221 Psychotherapie hilft: Krisenintervention & Erkrankungen anerkennen

Wikipedia sagt, Psychotherapie ist die Gesamtheit der psychologischen Verfahren zur Heilung oder Linderung von Störungen im psychischen Bereich, in den sozialen Beziehungen, im Verhalten oder auch in bestimmten Körperfunktionen. Ich bin ziemlich Psychotherapie-erfahren. Nach all den vielen TherapeutInnen, Psychiaterinnen, und Angehörigen angrenzender Bereiche, mit denen ich an mir arbeiten durfte: Für welche Probleme bzw. in welchen Lebenssituationen lohnt es sich, Hoffnungen in Psychotherapie zu setzen?

Funktion #1: Krisenintervention. Suizid ist weltweit eine ernstzunehmende Todesursache. Österreich hat unter den deutschsprachigen Ländern laut WHO die höchste Rate: 15,6 / 100 kEW in 2016, Platz 11 in Europa; Litauen hat weltweit die höchste Suizidrate mit 31,9 / 100 kEW. In Deutschland sterben jeden Tag 25 Personen durch Selbsttötung. Diesen Absatz zitiere ich hier im Blog nun bereits zum zweiten Mal; und ich sehe das immer noch genau so wie 2017:

Überlebt habe ich nur, weil mein Mann gefühlt die ganze Zeit meine Hand hielt und meine Therapeutin – eigentlich ohne effektive Maßnahmen parat zu haben und ohne die korrekte Diagnose auch nur zu ahnen – mich regelrecht von Treffen zu Treffen trug. Meistens trug, manchmal zerrte, manchmal schubste – und sie hat es jedesmal richtig gemacht und mich nie geschubst, wenn ich getragen werden musste oder umgekehrt. Aus heutiger Sicht ist es ein Wunder, dass ich das ausgehalten habe und dass meine beiden Helfer keinen Tag locker gelassen haben.

aus 007 Skills-Training (1): über Leben und Tod und Zeitreisen

Eine Psychotherapeutin hat mir zweimal maßgeblich geholfen, mein Leben zu retten (und heute füge ich hinzu: einmal ziehe ich hab, denn 2018 hat sie es leichtfertig gefährdet – und wenn sie die Lorbeeren kriegt, dann muss man auch die Katastrophe platzieren, wo sie hingehört). Ich wollte damals weiterleben, nur konnte ich es mir mit dem damaligen Symptomcluster nicht vorstellen; ich hatte keine Kraft mehr. Einen Ort zu haben, wo ich zumindest für eine Stunde pro Woche nicht extrastark sein musste, hat geholfen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass professionelle Psymenschen geschickt darin sind, meine „jetzt ist Suizid die einzige noch mögliche Option“-Logik auseinander zu nehmen, als auch mich im Leben zu verankern. Und das sie erstaunlich individualisiert hinbekommen, nämlich so, dass es exakt für mich gepasst hat – und funktioniert hat. Und vergleichbare Erfahrungen über hilfreiche Krisenintervention habe ich von Menschen mit psychischer Erkrankung oft gehört.

Die Grenzen der Psychotherapie in akuten Krisen:

  • Niedergelassene Therapeuten bieten normalerweise keine 24h-Rufbereitschaft an, weil das ein Mensch allein nicht leisten kann und dabei gesund bleibt. Bei mir hat es oft geklappt, mich irgendwie bis zum nächsten Termin zu retten, und ich durfte meiner Therapeutin Emails schreiben, die sie fast immer innerhalb von 24h beantwortet hat. Damals hat mir das ein Gefühl gegeben von „wir arbeiten gemeinsam am Problem.“
    Es gibt einige Einrichtungen für akute psychische Krisen von Telefonseelsorge und -hotlines bis zur Akutpsychiatrie, die einem auf unterschiedliche Art helfen können, jetzt sofort für Entlastung zu sorgen.
  • Wenn eine Krise durch reale äußere Bedrohung ausgelöst wird, macht es keinen Sinn, eine Person durch Psychotherapie und Psychopharmaka „belastbarer zu machen,“ damit sie weiterhin ertragen kann, von ihrem Ehepartner oder Elternteil täglich gefoltert zu werden.
    Hilfreicher sind in solchen Fällen Frauenhäuser, Sozialarbeiter und Rechtsberatungen. Bis man jedoch soweit ist, einen solchen (öffentlichen) Schritt zu gehen, kann Psychotherapie sehr hilfreich sein (sofern sie nicht Druck macht, was man nun angeblich sofort tun muss oder funktionalitätsorientiert arbeitet).

Funktion #2. Erkrankung anerkennen. Auf der nach oben offenen Richterskala der seelischen Erschütterung gibt es einen Punkt, an dem selbst wunderbare Partner und nahezu perfekte Freunde nicht mehr weiterhelfen können. Ich hatte psychische Symptome, die mir einen normalen Alltag verunmöglichten. Die Belastung war riesig, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Ich wünschte mich zurück in mein normales Sonnenscheinleben, das ich noch vor wenigen Wochen hatte. Ich hatte davor so gut wie keine Berührungspunkte mit psychischer Erkrankung, und mein Umfeld hatte kaum Erfahrung damit. Ich wünschte mir Gespräche mit jemandem, der Erfahrung mit dieser Problemdimension hatte.

Die Grenzen der Psychotherapie bei psychischen Erkrankungen:

  • Die Tatsache einer psychischen Erkrankung war für mich ein zweischneidiges Schwert: einerseits entlastend, andererseits niederschmetternd. Ich habe tatsächlich 13 Jahre ab der ersten Diagnose meiner psychischen Erkrankung gebraucht, bis ich mir nun selbst erlaube, nicht in allen Bereichen mit gesunden Menschen mithalten zu müssen. Naja, ich bin nicht immer die Flotteste. 🙂
  • Information über eine Erkrankung ist zweifelsohne hilfreich! Achtung, gerade bei psychischen Erkrankungen ist die Fehldiagnoserate enorm hoch: Ich habe knapp 15 Jahre im Psywesen zugebracht bis zur korrekten Diagnose (155 ff.). Es ist der Startpunkt für Austausch unter Gleichdiagnostizierten, für Einfordern innerer und äußerer Rücksicht und (wenn man Glück hat:) einer Behandlung.
  • Für eine korrekte Diagnose gibt es keine Alternativen zur Fachkraft. Für Tipps mit dem Leben mit einer bestimmten Erkrankung können Psychotherapeuten und Ärzte persönlich oder in Buchform gute Quellen sein, aber sie leben nicht mit dem Problem. Für Traumafolgestörungen im Besonderen finden Betroffene den Austausch untereinander hilfreicher – in Internetforen, Blogs, Selbsthilfegruppen uvm. 092
  • Es gibt wirksame Medikamente für bestimmte psychische Erkrankungen, die Psychotherapeuten nicht verordnen dürfen; dafür braucht man einen Psychiater.

Es gibt noch weitere Situationen, in ich Psychotherapie empfehlen kann. Mehr dazu übernächsten Dienstag. // Mehr Gedanken zu Psychotherapie weiterlesen

Wie hast Du Psychotherapie in akuten Krisen erlebt? Hast Du dazu hilfreiche und schädliche Erlebnisse oder nur eines von beidem? Wo hast Du Grenzen von Psychotherapie erlebt? Magst Du davon erzählen?

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. asta sagt:

    Liebe Sonrisa,

    ich bin froh zu lesen, dass es auch anders laufen kann …
    Meine (seit 4 Jahren gesammelte) Erfahrung mit dem (wie Du es so schön nennst) Psywesen hat mich gelehrt, in extremen Krisensituationen professionelle Helfer besser zu meiden.

    Ich kann mich lediglich an 2 hilfreiche Begegnungen aus dem professionellen Bereich in so einer Situation erinnern.
    Eine war die diensthabende Ärztin einer psychosomatischen Klinik, die andere meine ambulante Thera.
    Alle anderen haben mich noch mehr in die Suizidalität getrieben – bis dahin, dass ich es fast getan hätte …
    Meine schlimmen Zustände halte ich schon so lange ich denken kann alleine aus – und es war die Idee der Klinikthera, diese Zustände in den zwischenmenschlichen Kontakt mit Klinikfachpersonal zu bringen … keine gute Idee. Denn in diesen Zuständen bin ich nicht kommunikativ und es hilft nur medikamentöses Abschießen … (ähnlich wie Du es auch mal beschrieben hattest) – Reden bringt mir da statt Entlastung nur noch mehr Druck und Chaos. Nur leider wurden mir Medikamente verwehrt und ich zu Gesprächen genötigt – andernfalls wäre eine Einweisung in die geschüzte Station erfolgt. Ich war noch nie als Patientin – allerdings schon mehrfach als Besucherin auf einer solchen – und ich käme mit der Triggerdichte dort (also für mich ganz persönlich), wenn es mir eh schon schlecht geht, nicht zurecht.
    Ich habe auch schon Termine bei meiner Thera abgesagt, damit ich mich selbst erstmal wieder beruhigen und Abstand gewinnen kann … und sie hat da immer super reagiert. Offensichtlich ist es so, wie eine (andere) Klinikthera mal zu mir sagte: „Ich denke, sie müssen das alleine machen.“
    Muss ich aber gar
    nicht:
    Meine größte Unterstützung sind mein Mann und meine Kinder.

    Fachmenschen brauche ich, um zu verstehen und einzuordnen.
    Mit einer Diagnose konnte ich beginnen, mich zu informieren, hier bevorzuge ich Bücher und für Erfahrungsberichte und -Austausch momentan nur über das Internet, nach einer real-life Selbsthilfegruppe suche ich noch.

    Momentan suche ich nach einer neuen ambulanten Thera, weil meine jetzige in Ruhestand geht … habe dazu gerade aber auch mehr als eine Meinung … zum Glück habe ich Zeit …

    LG asta,
    die noch etwas interne Kommunikation dazu braucht, ob / welche BuJo-Fotos ich Dir schicken kann …

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Asta,
      danke für Deinen KOmmentar. Ich finde mich da sehr wieder mit Helferbemühungen und deren unerwünschten Wirkungen während meiner stuporösen Zustände. Ich finde das ziemlich schlimm zu lesen, dass einem in einer Klinik in der Not das verwährt wird, von dem man weiß, dass es hilft. Konntest Du das vorher kommunizieren? Hat man Dir eine Begrünung genannt, warum man Dir helfende Medikamente verweigert? Ich kenne das aus Kliniken gut… dieses „Paket Konzept“: WENN Sie x wollen, müssen Sie gleichzeitig ja sagen zu y und z.“ Das schränkt die Möglichkeiten auf ein sinnlos kleines Maß ein. Verrückt, echt.
      Darf ich noch was fragen? Wie können Dich Dein Mann und Deine Kinder in Notsituationen unterstützen?
      Viel Glück bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe! Ich mag meine echt sehr!
      Mit lieben Grüßen udn Vorfreude auf die Fotos,
      s.

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