224 die großen Illusionen der Psychotherapie

Insgesamt neun Illusionen der Psychotherapie habe ich in den letzten Monaten gesammelt. Anschließend mag ich mich damit auseinandersetzen, was im Psywesen verbessert werden sollte, damit Therapie transparenter und vielleicht sogar produktiver werden kann.

Wikipedia sagt, Psychotherapie ist die Gesamtheit der psychologischen Verfahren zur Heilung oder Linderung von Störungen im psychischen Bereich, in den sozialen Beziehungen, im Verhalten oder auch in bestimmten Körperfunktionen. Ich bin ziemlich Psychotherapie-erfahren als Betroffene einer schweren Traumaflgestörung. Nach all den vielen TherapeutInnen, Psychiaterinnen, und Angehörigen angrenzender Bereiche, mit denen ich das Vergnügen (in einigen Fällen auch: zweifelhafte Vergnügen) hatte, an mir arbeiten zu dürfen, würde ich für manche dieser vier Probleme Psychotherapie empfehlen und für andere nicht. Warum nicht? Weil sich für mich herausgestellt hat, dass die Psychotherapie für manche dieser Punkte zwar behauptet, eine Lösung anzubieten, aber tatsächlich keine hat. Bisher schrieb ich über:

  • #1. Reden hilft gegen psychische Erkrankungen,
  • #2. Psychotherapeuten und Psychiater sind die optimalen Ansprechpartner bei Heilung von Psychotrauma, und warum wesentliche Grundpfeiler der Psychotherapie dem widersprechen.
  • #3. Psychopharmaka brauchen nur Menschen, die schwach, faul, irr oder ungebildet sind.
  • #4. Traumafolgestörungen sind immer heilbar.
  • #5. Die magische Intervention.

Illusion #6. Wer schwer traumatisiert ist, ist auf Psychotherapie angewiesen, um zu überleben. „Sie offenbar nicht,“ sagt unlängst meine neue Psychiaterin zu mir. „Sie hatten die meiste Zeit in Ihrem Leben keine Psychotherapie und haben in diesen Zeiten echt ganz gut gelebt. Erst Therapiestunde mit Mitte zwanzig, keine Therapie für fünf Jahre, und die nächste freiwillige Therapiepause von 2012 bis 2016. Dann wollten Sie Therapie, aber haben lange nichts Passendes gefunden; bis zur Traumastation 2018. Und seit Anfang 2019 haben Sie sich bewusst gegen Psychotherapie entschieden. Wer sagt, dass Sie welche brauchen? Oder gar Psychotherapie brauchen, um zu überleben?“ Vielleicht hat sie recht – vielleicht braucht das nicht jeder. In der Selbsthilfegruppe merke ich immer wieder, dass ich mit meinen Entscheidungen im Heute echt glücklich bin – das können dort wahrlich nicht alle von sich sagen…

Ich würde den Satz gerne umformulieren: Ich habe zweimal in meinem Leben eine Akutpsychiatrie (als Raumangebot, als Medikamentenangebot) gebraucht – leider -. Akutpsychiatrie und ambulante Psychotherapie sind zwei völlig verschiedene Schuhe. Beim ersten Aufenthalt war ich in ambulanter Psychotherapie und wurde direkt von der Therapeutin ins Krankenhaus begleitet; der zweite war unmittelbar vor einem ambulanten Therapieblock – in beide Fällen konnte also Psychotherapie bzw. Aussicht auf Psychotherapie den völligen Zusammenbruch nicht verhindern. Nach meinem Erwachsenentrauma hat ambulante Psychotherapie einen stationären Aufenthalt verhindern können – dafür bin ich sehr dankbar, weil es in der damaligen Situation echt schwierig gewesen wäre, in ein Krankenhaus zu gehen und Psychopharmaka zu nehmen.


Illusion #7. Nur was man in einer Psychotherapie „durchgearbeitet“ hat, ist abgehakt. Ich habe eine Freudin, die gerade lebensbedrohliche körperliche Probleme hat. Man schickte ihr nach ihrer ersten Notoperation eine Psychologin ans Bett, „um damit umzugehen, dass sie gestern beinahe gestorben wäre.“ Nun macht sie Psychotherapie, weil sie „die Essstörung, die [sie] als Teenager hatte, nie bearbeitet“ hat. Diese Essstörung macht keine Probleme mehr, seit sie vor knapp 20 Jahren zuhause ausgezogen ist. Wo kommt das her, dass man meint, Probleme, die man nicht (mehr) hat, abarbeiten zu müssen? Wo kommt das her, dass nur Psychotherapie gilt, wenn man Altlasten abarbeiten will? Spannend, dass sie nicht anerkennt, das Leben in den letzten Jahren das Problem beseitigt hat? Für mich kann ich sagen: Meine durch Gewalterfahrungen als Kind ramponierte Sexualität wurde „repariert“ durch die Beziehung mit meinem Mann, über zehn Jahre bevor ich überhaupt ahnte, dass es diese Gewalterfahrungen überhaupt gegeben hat. Für mich gilt das! Auch wenn mein Mann kein Psymensch ist! Das was danach vielleicht noch übrig war an „Beschädigung,“ hat keine der professionellen Begleitungen in meinem Leben je auch nur um einen Zentimeter bewegt, auch wenn wir darüber gesprochen haben oder diesbezüglich sogar schriftlich Therapieziele festgelegt haben. Es gab Zeiten, da hätte ich da gern etwas bewegt. Heute bin ich damit zufrieden und manchmal sogar glücklich, wie es ist.


Illusion #8. Man ist schwach durchs Trauma, man ist defekt durchs Trauma – und die Psychotherapie repariert das. Die Traumaliteratur ist insgesamt bei genauerer Betrachtung widersprüchlich und … oft nichtssagend. Zu Weihnachten kamen wir in einer Runde mit Freunden aufs Chinesische Neujahr und die Tierzeichen dort. Wir haben uns dann gegenseitig unsere chinesischen Beschreibungen vorgelesen und rege kommentiert, welche Eigenschaften zutreffen und welche nicht. Währenddessen dachte ich: Kommt mir von der Atmosphäre vor, wie ein Traumabuch lesen, oder einen psychiatrischen Befundbericht, der mit wenig Sorgfalt erstellt wurde – manches passt, vieles nicht. Von daher: Mein Interesse solcher nichtssagenden „Fachleute“-Verallgemeinerungen gegenüber ist stark geschrumpft in den letzten Jahren – sie hatten für meinen Alltag einfach wenig Brauchbares anzubieten. Ich habe 15 Jahre gebraucht, um an den Punkt zu kommen: Manches trifft zu, aber ganz viele Aussagen von sogenannten Traumafachleuten treffen nicht zu. Ich bin nicht schwach, weil ich traumatisiert bin – ich bin sogar ziemlich stark, und kaum eine meiner Therapeutinnen würde aushalten, was ich aushalte. Oft kann jemand, dessen schwierigstes Problem ever die Lateinstunden in der Schule waren (071), meine Problemdimension (nach einer Kindheit mit extremer Gewalt) nicht nachvollziehen, und man glaubt felsenfest daran, dass man mit Steinschleudern auf Elefanten schießen kann, nur weil die Steinschleudern Spatzen immer vertreiben konnten.


Illusion #9. Es gibt „schlechte Psychotherapeuten“, aber wenn man einen guten (den perfekten?) Psychotherapeuten gefunden hat, dann wird man erlöst. Wenn etwas nicht klappt, ist die Patientin schuld, und wenn es nicht an ihr liegt, dann braucht man vielleicht einen anderen Therapeuten, aber die Methodik selbst ist ganz sicher unfehlbar.

Diese Schleife laufen professionelle Helfer sehr schnell: „Helfer sind nicht perfekt. Wir leben halt nicht in einer idealen Welt – face the facts!“ Ja. Eh. Ich brauche keine ideale Welt. Was ich mir gewünscht hätte, wären weniger Illusionen von Beginn an. Rückblickend auf die ganzen Heilsversprechen und der Konfrontation mit deren Inhaltslosigkeit, oder besser: deren mich und eine befreundete Gleichdiagnostizierte betreffende gerade sehr auffällige bisherige Inhaltslosigkeit…

würde ich mir wünschen, dass jeder Behandler, egal ob Physiotherapeut, Chirurg etc. vor jeder Maßnahme bzw. jedem Behandlungsversuch schriftlich bekannt geben muss, was er vor hat von folgenden drei Optionen:

a) Ursachen für Symptome bekämpfen = heilen, Bsp. einen entzündeten Blinddarm herausoperieren

b) Symtome bekämpfen = Folgeschäden vermeiden, Bsp. Insulin bei Diabetes geben (regeneriert die Bauchspeicheldrüse nicht)

c) nur den Patienten unter Druck setzen (anleiten), die Symptome zu übergehen (Funktionalität rauf zum Preis von inneren Druck rauf / Energie runter)

Heute seh ich das so klar… während Therapeuten mir die ganze Zeit von a) schwärmen… am Ende der Maßnahmen enden wir immer – ohne Ausnahme! – beim patient blaming und in der Helfergewalt. Die Medikamente, die ich nehme, sind b) meiner Meinung nach, sämtliche Psychotherapie ist c) oder Vermeidung (die ich auch ohne Therapeutin gut kann!).

Von außen finde ich das so leicht zu erkennen! Eine Freundin erzählt mir, was in (Klinik) mit ihr gemacht wurde, und ich denke: Boa, extrem krasse Form von den Patienten unter Druck setzen (anleiten), die Symptome zu übergehen! … und das Personal entlässt sie mit der Überzeugung, sie hätten die Zwangsstörung um 70% gebessert = geheilt. O.M.G. Wenn es um mich geht, kann ich das leider nicht so klar sehen oder erst ein Jahr im Nachhinein. Ich habe sehr profitiert vom Austausch unter Mitpatientinnen, was die angeblich großartige Methodik in der Psychotherapie angeht.


Wurde Dir schon mal Heilung versprochen, und am Ende wurdest Du nur unter Druck gesetzt, deine Symptome zu übergehen und zu verschweigen? Kommentar? Gern!

Zum ersten Artikel dieser SerieThemen, bei denen Psychotherapie möglicherweise hilft

 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Pollys sagt:

    Liebe Sonrisa, habe mit großen Interesse diesen Beitrag gelesen. Für mich gilt ähnliches – Therapie hat „gelindert“ manchmal – aber meist überhaupt nichts gebracht oder nur verschlimmert. In meinen vielfältigen Therapien habe ich vor allem gelernt, dass nichts dort wirklich hilft. Gelernt habe ich von Blogbeiträgen mit ähnlichen Traumafolgen, dass ich offensichtlich ähnliche Erfahrungen mache wie die, nämlich leiden, leiden, leiden…. das ist eine Weile tröstlich, aber helfen tut es nur insofern, dass man allmählich begreift, dass Leiden auch nicht weiterhilft. Und ich gestehe, dieser Austausch hat mir wesentlich Zeit gekostet, damit mir endlich die Augen aufgingen, wie unnötig ich im Kreis mit geschlossenen Augen immer rundherum lief. Im Nachhinein habe ich gelernt zu erkennen, wie man es besser nicht macht – nämlich immer dort herumzukreiseln und verzweifelt einen Ausweg zu suchen – den es dort wo ich suchte auf keinen Fall gab. Wirklich geholfen hat mir fern zu bleiben, mich von solchen Leidblogs zu entfernen, weil sie wie ein Sog sind um weiter zu leiden. Wirklich geholfen hat mir die Entscheidung, dass ich nicht mehr im Außen suche, sondern mich auf meine Selbstwirksamkeit zu besinnen und der Umgang mit konstruktiven, intelligenten, weitentwickelter Freunde fand, die in einem die positiven Seiten sahen und ehrlich waren und sind. Wirklich geholfen hat mir, zu akzeptieren, dass ich auf dem falschen Dampfer war, dass ich meine Illussionen von Heilung via Therapie los lies und begann Menschen zuzuhören, die schon weiter waren als ich. Geholfen hat mir am meisten, dass ich mich jetzt unter positiv eingestellten Menschen bewege und mit ihnen teilen kann. Inzwischen bin ich nicht mehr allein wie ein Alien, sondern fühle mich als wertvolles Mitglied auf dieser Erde, das seinen Beitrag zu einer helleren Welt leistet, statt sich immer im Dunkeln aufzuhalten und sich krank und kaputt zu fühlen. Amen 😉

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    1. Hallo Pollys, puh, während ich das lese… ich denke nicht, dass ich je in „Leidblogs“ gekreiselt bin. Ich bleibe dort, wo Austausch hilfreich ist, und gehe, wo es mich zu sehr triggert ohne hilfreichen Input. Ich bin aus ehemals gern gelesenen Blogs mehrfach deswegen gegangen, und das ist okay, das darf ich. Du beschreibst das sehr schön: Blogs lesen von Menschen, die schon weiter sind als ich. Und über die Jahre des DIStanzblogs hab ich gemerkt: Das hat nichts mit Zeit zu tun. Es hat nichts zu tun damit, wie lange jemand die DIS Diagnose schon hat (manche haben sie ewig und sind in keinem wichtigen Punkt weiter als ich 7 Tage nach der Diagnose, andere haben sie erst seit ein paar Wochen und ich denke mir: boa, cool, dass die das schon so kann, was ich nach Jahren immer noch nicht hinkriege). „Weiter“ ist auch schwer zu definieren, nachdem ich oft das Ziel nicht kenne, und momentan eher unterwegs bin nach dem Motto: „ich steuere Richtung Seelenfrieden“ und weg bin von „ich will 110% Funktionalität trotz Traumaschaden“ und GSD lange weg bin von „Ich hab doch bitte keinen Traumaschaden!!“
      Und AMEN zu Dienem letzten Satz. Herrlich. Alles Liebe, s.

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  2. nintschgo sagt:

    Hmm also ich finde immer wieder erschreckend zu lesen, dass so vielen Leuten Heilung versprochen wird…die Erfahrung habe ich so (zum Glück!) nie gemacht. Mir wurde immer nur gesagt, ich könnte in der Therapie lernen, mit mancher Symptomatik besser umzugehen, meinen Alltag selbstfürsorglicher zu gestalten, mit meiner „Störung“ gut zu leben – und diese „Versprechen“ sind alle in Erfüllung gegangen. Obwohl ich unvollkommen bin und meine wundervolle Therapeutin ebenso unvollkommen war. Für diese Erfahrung werd ich immer dankbar sein, denn obwohl ich laut Katalog nicht geheilt bin, habe ich heute ein lebenswertes Leben und das ist es doch, woraus es ankommt…

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    1. Hallo, puh… ich frage mich gerade, warum das so ist…? Und erinnere mich dabei an die Erzählung einer guten Freundin, die in einer Klinik war, in der Menschen mit Traumafolgestörung, Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen in getrennten Gruppen behandelt wurde. Jede Gruppe hatte ihr ganz eigenes Schema, etwa: „Traumafolgestörungen sind heilbar, daher arbeiten wir mit denen an Leistungssteigerung.“ und „Persönlichkeitsstörungen sind nicht heilbar, aber die kriegen sehr strenge Regeln von uns, an denen sie sich reiben dürfen! So werden sie gesellschaftskompatibel!“ Ich freue mich, dass sowas bei Dir offenbar wertschätzend gemacht wurde, während sich das in den Erzählungen meiner Freundin nicht so angehört hat („Was bin ich froh, dass ich bei den Traumatisierten war! Alle anderen waren echt arm dort.“).
      Ja, das ist es, worauf es ankommt: ein lebenswertes Leben. 🙂
      Alles Liebe s.

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      1. nintschgo sagt:

        Ich musste grade schmunzeln, denn „Persönlichkeitsstörungen sind nicht heilbar“ ist vielleicht genau der Grund, warum mir das auch niemand versprochen hat. Und ich hatte halt das Glück (nicht beim 1. Anlauf, wohlgemerkt), eine Therapeutin zu erwischen die, genau weil der Kram nicht heilbar ist, einfach nur darauf aus war, die Lebensqualität zu steigern und mir (teilweise auch mit Regeln, die ich aber immer mitbestimmen konnte) zu zeigen, dass ein lebenswerter Alltag machbar ist. Dass das auch meine Leistungsfähigkeit gesteigert hat, stimmt zwar, aber es hat sich nie so angefühlt, als wollte sie mich nur zum Funktionieren bringen. Macht das irgendwie Sinn?
        Nebenbei bemerkt denke ich, dass es reiner Zufall war, dass ich aufgrund der vorherrschenden Symptomatik das Label „F60.31“ bekommen hab – würde ich heute den Fragebogen nochmal ausfüllen, wären die Traumafolgen wohl viel offensichtlicher und vermutlich auch die Diagnose ne andere…

        Na jedenfalls alles Liebe – ich wünsch dir einen von den leichten Tagen 🙂

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  3. purelogik sagt:

    Psychotherapie ist bei DIS noch in Kinderschuhen und ich wollte nur anmerken, dass du absolut Recht hast, dass solch Trauma keine Schwäche zum „reparieren“ ist. Das ist nur Unfug. Bei DIS hat schließlich die Psyche einen Weg gefunden stark genug zu sein. Ich bin, was DIS angeht, etwas merkwürdig, weil mich der Umgang der Welt damit aufregt. Ihr seid eure eigenen Experten im Grunde, andere können nur versuchen Ansätze zu liefern. Ich hoffe ihr kriegt auch Raum selbst neue Lösungsvorschläge zu diskutieren. Viel Erfolg!

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    1. Hallo Purelogic, willkommen im DIStanz-Blog! Ja, die Therapie steckt bestenfalls in den Kinderschuhen. Viel „listening comfort“ wenig wirklich nachweislich Produktives, keine Studien mit Placebo-Therapie vs. „echte“ Therapie. Also nach meiner Definition von Wissenschaft sind wir damit noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Ebenso viel Erfolg!

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