227 Zielphobie

In meinem beruflichen Leben dreht sich viel um Veränderungsprozesse: Wie komme ich so schnell wie möglich mit minimalem Input an ein definiertes Ziel? Schon an der Uni habe ich mich in meinem Hauptfach damit beschäftigt, wie man Ziele für eine Organisation oder einen Staat (beides Zusammenschlüsse von vielen unterschiedlichen Personen) bestmöglich definiert und deren Erreichen begleitet. Zusammenhänge zwischen Produktivität – Perfektionismus – Angst – Bequemlichkeit – Ablenkung begegnen mir täglich in meinem Job.

Seit langer Zeit habe ich gestern wieder einen Vortrag über Produktivität gehört mit dem Wunsch, was ich höre nicht für meinen Job, sondern für meine Traumaheilung irgendwie nutzbar zu  machen. Es hat keine fünf Minuten gedauert, da war mir bewusst: Es meldet sich heftiger Widerstand betreffend „Heilungsproduktivität“ oder „Funktionalitätsoptimierung“, den ich vor zwei Jahren noch nicht hatte.

Was bisher geschah. Erklären kann ich mir den gut dadurch, was ich in meinen Dezember- und Januar-Artikeln (211 ff.) geschrieben habe: Nach hunderten Therapiestunden in 15 Jahren glaube ich nicht mehr an rückstandsfreie Traumaheilung für mich. Jemand hat zu mir gesagt: „Du kannst nicht  permanent gegen Symptome kämpfen und gleichzeitig Frieden haben. Du wirst dich entscheiden müssen.“ Ich habe mich entschieden: Nach so vielen Selbstoptimierungsversuchen möchte ich meine nicht (sofort) sichtbaren Behinderungen annehmen und mir ein Leben mit ihnen einrichten, anstatt weiter gegen sie in den Krieg zu ziehen.

Der Vortrag deckt sich gut mit meinem Studium: Ich erinnere mich an den SMART-Anspruch, ein echtes Projektmanagement-Basiswissen. Ziele danach zu definieren hat  auch privat für mein Leben bisher super funktioniert (Bsp. ein Studium in der Mindestzeit abschließen). Meinen Widerstand finde ich gerade gesund: Ich erreiche meine Ziele gewohnheitsmäßig, dadurch steigere ich meinen Wohlstand, aber mir offenbar so viel Funktionalität abringe, dass mein System darüber in Not gerät. Während ich das SMART-Prinzip für die Arbeit in Organisationen immer noch oft hilfreich finde, verweigere ich für meine Traumaheilung … alles davon!

  • Ich darf auch unspezifische Ziele haben, wenn ich sie (noch) nicht besser formulieren kann. What gets measured, gets managed, will vielleicht nicht sagen, dass Messbarkeit der einzige Weg zum guten Umgang mit einem Problem ist.
  • Mein subjektives Wohlbefinden möchte ich als nicht-so-recht-messbares Kriterium zulassen.
  • Meine Ziele müssen nicht einer bestimmten Innenperson zuordenbar sein, und
  • schon gar nicht brauche ich sie time-bound.

Na gut, ich finde weiterhin, dass meine Ziele realistisch sein sollten, aber träumen ist auch erlaubt. Erst als ich diesen Beschluss fasse, sämtliche Grundregeln der Zielfindung zu brechen, profitiere ich vom Vortrag.

Welche Ziele wähle ich aus?

  • Es gibt Menschen, die können sich kaum auf Ziele festlegen. Wenn alles so ist, wie sie es sich erträumen, dann braucht’s auch keinen Veränderungsprozess und keine Reflektion. Wenn Menschen gar nicht wissen, wofür sie sich begeistern, haben sie zu wenig ausprobiert; und das sollte das erste Ziel sein.
  • Meistens gibt es ganz viele Ziele, für die die Lebenszeit nicht reicht oder die einander widersprechen: Man kann nicht gleichzeitig Eiskunstläuferin und Gewichtheberin werden.

Letzteres ist eher mein Problem, v.a. seit das Vielesein bewusster wird: Ich muss anerkennen, dass es unvereinbare Berufswünsche gibt, und dass meine derzeitige Wohnform (super fürs Alltagsteam) für einige unerträglich ist (die hätten lieber asketischen Rückzug). Dazu mag ich eine Geschichte von Warren Buffett (muss man den Namen erklären? Wohl eher nicht… 83 Millarden Dollar Vermögen) erzählen. Ein Mitarbeiter fragt Warren, wie er Ziele priorisiert, und bekommt folgende Übungen:

  1. Schreibe 25 Ziele aller Lebensbereiche auf, die du erreichen willst, bevor du stirbst.
  2. Markiere die fünf wichtisten davon.

Der Mitarbeiter hat seine Liste gemacht und markiert und meint: „Ich weiß, worauf du hinauswillst. Du sagst mir jetzt, ich soll meine ganze Zeit in diese fünf stecken und mich mit den anderen nur beschäftigen, wenn ich gerade nichts zu tun habe, oder?“ – „Nein. Diese fünf sind deine to-do-Liste. Die anderen zwanzig sind deine don’t-do-Liste, denn das sind die mächtigsten Ablenkungen von deinen eigentlichen Zielen.“

Aus einigen Traumaliteraturbüchern (Bsp. v.d.Hart 169 ff.) ist mir in Erinnerung, dass traumatisierte Menschen angeblich Probleme mit der Komplexität des Lebens haben: auf eine Sache konzentriert, klappt das Leben, kommen mehrere Dimensionen dazu, bricht es zusammen. Spannend, dass Psychiater Komplexität für gesund halten, und Warren Buffett zu drastischer Simplifizierung der Lebensziele rät…

So schreibe ich meine Liste – losgelöst von Leistung, Finanzen und Funktionalität – und streiche, und das, was übrig bleibt, verursacht keine inneren Widerstände:

  1. Mein Mann soll sich jeden Tag seinen Lebens geliebt fühlen.
  2. Ich möchte mein Kind ins Leben begleiten.
  3. Ich möchte zehn Minuten jeden Tag leben (nicht nur überleben).
  4. Ich möchte wenige, aber tragfähige Freundschaften.
  5. 2021 Japan bereisen.

Wow. Erst wenn ich eines davon abgearbeitet habe, darf ein neues nachrücken – und eigentlich sind nur (2) und (5) Ziele, die irgendwann erledigt sein werden. Weiterlesen nächsten Dienstag…

Zu einem früheren Artikel zum Thema Lebensziele

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s