220 die großen Illusionen der Psychotherapie

Psychotherapie – was ist das? Wikipedia sagt:

Gesamtheit der psychologischen Verfahren zur Heilung oder Linderung von

  • Störungen im psychischen Bereich,
  • in den sozialen Beziehungen,
  • im Verhalten oder auch
  • in bestimmten Körperfunktionen.

Ich bin ziemlich Psychotherapie-erfahren als Betroffene einer schweren Traumafolgestörung. Nach all den vielen TherapeutInnen, PsychiaterInnen, und Angehörigen angrenzender Bereiche, mit denen ich das Vergnügen (in einigen Fällen auch: das zweifelhafte Vergnügen) hatte, an mir arbeiten zu dürfen, würde ich für manche dieser vier Probleme Psychotherapie empfehlen und für andere nicht. Warum nicht? Weil sich für mich herausgestellt hat, dass Psychotherapie für manche dieser Punkte zwar Wiki-konform behauptet, eine Lösung anzubieten, aber tatsächlich keine im Angebot hat. Hier sind die neuen großen Illusionen der Psychotherapie, und nächste Woche befasse ich mich mit jenen Bereichen, bei denen es sich lohnt, Hoffnungen in Psychotherapie zu setzen.

Illusion #1. Reden hilft, ist das Credo des Berufsstands. Ich stimme zu, dass es gundsätzlich für Menschen gut ist, sich über ihre Probleme untereinander auszutauschen und das Schwarmwissen der Menschheit oder die Erfahrung eines ausgewählten Beraters für sich nutzbar zu machen. Meine Fragen dazu sind: Hilft reden über Traumainhalte so und in dem Maß, wie die Fachliteratur das anpreist? Und ist der beste Gesprächspartner für „Lösungen für dein Leben mit Traumafolgestörung“ ein Psychotherapeut?

Selbst wenn ein Problem keinen Zentimeter bewegt werden kann, tut es manchmal gut, es sich „von der Seele zu reden.“ Ich finde, das Prinzip klingt voll gut! Mein Pech ist: Ich bin vom Typ her ein Lösungsmensch; wenn ich keinen Denkanstoß, keinen Schubs in eine neue Perspektive, keine Inspiration für meinen nächsten notwendigen Umgang mit einem Problem aus einem Gespräch bekomme, empfinde ich es manchmal als „unnötig.“. Therapie-User haben mir berichtet über Kombinationen aus Reden & Weinen oder Reden & Körperkontakt, die den heilsamen Effekt der Psychotherapie für sie ausmachen. Wird ein Problem versucht zu zerreden, fühlt sich meine Seele nicht erleichtert. Da bin ich wohl in mehrerlei Hinsicht schräg gewickelt für eine Primatin:

  • Mir hilft reden als Selbstzweck weder bei Traumainhalten, noch bei Themen rund um „Leben mit Traumafolgen“ wie Umgang mit Schlafstörungen oder Alltagsamnesien; es ist ein ziemlich großes Energeiinvestment ohne Payoff. Schade.
  •  Ich bin von Natur aus kein weinerlicher Mensch, will sagen: Weinen hat für mich wenig intrinsischen Verstärker währenddessen oder danach. Mein Symptomtracking verzeichnet nur etwa einen Tag mit Tränen im Quartal. Wenn, dann weine ich allein. Ich finde es fürchterlich, wenn mir jemand beim Weinen zusieht: kein positiver Effekt, „dass meine Tränen (endlich) gesehen werden.“ (Ich schreibe das ohne jegliche Wertung; ich würde mir wünschen, mir würde das helfen, wie es anderen offenbar hilft.)
  • Körperkontakt mit Menschen, insbesondere mit solchen, mit denen ich per Sie bin, finde ich erträglich, aber unerfreulich. … die Vorstellung, eine Therapeutin würde auf unbestimmte Zeit meine Hand halten: brr.

Informationsaustausch finde ich am hilfreichsten in Textform – wo und wann ich gerade aufnahmebereit bin, gerne auch in der S-Bahn (alternativ zu: eine Therapiestunde in einen vollen Terminkalender als Working Mom zu quetschen mit einem Bruchteil des Informationsgehalts, als wenn ich zu dem Thema recherchiert hätte. Ich lese bestimmt viermal schneller als eine Therapeutin sprechen kann). Herausgestellt hat sich, dass Therapeuten ziemlich frustriert reagieren können, wenn ihre Vorschläge nicht das gewünschte Ergebnis haben (096, 218 u.v.m.); das passiert einem mit einem Buchautor kaum.

Zu Reden über Traumainhalte schreibe ich demnächst in Illusion #5.

Illusion #2. Psychotherapeuten und Psychiater sind die optimalen Ansprechpartner bei Heilung von Psychotrauma. Das finde ich – nach 15 Jahren in spezifischer Traumatherapie und vielen Erfahrungen – falsch in vielerlei Hinsicht. Zum Leben mit Trauma hat sich herausgestellt, dass Austausch mit anderen Betroffenen mir weit mehr hilft als mit traumafreien (?) Fachleuten, die theoretisch wissen, was bei stuporösen Zuständen im Gehirn passiert, aber noch nie selbst einen hatten. Ich erinnere mich beinahe schmerzhaft an eine Psychoedukationsvorlesung auf der „Traumastation“ mit meiner Lieblingstherapeutin KR, als sie die klassische Konditionierung, die sie bei einem Auffahrunfall (nicht schlimm: nur eine Beule an der Stoßstange) erworben hat, als Mini-Flashback bezeichnet hat. Nur jemand, der noch nie einen Flashback hatte, kann eine simple klassische Konditionierung, die jeder Mensch sie von Geburt an hunderttausendfach gelernt (und teilweise sich auch wieder verlernt) hat, mit einem Flashback vergleichen. Selbst jemand, der sich seit über 30 Jahren mit Psychotrauma beschäftigt, schafft es nicht im Ansatz, einen persönlichen Bezug zum Leben mit Traumafolgen herzustellen. Das ist ein Grund, warum es so schwer ist, von „Fachleuten“ funktionierende Lösungen für Probleme zu bekommen, die sie selbst noch nie hatten.

Dass die „Lehrtherapie“, der sich Psychotherapeuten unterziehen müssen, als  Selbsterfahrung bezeichnet wird, finde ich irreführend: Eine meiner Therapeutinnen (die mir sehr sympathisch ist), hat mir erzählt, dass sie diese Stunden anfangs überflüssig fand, und am Ende total genossen hat als „Zeit für sich.“ Ich mochte meine Therapeutinnen (meistens) und habe ihren Input oft sinnvoll gefunden, aber genossen habe ich noch nie in meinem Leben eine Psychotherapiestunde. Ich genieße es, auf einem Pferderücken durch den Wald zu galoppieren, im Windkanal beim Indoor-Skydiving die Kräfte auf meinem Körper zu fühlen, in der Wüste unter freiem Himmel zu übernachten, mit meinem Kind gemeinsam zu lachen oder mit meinem Mann händchenhaltend unter einem Gipfelkreuz zu sitzen – ich kann viel genießen, aber Psychotherapie zählt nicht dazu. Ich bezweifle sehr, dass eine „Lehrtherapie ohne krankheitswertigers Störung“ auch nur im Ansatz Einblick gewährt, wie das Psywesen so läuft. Es lehrt einen vielleicht, wie man 150 Stunden lang KEIN Problem behebt? Jene sympathische, kompetente und sanfte Fachkraft, die ich kenne, die in ihrer Jugend selbst Patientin war, hat Ärzte auf der Akutpsychiatrie mit Gegenständen beworfen – ich glaube kaum, dass einen eine Lehrtherapie so aufregen könnte, wie das echte Psywesen.

Was die körperlichen Folgen von Trauma, als auch körperliche Trigger verlernern angeht, hat mir Shiatsu (oder andere Körpertherapieformen) eher geholfen als Psychotherapie, weil sie mir die Möglichkeit geben, schweigen zu dürfen. Hier habe ich in einem Zehntel der Stunden das erreicht, was in der Psychotherapie ewig nur Ziele / Träume blieben; für ein um 40% geringeres Honorar pro Behandlungsminute.

Noch nie stand eine Artikelserie so lange in meiner Warteschleife. Vor über einem Jahr habe ich begonnen, meine Gedanken zu Illusionen der Psychotherapie zu notieren. Nun endlich sind sie ausgegoren genug, um sie zu veröffentlichen. Mehr lesen und was es bräuchte, damit Psychotherapie und Vertrauen zusammenpassen würde, übernächsten Dienstag…

Kommentar? Gern!

 

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Pia sagt:

    Liebe Sonrisa,

    bei mir geht es schon etwas länger, du schreibst von 15 Jahren, mit Beratung/Therapie komme ich auf 43 Jahre mit Pausen. Heil bin ich immer noch nicht, aber es ist besser geworden. Manchmal gibt es Einbrüche, heftig. Sie sind aber von kürzerer Dauer.

    Was bleibt uns? Ich denke es ist wie bei gesunden Kindern, sie fallen hin und stehen auf und versuchen es wieder. Manche fallen öfter bevor sie den Dreh raushaben. Die Alternative ist aufgeben, wollen wir das?

    Eine Freundin von mir hat aufgegeben, sie lebt nicht mehr. Manchmal beneide ich sie, aber dann bin ich froh noch Möglichkeiten zu haben.

    Was mir bei dir gefällt, du hinterfragst was dir angeboten wird. Deine Kritik ist berechtigt. Und doch helfen vielen von uns diese unvollkommen PsyWesen zu überleben in wirklich schlimmen Zeiten.

    Mein Therapeut versteht mich nicht wirklich immer, aber er gibt mir etwas was andere mir nicht geben. Er ist da wenn es mir richtig schlecht geht, auch wenn er nicht wirklich eine Lösung hat. Seine Geduld, das Mittragen haben geholfen mich an den Punkt zu bringen an dem ich heute bin. Ich habe Hoffnung.

    Ich wünsche dir sehen zu können was du bis jetzt erreicht hast. Viele „normale Menschen“ kommen nie so weit.

    Liebe Grüße
    Pia

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    1. Hallo Pia, nein, Aufgeben steht bei mir derzeit nicht am Plan. Aber man kann auch mit anderen Hilfen als Psychotherapie weitermachen. Wenn es mir richtig schlecht geht, hat das Psywesen teilweise geholfen, teilweise hat sie auch eine schlechte Situation zur Katastrophe mutieren lassen. Wer in meinem Fall IMMER da ist, ist mein Mann, aber bestimmt nicht ein bestimmter Psymensch – die kenne ich in meinem Fall nur mit sehr hohen Eintrittsbarrieren. Was auch immer da ist, ist die Akutabteilung mit ihrem Ruheangebot.
      Ja, ich kann sehen, dass ich viel erreicht habe, fühle mich aber gleichzeitig so, als würden das Psymenschen nicht anerkennen, weil das, was geholfen hat, nicht von ihnen kam und teilweise nicht zur Lehrmeinung passt.
      Vom Überleben-helfen in schlimmen Zeiten – und es funktioniert – davon erzähle ich nächte Woche. Ich möchte nochmal betonen, dass ich Psychotherapie nicht grundsätzlich sinnlos finde. Nun im Fall meiner Freundin der letzten Wochen, haben Psymenschen Krisen verursacht und verschlimmert und waren nicht da für Not.
      Ganz lieben Gruß, s.

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  2. Pia sagt:

    Akuell ist es mir gerade ein PsyMensch der meine Anstrengungen sieht und würdigt, im privaten Bereich finde ich das eher nicht. Das tut weh, es ist wie es ist. Was ich sagen will, Verständnis und Unverständnis können wir immer und überall finden. Ein Stück weit liegt es auch an uns, auch oder wegen unserer Lebensgeschichte, was wir annehmen oder auch nicht.

    Gefällt 1 Person

    1. Das freut mich zu hören, dass Du einen Psymenschen hast, der „sieht.“ Bei meiner Freundin war das auch jahrelang so, und nun dauert es den Helfern wohl einfach zu lange, oder so. Keine Ahnung, aber am Ende kommen immer Vorwürfe – so kenne ich das ohne Ausnahme… leider… Alles Liebe, s.

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  3. Meine Erfahrung: Klientenzentrierte Psychotherapie ist für Traumafolgestörungen nicht geeignet. Ebenso wenig wie klassische Analyse. Da gibt mir sogar mein Analytiker recht. Für ein Traumaopfer ist es fatal, wenn das therapeutische Gegenüber einfach nur da sitzt und erwartet, dass man was sagt…
    Ich hatte ja bis dato nur mit Verhaltenstherapeuten zu tun, jedoch meine letzte Psychotherapie lief so, hatte permanent das Gefühl, „ihr etwas liefern zu müssen“, was mich immens unter Druck setzte, vor jeder einzelnen Sitzung. Und es hat mich so viel gekostet, sie vor einigen Wochen endlich „abzusägen“.. Und bei der klassischen Psychoanalyse hockt der Therapeut am Kopfende der Liege und sagt gar nichts…

    Drum verfährt meinen Psychoanalytiker gerade bei Traumaopfern ganz anders, geht aktiv in die Gegenübertragung usw.

    Liebe Grüße

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    1. Hallo Bianca, danke für deine Nachricht. So kenne ich das auch: Druck, endlich rational zu sein (und Fladhbacks in die Vergangenheit sortieren) und dabei seine Gefühle beachten – men darf in der Therapie nur rationale Gefühle haben, mein Fazit, was für eine Farce.
      Was hast du für Nutzen, wenn Dein Therapeut „aktiv in die Gegenübertragung“ geht? Kannst du mir ein Beispiel nennen? Danke im Voraus, s

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      1. Wie kann ich das beschreiben… So manches Mal, kennt aber jeder von uns, dreht man sich im Kreis, steht vor einer Wand. Und da ist es ganz praktisch, wenn das Gegenüber einem das eigene Verhalten spiegelt, eigenen Input hinzufügt und so vielleicht neue Wege eröffnet werden, die man nicht gesehen hätte? Gerade meinem Fall, da ich ja immer alles am Abstreiten in?
        Besser kann ich es nicht beschreiben, außerdem genügte gerade der kurze Blick nach rechts zu deiner Nachricht, auf dem zweiten Bildschirm, und wieder so ein Dejavuegefühl… Sei nur gesagt, ich will ja dass es ausbricht.
        Ganz liebe grüße

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        1. Hallo, danke für den Erklärungsversuch. Ich kann es total nachvollziehen, wie hilfreich neuer Input sein kann. Leider verstehe ich nicht, was „spiegeln“ ist im Fall des Beispieles mit dem Abstreiten. Streitet dann Dein Therapeut auch Dinge ab? Dass Ihr heute einen Termin hattet und so? Bitte entschuldige, ich verstehe es leider nicht, aber viellelicht magst Du mir helfen? lg s

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