Traumafolgestörung

Störung. Hm. Kein schönes Wort. Ich meine damit, ich fühle mich von Extrembelastungen, die andere Menschen zum Glück nicht erleben mussten, „gestört“

  • in meiner Lebensgestaltung, in meiner Entscheidungsfindung, in meinen Möglichkeiten,
  • in meinem Alltag,
  • in Beziehungen zu meinen Mitmenschen,
  • in meinem Handeln und vor allem in meinem Fühlen.

Fachleute sagen mir alle dasselbe: Traumafolgestörungen sind die Reaktion eines gesunden, normalen Gehirns auf extreme, ungesunde, abnormale Belastungen, in meinem Fall auf anhaltende, völlig abnormale Hochstresserfahrungen in der frühen Kindheit. Nun ist mein Gehirn erwachsen und ich versuche, ihm jene Lernerfahrungen zu gönnen, die es „falsch“ oder „gar nicht“ gelernt hat.

Was ist eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (k-PTBS / k-PTSD)? (F43.8 oder .9 oder F44.7)

Im Gegensatz zu einer „einfachen“ PTBS (F43.1; als ob eine PTBS jemals einfach wäre…), entstand eine komplexe PTBS aufgrund von besonders schweren und / oder langjährigen Traumatisierungen. Hier geht’s zu einer Definition.

Was ist eine dissoziative Identitätsstruktur? (F44.81)

DIS ist die schwerste Form der Traumafolgestörung nach schwersten, langanhaltenden Misshandlungen, die vor dem 5. Geburtstag begonnen haben (müssen); ich habe bisher keinen Fallbericht gefunden, der nicht sexualisierte Gewalt eingeschlossen hätte. Die Prävalenz von DIS in der Bevölkerung wird auf 1% geschätzt* (Chu et al. 2011) . Im Diagnosekatalog ICD-10 wird DIS als dissoziative Identitätsstörung aufgeführt; der alte Name dafür ist jener, der in den Medien bis heute verwendet wird: multiple Persönlichkeit. Hier geht’s zu einer Definition dafür und hier kannst Du mehr lesen zu DIS für Einsteiger.

Was ist DDNOS? (F44.9)

Dissociative Disorder Not Otherwise Specified (DDNOS) und DIS unterscheiden sich nur in einem Kriterium: Niemand im Behandlungsteam ist sich (bisher) sicher, mehrere, durch amnestische Barrieren getrennte Persönlichkeitsanteile mit eigenen Augen gesehen zu haben ODER es gibt keine amnestische Barrieren. Bis das „mit eigenen Augen“ zutrifft, werden mutmaßliche DIS-Patient_innen unter F44.9 zwischengeparkt. Bei vielen DDNOS-Patient_innen wird die Diagnose später auf DIS geändert oder ihr Leben ist sehr, sehr ähnlich wie das von DIS-Patient_innen.


Die wichtigsten Infos zu Trauma – alles auf einen Blick

(1) Du hast mit Trauma gar nix am Hut, aber jemanden mit Traumafolgestörung in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis? Du verstehst nicht, warum man den Altkram „nicht einfach hinter sich lässt“? Hier findest Du Infos, warum das leider nicht so einfach geht: 097 Dreikampf mit Trauma / Was passiert im Gehirn nach Psychotrauma?

(2) Wie ist die Perspektive mit Psychotrauma? Über Skills-Training und andere Techniken kann man Kompensation und gesunde Vermeidung im Alltag ausbauen – doch diese Symptombehandlung hat Grenzen: 120 sich abfinden / 163 wegskillen vs. beruhigen. Ob und wie bei mir eine Traumaaufarbeitung gelingen wird, davon kann ich frühestens in drei bis vier Jahren berichten.

(3) Ich bin mehr als nur ein Traumaschaden! Traumapatienten werden manchmal von ihrem Umfeld, aber (in meinem Fall) oft durch Kontakt mit dem Helferwesen zurechtgeschrumpft – bis man nur noch das Trauma sieht, und nicht den Rest vom Menschen. Dislike! 110 unpathologisch

Traumafolgestörung bei mir?

hier geht’s lang (Passwort erfragen unter sonrisa.mussorgsky@gmail.com / Newsticker: passwortgeschützte Beiträge).

Außerdem hier.


*Was sagt das über unsere Gesellschaft? Sexualisierte Gewalt – vor dem 5. Geburtstag beginnend und langanhaltend – 1% der Bevölkerung ist betroffen = hat unter widrigsten Umständen das Erwachsenenalter erreicht. (Wie viele sind an entstandenen Verletzungen als Kleinkind oder bei heimlichen Geburten im Teenageralter im Hinterhof gestorben? Haben Selbstmord begangen als einziger Ausweg aus der Hölle oder weil das Erwachsenenalter nach der Hölle mit einem Vielemenschen-Gehirn sich kompliziert gestaltet? Sind im Drogensumpf stecken geblieben oder bei Selbstverletzungen gestorben?)

Hallo Welt, bitte wach auf… Tatort ist nicht sonntags Abend im Fernsehen, Tatort ist täglich in Deutschland, in Deiner Nachbarschaft, überall. Wenn man DIS-Lebensgeschichten liest, fragt man sich bei jeder einzelnen: Wo war die Menschheit? Da muss man sich ja mehr Augen und Ohren mit Heißkleber verschlossen haben, als ein Mensch am Kopf hat, dass das nicht aufgefallen ist.

  • Kindesmissbrauch verjährt, bevor die „Opfer“ das Erwachsenenalter erreichen, die Strafen sind teilweise geringer als für das Anfertigen von Raubkopien, obwohl es keinen Zweifel mehr dran gibt, dass die Auswirkungen lebenslang einschränkend sind, gerichtlich beauftragte Gutachter verleugnen teilweise moderne wissenschaftliche Erkenntnisse.
  • Die Zahlen sind erschreckend (auf geschätzte 160.000 Übertritte der sexuellen Sebstbestimmung pro Jahr in Deutschland kommen 8.000 Anzeigen und daraus werden 1.000 Verurteilungen, Quelle) und der volkswirtschaftliche Schaden dieser Taten wird bisher nicht mal getrackt.
  • Weil’s keiner glaubt, dass es „das“ wirklich gibt. … bitte Welt, schau nicht weg.
  • Weil die „Opfer“ oft nicht in der Lage sind, ihre Interessen durchzusetzen. Weil ihre Kraft sich oft dort erschöpft, wo sie um ein einigermaßen normales Leben ringen und sie versuchen, sich Hilfe zubesorgen für den Alltag heute,…
  • … in einem helferoptimierten planwirtschaftsähnlichem System mit monate- oder gar jahrelangen Wartelisten und Bedingungen, die dem Bedarf nicht entsprechen**. Die „Einzelfälle“ des sexuellen Missbrauchs von Kindern lassen sämtliche Behandlungs-Kapazitäten bersten. Ich bin noch gar nicht so weit, dass ich mir ein Strafrecht wünsche, das Tätern das Leben ein bisschen schwerer macht, um die Anzahl der „Opfer“ zu reduzieren. Ich würde mich zufrieden geben (müssen?), wenn Hilfe verfügbar wäre als Krankenkassenleistung, anstatt so zu tun, als wäre eine Traumafolgestörung keine Erkrankung, sondern eine Langeweileerscheinung, wenn diese Hilfe Qualitätsstandards unterliegen würde (Ausbildungen mit Traumaspezialisierung, die quantitativ (noch nicht mal qualitativ) der „Nachfrage“ entsprechen, Weiterbildungsverpflichtungen, Supervisionsverpflichtungen etc.).

Hallo Welt, bitte wach auf.

Und neben all dem gibt es sie: engagierte Unterstützer_innen, die trotz dieser Bedingungen da sind: Therapeutinnen, die sich einen Haxen ausreißen, Psychiatriepersonal, das einem glaubt und zuhört, Ärzte wie meiner, der die coolste Socke am Planeten ist, weil er nie viel sagt und wenn, dann das Richtige. Und dann gibt es Mitmenschen – die da sind, in ihrer wichtigen Funktion als Menschen: mein Mann, unersetzlich in allem, mein Kind, das ein wunderbarer Mensch geworden ist, der mein Leben bunter und meine Tage heller macht, Gleich-Diagnostizierte, die mutmachende Zeilen schreiben, Freundinnen, die zuhören, und derzeit gerade: Shiatsu-Frauen. Soweit zu denen, die es ins Erwachsenenalter geschafft haben. Dann gibt es noch Lehrerinnen, Nachbarn, Schulfreunde von Kindern, die jetzt gerade in ihrer persönlichen Hölle leben. Menschen, die bei Mißständen in den Familien alle Hebel in Bewegung setzen. Ihr alle seid die, die die Welt zu einem besseren Ort machen.

 

 

 

 


**ein Beispiel: Das Einzelzimmerthema in Traumakliniken ist ja wirklich ein leidiges – und wird als „Luxus“ abgetan. Traumatisierte Menschen mit hartnäckigen Schlafstörungen in Mehrbettzimmern werden von ihren Helfern als „Superstars im Hotel“ bezeichnet. Auf die Tatsache, dass für dieses einzige Einzelzimmer in der Klinik die Warteliste oft sechsmal so lange ist, wird nicht reagiert. Das sind die Hilfsangebote – friss oder stirb – im wahrsten Wortsinn.