241 über das Verbrechen, den Traumaschaden und Eigenerfahrung

Über das Verbrechen. „Verbrechen bestraft man. Einmal der Abschreckung wegen. Zweitens um die Verbotsnorm aufrechtzuerhalten, denn ein Verbot, auf dessen Übertretung keine Sanktion folgt, ist nicht existent. […] Was die Strafrechtstheorie nicht kümmern muss, ist das Opfer. Gleichwohl ist für das Opfer die Strafe von hoher Bedeutung. Nicht, weil sie die Rachebefürnfisse erfüllt, denn das tut sie meistens nicht. Sondern weil die Strafe die Solidarität des Sozialverbandes mit dem Opfer demonstriert. Die Strafe grenzt den Täter aus und nimmt damit das Opfer herein.“ Reemtsma (1996) 215 f.

Jan Philip Reemtsma bekam die Solidarität des Sozialverbandes für seine Entführung. Viele Opfer von sexualisierter Gewalt bekommen das nicht und sind deswegen – nach den Schäden der Gewalttat – auch noch von der Gesellschaft behindert in ihrer Heilung. Täterfloskeln prägen sich enorm ein (wie in Reemtsmas Fall: „de-luxe-Entführung“), und werden später von anderen fortgeführt (von den Medien) und richten so noch mehr Schaden an. Dass man als Opfer bricht mit diversen Anschauungen, ist wichtig! Und so schwierig, wenn man kraftlos nach der Gewalterfahrung zurückbleibt. Hallo Welt! So etwas wie eine de-luxe-Entführund oder de-luxe-Vergewaltigung gibt es nicht! Es war einfach nur schrecklich!

Man misst eine Tat an ihrer grausamsten Variante und lässt sich alle Abweichungen „nach unten“ als mildernde umstände Zurechnen. Und wenn die Tat nicht dem ausgelobten Ideal entspricht, sind alle anderen schuld. 33 Tage angekettet im Keller? Ja, da hätte sich eben die Polizei mehr zurückhalten sollen und die Geldboten besser funktionieren. Und dafür, daß man ihn zusammengeschlagen hatte, konnten am allerwenigsten die etwas, die ihn zusammengeschlagen hatten: Hätte er sich doch einfach nicht gewehrt! (S. 59)

Gewalttaten wie Entführungen oder Vergewaltigungen erzeugen eine ungewollte Intimität mit den Gewalttätern. Menschen mit solchen Erlebnissen neigen dazu, diese Intimität zu bewahren durch Schweigen. Der Grund dafür sind Gefühlen der Scham, Schande und sogar Schuld. Es ist eine Leistung und hernach Befreiung für die, die diese Intimität und ungewollte Komplizenschaft durch Öffentlichkeit bewusst zerstören können.

Es stimmt: Was einen zurückhält in Mitteilungen über das eigene Innenleben als ehemaliges Opfer, sind Scham, Schande und (eingebildete) Schuld, und wenn man großes Pech hat auch noch Angst vor erneuten Übergriffen durch denselben / dieselbe_n Täter_in/nen. Ich stimme zu, dass ein oder mehrere Orte, an denen man die Folgen von Gewalttaten nicht verstecken muss, wichtig sind für den eigenen Seelenfrieden – das kann ein Blog sein, ein Internetforum, eine Selbsthilfegruppe, ein_e Therapeut_in, aber im günstigsten Fall ein_e Freund_in und hoffentlich die_der Beziehungspartner_in. Für mich war das in meiner Traumabearbeitung das einzig Hilfreiche: dass dieses nach-außen-Tragen eine ungewollte Intimität zerstört. Denn Traumasymptome (Schlafstörung & Co) geheilt hat diese Maßnahme nämlich nicht wie von Therapeuten versprochen.


Vom Traumaschaden.

  • Es ist schwierig, sich von diesem Irrsinn wieder zu befreien, und die Zeit hat mir deutlich gemacht, daß deses so ganz einsehbare und objektiv vernünftige Gefühl der Sympathie mit den Verbrechern nicht das Geringeste ist, was sie mir angetan haben. Es ist wie eine Schändung, und der Verlust der Fähigkeit, in eigener Sache hassen zu können, läuft auf eine psychische Deformation hinaus. (S. 187)
  • [Man kann sich] von einem bestimmten Moment an auf seine Befreiung nicht mehr „richtig“ freuen. Die Fähigkeit, sich zu freuen, ist beschädigt. […M]an meint, in die Welt, in die man wieder entlassen wird, nicht mehr wirklich zu passen. (S. 209)
  • Man will nur die ganze bagage nicht mehr, die Last nicht wieder aufnehmen, nachdem einem die Fähigkeit, sie zu tragen, so sehr beschädigt wurde.

Wow, ich habe bisher nirgendwo sonst jemanden Dinge sagen hören, wo ich dermaßen aus tiefster Seele rufen will: „I can relate to that!“ Für mein Trauma im Erwachsenenalter stimmen diese Aussagen 100%. Das Problem mit dem Trauma in der Kindheit ist: Es gibt keine vorher-Referenz und keine vorher-Identität.

  • Es ist nicht verwunderlich, daß ein Erlebnis wie die 33 Tage im Keller ein in vieler Weise beschädigtes Sensorium hinterläßt. Nervosität prägt den Tag; Unwilligkeit, fast Unfähigkeit, auf irgend etwas zu warten (man muss sich überaus anstrengen, um die für den Alltag nötige Contenance zu bewahren); plötzliche Geräusche erschrecken oder machen einen vor Wut fast unsinnig; […] man ist außerordenlich leicht kränkbar. (S. 215) Eine Reprise der Kombination von dumpf machender Verzweiflung und ständiger erregter Erwartung. (S. 212)

Eigenerfahrung. Das Erlebnis ist nicht neu, dass sich eine Verbindung aufbaut mit Gleichgeschädigten, während der Kontakt mit professionellen Helfern ab einem bestimmten Punkt einem Kampf ums Verstandenwerden gleicht. Sie ringen sichtlich um Verständnis! Aber am Ende finden keines in sich:

„Ich weiß, dass mich verstehen wird, wer so etwas erlebt hat. Alle anderen müssen es sich gesagt sein lassen. […] Es ist nicht „das und das, bloß schlimmer.“ Es ist ganz anders. (S. 196)

Ich weiß, dass meine Fachärztin Bücher liebt. Ich erzähle ihr, dass ich gerade den Reemtsma lese. „Dieses Buch wurde mir auf einer Traumatagung empfohlen! Ich glaube, das war die Reddemann, die das so gelobt hat.“ Und da denke ich: Man sollte Traumadienstleister einfach rauskürzen aus der Gleichung… dem Lösungsweg zur hypothetischen Traumafreiheit… herausnehmen aus der Stille-Post-Kette. Traumadienstleister müssen viel lesen und zuhören, und am Ende… Ich für mich jedenfalls fühle mich besser aufgehoben bei denen, die mich verstehen, als bei denen, die es sich gesagt sein lassen müssen. In den Lehrbüchern stehen die verkrüppelten und verzweifelten Verständnisversuche und sonstiges passiv-Knowhow zu Traumathemen. In Büchern wie dem vom Reemtsma steht… die Traumarealität. Ich frage mich, ob Fachleute das überhaupt verstehen, wenn sie es lesen… oder ob sie mit Verständnis kämpfen, so wie ich es von ihnen gewohnt bin.

Zum Beispiel schreibt die Psychiaterin (und landesweit-Traumatherapeutenausbildnerin) in ihrem ersten Berichte über mich, ich wäre im Gespräch immer wieder „unangemessen heiter.“ Wir hatten uns nach meinem ersten Aufenthalt auf der Akutpsychiatrie kennengelernt. Der Begriff hat mich damals verstört – ich fand es erfreulich, dass ich meinen Humor wiedergefunden hatte nach einer Phase akuter Suizidalität. Ich habe schwarzen Humor, bin dreifach gesegnet mit Sarkasmus und das ist keine krankheitswertige Störung, die ich gerne loswerden möchte! Das sind Skills!, finde ich nach hunderten Therapiestunden.

Wenn man etwas zum Leben und zum Überleben braucht, ist es Ironie. An ihr hat man mehr als an Mut oder Hoffnung. (S. 85)

Und der Austausch mit Gleichgeschädigten ist u.a. deswegen hilfreich, weil es einem ein Stück Empathiefähigkeit mit sich selbst zurückgibt:

Hilfreich ist das Verständnis für andere, denen ähnliches passiert ist, das mir leichter fällt als das Verständnis mit mir selbst.

Reemtsma schreibt über die emotionale Isolation, die ein Trauma selbst mit den am engsten verbundenen Menschen macht, folgenden Satz:

Sie [seine Frau] kannte das Gefühl selbst. Sie wußten, dass sie nur nebeneinander sitzen konnten,beide in ihren Gefühlen isoliert, aber mit einer Hand als Brücke.

Das waren nun echt viele Zitate. Welches magst Du am liebsten? Ist eines dabei, das Du gar nicht magst? Kommentar? Gern!

Empfohlene Literatur:

JP Reemtsma (1996) Im Keller. Rowohlt Taschenbuch: Hamburg.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. nintschgo sagt:

    Obwohl ich den ganzen Beitrag lang gedacht hab „Ja, absolut – stimmt, stimmt, stimmt!“ muss ich sagen, mein Lieblingszitat ist das zum Thema Ironie – ich hab irgendwann festgestellt, dass es überhaupt keinen Sinn macht, über Traumathemen mit Menschen zu sprechen, die schwarzen Humor nicht gut nehmen können. Das ist ein echt guter Indikator um festzustellen, ob man zumindest ansatzweise verstanden wird. Danke für den Beitrag!

    Gefällt 1 Person

    1. … ich finde auch, es ist ein bisschen ein Indikator für „selbst betroffen sein“ – nicht-Betroffenen entgleist bei Ironie zu sowas meistens die Mimik vollkommen. Nicht lustig. lg s.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s