251 Islamischer Staat und seine Sex Sklavinnen – Nadia Murad

Nadia Murad wurde 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der deutsche Titel Ihres Buches ist „Ich bin eure Stimme“ – und es ist erschütternd, beängstigend und entsetzlich, aber auch erleuchtend, wie der Islamische Staat mit „Ungläubigen“ umgeht, deren Gebiete er erobert (die Männer töten, die Frauen als Sexsklavinnen verkaufen).

Gleichzeitig ist es ein Buch des Trostes…

Nadia Murad beschreibt nach ihrer Flucht aus dem Haus ihres letzten Peinigers (Besitzers?) Momente des gemeinsamen Weinens und gegenseitigen Tröstens, des Betens, und auch von der Wiedersehensfreude mit Familienmitgliedern später im Flüchtlingscamp. Sie erzählt vom Trost, den ihr ein Tag in einem jesidischen Tempel gespendet hat. Sie beschreibt den Schmerz, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu fliehen… und die Zeit mit ihrer Schwester und anderen Frauen in einer kleinen Wohnung dort.

Zu unterschiedlichen Hilfsangeboten nimmt sie kurz Stellung, etwa dem Angebot noch im Flüchtlingscamp im Irak von Chirurgen, den „jungfräulichen Status“ durch einen 20min-Eingriff wiederherzustellen (was sie ablehnt, weil es ihr unlogisch erscheint, wie das alles wieder gut machen soll). Zu Psychotherapie sagt sie:

„Wir besuchten Deutschkurse und ließen uns im Krankenhaus untersuchen. Manche von uns versuchten es mit den angebotenen Therapiesitzungen, die für uns beinahe unerträglich waren.

Murad 2017 (Hörbuch 2019: Epilog 6:21 min)

Ende! Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Ich frage mich, wie ich Psychotherapie bewertet hätte, wenn ich nicht in einer Gesellschaft aufgewachsen wäre, die davon überzeugt ist, dass Psychotherapie das wirksame Mittel gegen psychische Beeinträchtigungen wäre. Hätte ich auch dann das Helferwesen 15 Jahre lang durch seine Mangel gedreht? Oder hätte ich es wie Nadia Murad in einem Halbsatz erledigen können?

Baden-Württemberg (jenes Land, in dem Nadia Murad nun lebt) hat 95 Millionen Euro Finanzmittel zur Verfügung gestellt, damit die geflohenen Jesindinnen an einem für sie entwickelten dreijährigen Psychotherapieprogramm teilnehmen können. „Die meisten“ betroffenen Frauen haben Psychotherapie abgelehnt, schreibt die Stuttgarter Zeitung. Wieso kann die Mehrheit für sich die Entscheidung fällen, das Gespräch mit nicht-Betroffenen s*x**lisierter Gewalt, nicht-Jesidinnen, nicht-Völkermorderfahrenen und nicht zuletzt nicht-Kurdischsprachigen abzulehnen? … und ich bin so lange überzeugt davon gewesen, dass in solchen Gesprächen mit nicht-Betroffenen irgendeine Hilfe oder irgendein Trost liegen kann?

Wer ist hier der Gewinner? Hätte man bloß die 95 Millionen nicht den Therapeuten gegeben, sondern den Betroffenen…

Kommentar? Gern!

PS: 5 von 5 Empfehungssternen für das Buch!

Mehr Infos zum Thema:

Murad N. 2017: The Last Girl. My Story of Captivity, My Fight Against the Islamic State. Tim Duggan Books.

Schiermeyer M.: Viele der Frauen noch nicht in Therapie in Stuttgarter Zeitung 24.9.2016

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. DISsenseME sagt:

    Liebe Grüße,

    Die meiste Hilfe, die wir durch die Therapie bekommen, sind Vorschläge für Copingstrategien.

    Wir haben das Problem, dass die meisten Strategien, die man so findet, bereits von einigen früher genutzt wurden – nicht alle von einem/einer von uns, aber verschiedene von uns haben verschiedene gängige Strategien für sich genutzt. Das hat damals denjenigen, die diese nutzten, geholfen. Damit sind diese Strategien bei anderen von uns oft negativ besetzt, weil es dazu führte, dass diese wohl automatisch „wegdrückt“ oder „ignoriert“ würden. Finden wir keine Strategie, mit der wir alle leben können, versuchen wir an den bekannte so lange zu feilen, bis es hoffentlich passt. Das ist die Arbeit, die wir in der Therapie zur Zeit machen.

    Was das Ablehnen von Hilfe in Deutschland angeht, scheint immer noch die Vorstellung vorzuherrschen, dass man nimmt und auch nehmen muss, was man kriegen kann, wenn es einem schlecht geht – anderenfalls ginge es einem noch gut – unabhängig davon, ob es ein Therapieplatz, Medikamente oder ein Klinikplatz sind. Man muss beweisen, dass man Hilfe braucht, auf die Hilfe, die man will, einen Anspruch hat und auch, dass es nicht hilft, wenn man nimmt, was man kriegen kann.

    Letztens fragten wir in einer Klinik danach, auf den letzten Platz der Warteliste gesetzt zu werden, weil wir einen Versuch in einer WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen) starten wollen und dort erstmal überhaupt ankommen wollen. Da wurde uns gesagt, dass das nicht gemacht wird und wir noch eine Woche Zeit hätten uns zu entscheiden. Das bei Wartezeiten von einem Jahr und länger. Es wird lieber eine Woche gewartet, als den Platz direkt zu vergeben und uns einfach auf das Ende der Warteliste zu setzen – als ob für uns eine Woche reichen würde, um eine solche Entscheidung treffen zu können…Uns will man schon nicht glauben, dass es so lange Wartezeiten auf qualifizierte Therapieplätze gibt.

    Unserer Einschätzung nach können wir froh sein, wenn wir mit unseren Beschwerden überhaupt ernst genommen werden und nicht alles in die Schublade „unmotiviert“ oder „Psyche“ gesteckt wird.
    Es geht den Ärzten, selbst unseren behandelnden Ärzten ging es zu Anfang so, und Gutachtern überhaupt nicht in den Kopf, dass die Auswirkungen des Viele-seins auf jeden von uns unterschiedlich sind und das das sichtbare Beschwerde-Bild – egal ob psychischer oder körperlicher Natur – nicht nur von Tag zu Tag schwanken kann, sondern auch von Stunde zu Stunde – dass wir keine gleichmäßige Leistungskurve bzw. gleichmäßiges Leistungsniveau haben.

    Test, die gemacht werden, sind für Einsmenschen und auch für diese Bevölkerungsgruppe validiert – die Prüfer selber sind in dem Krankheitsbild ungebildet. Entschuldigung, aber anders können wir das nicht nennen. Wenn man einmal davon gelesen hat und ein ähnliches Krankheitsbild gesehen hat, ist man zumindest in unseren Augen und auch in den Augen vieler Fachleute nicht automatisch qualifiziert. Dazu bedarf es Jahre an Erfahrung mit dem Krankheitsbild. (Wir wollen nicht wissen, was man alles mit uns gemacht hätte, hätte ich von uns, Fluse, nicht aus Antrieb durch andere von uns und aus eigener Unsicherheit an den gegebenen Diagnosen nach Fachleuten gesucht. Wenigstens sind uns die Mühlen durch die ganzen Falschdiagnosen erspart geblieben. Auch wenn es für mich von uns immer noch schwierig ist, das ganze voll zu begreifen und alles daran zu akzeptieren.)

    Uns unterstellt man dann bei der Auswertung, obwohl wir nach Kräften mitgemacht haben – man uns davor, dabei und danach nach Kräften getriggert hat – eine „fehlende Leistungsbereitschaft“. Wir könnten nicht einmal ohne den Bericht, den wir vom Anwalt erhalten haben, sagen, dass wir durchgängig getriggert worden sind, weil wir nicht hätten sagen können, womit.
    Bei einer Aufgabe sollen wir „auffällig“ gewesen sein, weil der Test so ausfiel, wie in einer Probegruppe, die nur raten konnte – „Ja, das haben wir“, höre ich es von innen tönen. Genau das haben wir gemacht, weil der Test bei diesem Aufbau nichts anderes für uns zuließ. Man hat uns eine gewisse Anzahl (irgendeiner sagt 40 oder 50) an einfachen Bildern hintereinander gezeigt für maximal 3 Sekunden pro Bild – anschließend sollten wir uns möglichst schnell zwischen 2 Bildern entscheiden, welches von diesen wir gesehen hätten… Einige sagen, dass der Typ auch noch die ganze Zeit dabei auf uns eingeredet hat. Fail! Und das von einem, der darauf spezialisiert sein soll, validierte Test durchzuführen. Ist er wahrscheinlich auch – für Einsmenschen.

    Wir wollten keine unnötigen Medikamente nehmen und schon mal gar keine, von denen wir nicht überzeugt sind, diese wirklich zu brauchen. Wir müssen nicht noch mehr sediert werden, als wir es schon durch unsere Funktionsweise zum Teil sind.
    Unsere Psychiaterin hat dies zum Anlass genommen, uns 2 Jahre keine Schmerzmittel gegen Muskelschmerzen verschreiben zu wollen, weil wir ihr „vorher noch nie so vehement“ gesagt hätten, dass wir wirklich etwas bräuchten. Die Aussage kam übrigens laut meinem Mann ca. 5 Minuten nachdem ich (Fluse) von uns gefragt habe, ob keiner von uns denn vorher von den Schmerzen erzählt hätte. Ich von uns habe wirklich Panik bekommen, ob sich alle an die Absprachen halten, die wir treffen. Wir haben nicht nur von den Schmerzen erzählt, wir haben nach Schmerzmitteln bei Bedarf gefragt, weil wir sie nicht jeden Tag pro forma nehmen wollten.

    Es gibt nur wenige Ärzte zu denen wir alleine gehen. Das sind die, denen wir uneingeschränkt vertrauen, weil sie uns ernst nehmen. Sie sind auch nicht mit allem einverstanden und haben ihre Bedenken, aber sie halten damit nicht hinterm Berg. Sie erwarten von uns nicht, dass wir alles mit uns machen lassen. Wir erwarten auch nicht, dass sie alles machen, was uns in den Kopf kommt. Wir und sie aber erwarten, dass darüber geredet wird und zwar ehrlich – nötigenfalls mehrfach.

    Wenn man also nicht nimmt, was man kriegen kann, dann wird zumindest bei den Gutachtern so getan, als ob es einem besser ginge als man sagt und diese selber messen. Auch wenn wir nach Kräften mitmachten, dann machen wir auch alles verkehrt, weil wir bei dem, was wir erzählen auf jeden Fall übertreiben müssen und die Ergebnisse dermaßen unterdurchschnittlich sind, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen könne. Dass diese Gutachter selbst dafür sorgen, auf die Idee kommen diese nicht.

    Und was ist mit uns: Wir müssen alles mit uns machen lassen und überall mitmachen, denn dazu sind wir allen Gutachtern gegenüber gesetzlich verpflichtet. Wir müssen vor Wildfremden über das sprechen, von dem wir selber nicht einmal sicher sind, was genau war und was nicht – nicht einmal, nicht zweimal – nein, nach 2 Jahren hat das immer noch kein Ende.
    Da will die Kasse einen Fragebogen beantwortet haben – am liebsten auf 2 DIN A4 Seiten – der unser komplettes Leben samt allen irgendwie traumatischen Erlebnissen umfasst – am liebsten mit Erinnerungen und reflektiert natürlich, dort sollen wir in die Klinik, hier ein Gutachter der Rentenversicherung, für den Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen demnächst ein Richter. Wir müssen uns von dazu ungebildeten Wildfremden triggern lassen und hinterher anhören, dass wir Simulanten seien, weil andere mit einem anderen Krankheitsbild im Durchschnitt bessere Ergebnisse erzielt hätten.
    Gute Ergebnisse haben einzelne von uns auch früher geschafft – es ist unser Problem, dass wir das jetzt nicht mehr können.

    Manch einer von uns, der die Therapie gerne mit uns und der Therapeutin angefangen hat und mit der Therapeutin gerne daran arbeitet, besser mit anderen von uns zusammen zu arbeiten und den Alltag irgendwann gut bewältigen zu können und hoffentlich irgendwie arbeiten zu können, hat inzwischen die Überzeugung, dass es nicht wirklich um Hilfe ginge, sondern möglichst viel Druck auszuüben, in der Hoffnung, dass wir auf Grund dessen auch noch den letzten Rest an Achtung vor uns aufgeben und uns einer Hilfe für nicht würdig halten oder während dieser Hilfe im Innen alle ignorieren, die nicht leisten können, was von ihnen im Außen erwartet wird.

    Theoretisch könnten wir nein sagen, zu dem, was uns nicht gut tut, aber dann fallen wir praktisch durch alle sozialen Netze. Und das würde noch mehr Druck für die Menschen bedeuten, die uns schon ohnehin über ihre Belastungsgrenzen hinaus helfen, weil sie mit uns leben wollen/müssen. Alleine das hin und her fahren – was das an Zeit verschlingt… Wir wollen keine Belastung sein, wo wir keine sein müssen – egal für wen – also kämpfen wir.

    Unserer Meinung nach, sind nicht nur wir im Sinne des Wortes krank, sondern das System auch, in dem man uns „versucht zu helfen“. Aber was uns hilft und nicht hilft, wird ungerne gehört. Schlimmer noch – es wird ignoriert, was wir sagen und uns zum Vorwurf gemacht, dass es nicht hilft, was uns, der Meinung anderer nach, helfen sollte oder dass wir auf Hilfe so lange warten müssten.

    Können sehr gut verstehen, warum so viele Frauen das Angebot nicht angenommen haben. Wir würden am liebsten auch mit keinem mehr Sprechen müssen, der uns nicht behandelt oder nicht durchgängig behandeln wird. Das hilft einfach nicht, sondern macht alles für uns und auch unser Umfeld nur unerträglicher, verschlingt Zeit und Ressourcen und ist nur noch erniedrigend.

    Entweder man glaubt den Menschen, die um Hilfe bitten und ihren Behandelnden oder man glaubt ihnen nicht. Dieses Zwischending mit einem Gutachter und noch einem Gutachter und noch einem Gutachter, der in wenigen Stunden beurteilen soll, was sich die Behandler nach Monaten erst zutrauen, ist ein Unding. Und durch diese Mühlen sind die Frauen bestimmt auch gegangen oder hätten durch diese gehen müssen. Woher solle das System denn sonst wissen, ob diese oder jene Frau nun wirklich Anspruch auf eben diese geförderte Hilfe hat und diese auch wirklich braucht…

    So sehen wir es zumindest: Da muss sich etwas ändern.

    Damit eine gute Nacht und bis bald.
    Fluse

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Fluse, danke für diesen Kommentar. Puh, ich finde mich an vielen Stellen wieder. „Theoretisch könnten wir nein sagen, zu dem, was uns nicht gut tut, aber dann fallen wir praktisch durch alle sozialen Netze.“ – Wahnsinn, echt. Ich kann nein sagen, aber nur, weil ich finanziell abgesichert bin (nicht unbedingt aus eigener Kraft, eher durch meinen Mann). Und ich empfinde das inzwischen als großen Luxus! Ich DARF die Therapieindustrie verlassen, nach 15 Jahren, weil sie meiner Meinung nach kein Hilfsangebot mehr für mich hat.
      „Es gibt nur wenige Ärzte zu denen wir alleine gehen. “ – Ich war seit 2016 nicht mehr bei einem Psychiater/Psychotherapeutin ohne die Gespräche lückenlos aufzuzeichnen. Denn es werden ständig Absprachen gebrochen VON DENEN, die angeblich nicht existiert haben (nur hab ich die Absprachen und Zusagen auf Tonband zum jederzeit nachhören). Ich habe in diese Berufsstände KEIN Vertrauen mehr… nach 15 Jahren Erfahrungen.
      „Aber was uns hilft und nicht hilft, wird ungerne gehört. Schlimmer noch – es wird ignoriert, was wir sagen und uns zum Vorwurf gemacht, dass es nicht hilft, was uns, der Meinung anderer nach, helfen sollte oder dass wir auf Hilfe so lange warten müssten.“ Ja. Detto. … nur dass ich nicht mehr der Meinung bin, ich sollte auf irgendeine Hilfe lange warten – es gibt für mich keine sinnvollen Hilfsangebote, die mein Gehirn verändern. Ich lerne jetzt, damit zu leben, wie es ist. Und seitdem geht es mir viel besser! … denn das ganze Kämpfen fällt weg.
      Mit Gutachtern hab ich zum Glück bessere Erfahrungen machen dürfen als Du… das kingt schrecklich…
      Mit der Warteliste habe ich gleiche Erfahrungen wie Du: Die Klinik hat genau NULL Bereitschaft, den Aufenthalt irgendwie an mein Berufsleben anzupassen: Es gibt Hochsaison – und da kann ich mich nicht in die Klinik legen. Es gibt Nebensaison, da ghet das eher. Darauf wurde überhaupt keine Rücksicht genommen, und ich frage mich wirklich, warum nicht… Was hat der Staat davon, die Leute zu einer Wahl zu zwingen: für deine Genesung ODER für deinen Job, wo man doch beides gern hätte… ich versteh es nicht, aber insgesamt wurde in der Klinik an vielen subtilen Stellen klar gemacht, dass man hier der Bittsteller ist, dem gnadenhalber geholfen wird. … und dann wurden über 50 000 EUR für die Hilfe mit meiner Krankenkasse abgerechnet. Für eine Maßnahme, die in einem Suizidversuch endete. Meine Meinung ist felsenfest: Von diesen Hilfsmaßnahmen haben nur die Helfer was – einen sicheren, sehr gut bezahlten Job mit sehr wenig Verantwortung – denn schuld ist immer der Patient.
      Lieben Gruß, s.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s