freundin und gute Selbstfürsorge für dich!!

    LG Noa

    Gefällt 4 Personen

    1. Hallo Noa,
      willkommen hier. 🙂 Schön, dass Du hergefunden hast! Boa, ich musste echt mit den Augen rollen bei Deinem Funktionsniveau-Zitat – ich habe wohl inzwischen so viel Abwertendes-Unkonstruktives von Psymenschen gehört, dass solche diffusen „Verbesserungsvorschläge“ (?? oder doch eher Schuldzuweisungen) abprallen…
      Ich unterschreibe Deinen Satz mit der Körpertherapie – dazu habe ich hier im Blog auch schon mehrfach geschrieben…
      Ja, das stimmt: Es ist ein Wahnsinn, dass es keine Helfer gibt, von denen man nicht noch mehr Schaden miteinkalkulieren muss. Echt irre.
      Danke für Deine guten Wünsche, s.

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